13. Station in Banjul, Gambia Notwendige Amtshandlung

Das fand er auch, aber nach eingehendem Studium fiel ihm auf, dass es abgelaufen war und nur eine Einreise gestattet hatte, die schon stattgefunden hatte und daher aufgebraucht war. Jetzt aber brauchte er noch eine, um nach Gambia zu gelangen, das er zuvor ausgelassen hatte. Jetzt wollte er doch dorthin. Er musste dorthin.

Der Grenzbeamte wusste von all diesen Gründen nichts, auch darüber nichts, dass sie mit Sprache zu tun hatten. Er wusste nur, dass hier eine Amtshandlung nötig war. Nachdem sie einander eine Weile gemustert hatten und er aufgestanden war, um gemeinsam mit dem Beamten das Visum zu inspizieren, hatte der Mann wortlos wortreich eine Lade aufgezogen, und er hatte einen Schein hineinfallen lassen. Auch das eine Sprache.

Schön, wenn man sich auf diese Art versteht. Schwierig wird es, wenn man sich versteht, aber auf beiden Seiten vorgegeben wird, sich nicht zu verstehen. Ein Polizist in Guinea spricht zwischen zwei und dreizehn Sprachen. Für Touristen aus den umliegenden Ländern kann das zu einem Wort-Pingpong führen, vor allem, wenn die einen die anderen nicht verstehen wollen.

Die Polizisten können plötzlich kein Fulani und der Tourist kann kein Wolof, ganz zu schweigen von Französisch oder Englisch. Der eine will Geld, der andere nicht zahlen. Das ist ganz sprachfrei und glasklar verständlich. Es fällt ihnen auch nicht auf, dass sie einander verstehen, wenn sie sich eine Viertelstunde lang in fließendem, mit Französisch gespicktem Mandinga anschreien.

Erst als sie bemerken, dass sie nicht nur dem gleichen Stamm angehören, sondern auch in der gleichen Stadt aufgewachsen sind, liegen sie einander in den Armen und halten sich glücklich an den Händen - und in denen wechseln dann Geldscheine ganz natürlich den Besitzer.

Das böse Wort "Kultur"

Er fürchtete sich vor der Grenze nach Gambia. Die Rückreise in den Senegal war dank eines biometrischen Double-Entry-Visums kein Problem gewesen, und das Passieren der Straßensperren des Militärs, von denen niemand wusste, ob sie nicht doch Sperren der Rebellen waren, war sprachlich glimpflich verlaufen.

Aber jetzt hatte er, dank des Gambischen Botschafters, der die bösen Worte "Kultur" und "Recherche" in den Deutungen "Problem" und "Probleme" in den falschen Hals bekommen hatte, kein Visum. Der Botschafter - oder war es der Konsul gewesen, schwer zu sagen - hatte nach dem dritten Besuch und dem dritten Interview versprochen, seinen Namen im Computer zu speichern und das Kulturministerium von seiner möglichen Reise in das Land zu informieren.

In letzterer Deutung des Wortes konnte man natürlich annehmen, dass das Problemministerium also schon wusste, dass er zum Problem werden würde, und dass dieses Problem auch landesweit als solches bekannt war. Er hatte gehört, dass Probleme in diesem Land an einem Ort gelöst wurden, der "Das Krokodilloch" hieß. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was er sich hätte vorstellen müssen, hätte er das Wort "Krokodilloch" beim Namen genommen.

Zurück zu den Ursprüngen

Der Grenzbeamte wünschte ihm freundlich und in geschliffenem Englisch einen wunderschönen Urlaub und erwähnte, wie stolz man hier auf den Tourismus sei. Er wollte dem Beamten schon verschwörerisch zuraunen, dass er sich in Acht nehmen solle, da President Yahya Jammeh vor drei Tagen die englische Sprache in seinem Land verboten hatte. Er wolle damit dieses koloniale Relikt abschaffen und den Menschen ihre ursprüngliche Sprache zurückgeben. Er verkündete dies auf Englisch und vergaß zu erwähnen, welche Sprache denn von nun an gesprochen werden sollte.

Er kam nun also in eine auf gespenstische Art schweigende Hauptstadt, in der niemand mehr auch nur ein lautes Wort zu sagen wagte. Als er sich mit seinem Freund, dem Finnen, in eine Bar setzte, flüsterte ihm ein Betrunkener ins Ohr: "Trinken, Freunde, trinken ".

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