State of the Union Trumps Einheit ist eine, die andere ausgrenzt

Die Rede des US-Präsidenten zur Lage der Nation mag einende Elemente haben. Doch wer seine Rhetorik genauer betrachtet, sieht vor allem Fremdenhass und Abschottung.

Von Jakob Biazza

Der Moment der größten rhetorischen Meisterlichkeit ist kurz, er duckt sich beinahe etwas weg, hinter dem Lauten, dem Tosenden an Donald Trumps Rede. Er blitzt ziemlich genau zur Hälfte auf. Der amerikanische Präsident hat an diesem Punkt bereits länger über die Mauer gesprochen, die er an der Grenze zu Mexiko bauen will. Er hat ihre Vorzüge, nein, ihre Unverzichtbarkeit ausgestellt, was hier noch zu würdigen sein wird, und nun läuft also alles auf diesen letzten, das Thema abbindenden Satz hinaus:

"So let's work together, compromise, and reach a deal that will truly make America safe ..."

Trump hält hier, man könnte nun spekulieren ob einstudiert oder aus der blanken Intuition des Fernsehstars heraus, inne - und damit die Spannung hoch. Macht keinen Punkt, noch nicht. Wartet. Das Kinn ist minimal erhoben, der Blick schweift ein bisschen ab. Erst dann fährt er fort.

Sekundenbruchteile dauert das nur, aber die reichen. Das Gehirn des Zuhörers ist schnell und konditioniert genug. Es rechnet blitzartig dazu, was in Trumps Sprachrhythmus eigentlich kommen müsste, weil der Präsident es ihm, schon als er noch Wahlkämpfer war, durch stete Wiederholung eingehämmert hat: Ein Satz, der mit "Make America" beginnt, endet mit einem "again". Mit dem Versprechen also, an eine bessere, eine mächtigere Epoche anzuknüpfen.

Doch natürlich kommt das "again" diesmal nicht. Trump will schließlich sagen, dass Amerika noch nie sicher war. Dass nur die Mauer, die er zu bauen plant, diesen Zustand erreichen kann. Aber das vorausgeeilte Gehirn stolpert nun. Sucht nach dem verlorenen Wort. Überdenkt den Kontext, in dem es fehlt - und verinnerlicht ihn damit: Amerika ist kein sicheres Land. Noch nie gewesen. Was für ein untragbarer Zustand.

Politik USA Eine Rede, wie sie die Amerikaner erwarten
Trumps "State of the Union"

Eine Rede, wie sie die Amerikaner erwarten

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Es ist eine Machtdemonstration der subkutanen Wirkung von Sprache.

Wie die übrige Rede eine Machtdemonstration der Rhetorik Trumps ist. Er setzt sie vor allem ein, um das Land weiter zu spalten. Denn in einer Rede, die ein Land einen könnte, und die an einigen Stellen auch so wirkt, als ob sie das wollte, bleibt Trumps Sprache vor allem in jenen Momenten in Erinnerung, in denen sie Angst schürt. Man sieht das besonders deutlich, wenn man die einenden Passagen jenen gegenüberstellt, in denen Trump die illegale Migration dämonisiert.

Die einenden Sätze gehen so: "Wir können alte Gräben überbrücken, alte Wunden heilen, neue Bündnisse erschaffen, neue Lösungen finden." Oder so: "Wir müssen wählen, ob wir unser Erbe verschleudern wollen. Oder ob wir stolz erklären, dass wie Amerikaner sind." Sie thematisieren die Spaltung direkt: "Wir müssen uns entscheiden, ob wir von unseren Unterschieden bestimmt werden sollen. Oder ob wir sie überwinden wollen." Und sie plädieren für ihre Überwindung: Millionen Mitbürger würden gerade zusehen und hoffen, "dass wir nicht als zwei Parteien, sondern als eine Nation regieren". Das richtet sich natürlich auch an das seit den Midterms demokratisch dominierte Repräsentantenhaus.

