Statussymbole Hell's Kitchen

Die Küche als moderner Sakralraum: Das Kreuz wird durch den Dunstabzug und der Altar durch den Küchenblock ersetzt - eine Frage des Glaubens.

(Foto: Gaggenau)

Einst wurde sie im Keller versteckt, doch mittlerweile hat die Küche sogar das Auto als Statussymbol abgelöst. Das Reich der Induktionskochfelder ist aber noch mehr - nämlich der größte Kulissenschwindel unserer Zeit.

Von Gerhard Matzig

Der Sound ist müde und das Auto rostig. Sogar der Totenschädel, der am Rückspiegel baumelt, wirkt noch einen Tick lebloser, als ihm das sozusagen statusgemäß zusteht. Wolle, so heißt der Mann, dessen Vehikel nun zittrig vor einem alten Fabrikgebäude hält, steigt aus und klingelt. Auf dem Schild steht "Kollaps". Nun kommt es zum Wiedersehen von zwei in ihrer Subversion würdig ergrauten Punks. Umarmung. Wolle betritt das heruntergekommene Gebäude und befindet sich, nein, nicht in Hell's Kitchen, sondern in der neuen Ikea-Küche.

Wo Kollaps draufsteht, ist das Induktionskochfeld drin. Was Punk war, ist zur lamellierten Dunstabzugshaube geworden. Auf den Schreck hin bekommt Wolle erst mal ein kaltes Bier aus dem hübschen Kühlschrank und dazu ein Glas aus dem Oberschrank. Samt Untersetzer. Schmutzen soll der Punk jetzt bitte nicht mehr.

Der Humor des Ikea-Küchen-Spots "Geil angepasst" ist werbehistorisch der Ich-will-auch-mal-Spießer-werden-Tradition zuzurechnen. Aber es steckt auch eine präzise Zeitdiagnose darin: Die Küche ist das sehr große, sehr geile und millimetergenau durchgeplante Ding unserer Zeit. Kein anderer lebensweltliche Raum erzählt so viel von der Gegenwart und ihren Lebenslügen.

Die Esstische werden immer größer - nur werden die Familien leider immer kleiner

Deshalb ist an diesem Samstag der wirklich offizielle "Tag der Küche" zu feiern, wenn nicht gar zu begehen, und zwar in jenen unzähligen Event-Küchenstudios, die das Land mittlerweile auf eine Weise prägen, wie das zuvor, also vor der Erfindung des Nudelbrettes aus Ahorn (massiv, gedämpft und geölt), nur Rathäusern, Kirchen oder Museen gelingen konnte. Der Umsatz der deutschen Küchenindustrie steigt seit Jahren: von 8,7 Milliarden Euro (2009) auf zuletzt gut elf Milliarden. "Die Küche", sagt der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft "Die Moderne Küche", Kirk Mangels, "ist das neue Statussymbol der Deutschen und hat das Auto abgelöst."

Aus Punk wurde also nicht nur Ikea. Aus dem Automobil als Sehnsuchtsmaschine für ein Leben in rastloser Beschleunigung wurde auch die Raum gewordene Sesshaftigkeit. Nicht mehr der Strand und die Abenteuer des Reisens definieren unser Utopia, sondern die Korpusteile von Siematic mit Dichtlippen und Multifunktionsschienen erledigen das.

Allein von 2014 bis 2015 legte der Verkauf von Küchenmöbeln um elf Prozent zu. Im letzten Jahr wurden bereits 60 000 Küchen mehr als im Boom-Jahr zuvor eingerichtet. Und zwar, wie es im aktuellen Bericht der Gesellschaft für Konsumforschung heißt, "speziell im hochwertigen Segment". Also in der Sphäre jener Küchen, die mehr als 10 000 Euro kosten. Bei Bulthaup, Gaggenau oder Boffi, wo die Bentleys und Lamborghinis unter den Vakuumierschubladen und Weinklimaschränken gehandelt werden, können große Küchen so viel kosten wie kleine Häuser. Die Branche eilt von Rekord zu Rekord. Im ersten Halbjahr 2016 liegt der Anstieg bei 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Der Küchenmarkt mag schon länger Industrie und Publikum entzücken, jetzt aber, man muss es so sagen, kocht er über. Die Küchen werden immer größer, raffinierter und teurer. Auf denkwürdige Weise werden sie "wertiger". Manche Küchen sind so schön, dass man am liebsten darin einziehen möchte. Nur lebte man dann in einem Paradoxon.

Allein die Tische nehmen mittlerweile Dimensionen an, die man bislang nur aus den Refektorien der Klöster kannte, wo sie etlichen Franziskanern (oder etwas weniger Benediktinern) Platz bieten. Während also die Mehrpersonenhaushalte in Deutschland abnehmen, nehmen die Abmessungen der Küchenmöbel und die technologische Vielfalt der Küchengeräte zu. Man könnte sich somit fragen: Wer soll das essen, was in den neuen Fetisch-Küchen so intensiv zubereitet wird?

Das gilt zumal in der Ära des Online-Essens, da sich die Lieferandos dieser Welt die Straßen streitig machen, um einem Erlesenes oder, gerüchteweise, auch Essbares von der Dings-Braterei nach Hause zu radeln. Gleichzeitig nimmt im Supermarkt das Phänomen der "Fertiggerichte" immer mehr Regalraum ein und in den Läden jenes, das sich Convénience food nennt.

Einer amerikanischen Studie zufolge glauben Menschen auch dann, dass sie kochen, wenn sie lediglich eine knetbare Materie, die, sagen wir, Fix-und-fertig-Hühner-Nudeltopf heißt, aus dem Aromapack nehmen und (jetzt kommt das Kochen) "bei mittlerer Hitze unter gelegentlichem Umrühren erwärmen".

Eine Küche braucht man dazu im Grunde nicht, sondern Campingkocher, Schere, Löffel und Topf. Die Küche erübrigt sich übrigens auch deshalb, weil man das Schnitzel angesichts der üblichen Schnellerbilliger-Futter-Konkurrenzen beim Metzger mittlerweile auch vorpaniert kaufen kann. Und den Lachs vormariniert. Schnitzel springen ja ohnehin immer häufiger aus dem Toaster, und Fische sind schon lange geometrisierte Stanzformen, deren Habitat sich in der Tiefkühltruhe gleich neben der Original-Steinofen-Pizza befindet.

Ein Blick in den ambitionierten Küchen-Futurismus lehrt zudem, dass derzeit neue Öfen entwickelt werden, in denen eine künstliche Intelligenz erkennt, was der Amazon-Lieferant deponiert hat, ob Fleisch, Fisch oder Kuchen. Dann wählt der Computer das passende Garprogramm, und die eingebaute Waage misst das Gewicht, während das Thermometer und diverse Sensoren Temperatur und Oberflächenbeschaffenheit des Essens im Auge behalten. Kochen ist im Grunde reine Chemie und etwas Physik, nichts also, was Maschinen nicht auch noch besser könnten. Per Smartphone-App meldet dann der Ofen, wann das Essen (um nicht vom Gericht zu sprechen) fertig ist.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Braten aus dem Ofen kommt wie das Auto aus der Waschstraße. Aromatechnisch wird uns das Gerät wissen lassen, ob man den Komplettservice oder nur Salz erhalten hat. Bei einem der Apple Watch bekannten Chloridgehalt im Blut wird die Salzdosierung automatisch angepasst. Wozu also noch Küchen? Weil die in unzähligen Koch-Shows im Fernsehen präsent sind und eine Art Tele-Gottesdienst darstellen?

Auch. Vor allem aber geht es darum, das immer seltener in der Realität stattfindende Kochen mit immer besseren Küchen zu versöhnen. Vor einigen Jahren wurde insofern eine bemerkenswerte Debatte ums Essen in der Öffentlichkeit ausgetragen. Die Bild-Zeitung gerierte sich damals als Kulinarik-Anwältin armer Menschen. In dieser Funktion prangerte man den Skandal an, wonach eine sozial hilfsbedürftige Familie "nicht einmal" das billige Essen von Ich-liebe-es-McDonald's mehrmals die Woche konsumieren könne. Daraufhin hagelte es Hinweise, dass man sehr viel billiger selber kochen könne. Und daraufhin wurde eine Studie bekannt, wonach das Wissen, wie man in Kartoffeln, Gemüse, Salat und einem Stück Fleisch so etwas wie Nahrung erkennen könne, mittlerweile in breiten Schichten der Gesellschaft verloren gegangen sei. Geheimwissen sozusagen.

In der renovierten Villa von Thomas Mann wird in einer Küche hinter der Küche gekocht

Etwa zur gleichen Zeit durfte man einen nicht weniger geheimen Blick werfen in die äußerlich rekonstruierte, innen aber umgestaltete Ex-Thomas-Mann-Villa in München. Die hatte sich ein Goldman-Sachs-Chef für viel Geld mit einer bizarren Küche ausstatten lassen. Nicht etwa, um darin zu kochen, sondern nur, um eine Kulisse ambitionierter Kulinarik vorweisen zu können. Das eigentliche Kochen wurde vom Personal in einer hinter der Showküche gut versteckten "Arbeitsküche" erledigt. Es ist nicht zu vermuten, dass der Goldman-Mann ahnte, wie nahe er damit Thomas Mann kam. In der Zeit des Thomas Mann waren großbürgerliche Küchen allein dem Personal vorbehalten und meist im Keller untergebracht.

Wenn aber beide nicht kochen können, wollen oder müssen, der arme Mensch so wenig wie der reiche Mensch, dann ist der Mimikry-Küche die Logik kaum abzusprechen. Vielleicht wird man in den irgendwann vollständig überflüssigen Küchen schon bald die ebenso irrelevanten Autos abstellen. In den Garagen könnte man möglicherweise Kochkurse anbieten.