Mitleidlose Kojoten und Drogendealer

Auf den ersten Blick sind das pathetisch klingende Sätze. In einem Land, das Pathos von seinen Präsidenten gewohnt ist, sind sie bei genauerer Betrachtung aber emotional kraftlos: "Bündnisse erschaffen", "Lösungen finden", "bestimmt werden" - für die große Rede zur Lage der Nation ist das viel technisches, passives und blasses Vokabular.

Vor allem im Kontrast zur Sprache, mit der Trump erklärt, warum er erneut mehrere Tausend Soldaten an die südliche Grenze beordert hat, um auf den "tremendous onslaught" vorzubereitet zu sein, den gewaltigen Ansturm also, der sich auch als Angriff übersetzen ließe.

"Jetzt ist die Zeit gekommen, in der der Kongress der Welt zeigen kann, dass Amerika sich verpflichtet, die illegale Migration zu beenden und die mitleidlosen Kojoten, Kartelle, Drogendealer und Menschenhändler aus dem Geschäft zu drängen." Große, organisierte "Karawanen" würden schließlich auf die USA zumarschieren oder sogar "in Trucks und Bussen" angekarrt.

Was für ein Reigen an zersetzender, entmenschlichender Sprache. Und an Emotion, die, das haben Studien gezeigt, besonders stark dann verfängt und im Gedächtnis bleibt, wenn sie Ängste bedient. Was für eine Demonstration dessen also, was die Linguistik, gestützt auf Erkenntnisse aus der Neuro- und Kognitionsforschung, als Framing bezeichnet: ein Deutungsrahmen für die Welt also, der dem Gehirn dabei hilft, abstrakte Begriffe emotional einzuordnen und entsprechend zu handeln. Wer Chili hört oder liest, denkt, ob er will oder nicht, an Schärfe. Spürt sie womöglich fast auf der Zunge. Wer mit einer "Flüchtlingswelle" konfrontiert ist, sieht den gewaltigen "Flüchtlingstrom" förmlich auf das Land zurasen und alles mit sich fortreißen. Und will sich intuitiv schützen.

Kojoten gelten der Welt (nicht ganz zu recht, aber das ist dem Gehirn hier egal) als Aasfresser. Als umherstreunende, durchtriebene Viecher, mit denen man in Berührung kommt, wenn sie Haustiere reißen. Menschen bauen hohe Zäune, die sie tief im Boden verankern, um ihre Chihuahuas vor einem blutigen Tod zu schützen. Auch massenhafte Jagd konnte die Kojoten-Population in den USA bisher nicht eindämmen.

Wenn Trump über (illegale) Migranten spricht, macht er sie auch hier, wie sonst während seiner Wahlkampfveranstaltungen, zu einer wilden, ungezügelten Naturgefahr und/oder zu einer quasi-militärischen Bedrohung.

Der damit eröffnete Deutungsrahmen lässt, ist er erst einmal gesetzt und akzeptiert (wogegen der menschliche Verstand kaum Verteidigungsmechanismen hat), kaum einen anderen Schluss zu als diesen: "Simply put: Walls work and walls save lives." ("Einfach ausgedrückt: Mauern funktionieren und Mauern retten Leben.")

Wobei Trump bei dem, was er mit dem Begriff Mauer meint, in seiner Rede ein weiteres interessantes, rhetorisches Element einbaut: Es handele sich, streng genommen, gar nicht um eine "einfache Mauer aus Beton". Vielmehr spreche er über eine "smart, strategic, see-through steel barrier", eine strategisch intelligente Barriere aus Stahl also, durch die man hindurchsehen kann.

In seiner faktischen Wirkung macht das freilich keinen Unterschied. Emotional durchaus. Eine Stahlkonstruktion, zumal wenn sie den Blick noch durchlässt und "smart" ist, fühlt sich deutlich weniger massiv an. Sie weckt weniger Gefühle von Abschottung. Was vermuten lässt, dass Trump auch die sogenannte "Overton-Window"-Theorie, die sein ehemaliger Chefstratege Steve Bannon so meisterlich zu nutzen weiß, verinnerlicht hat.

Die Theorie vom Overton-Fenster besagt vereinfacht, dass es zu jedem gesellschaftspolitisch relevanten Thema eine gewisse Menge von Aussagen und Ansichten gibt, die der breiten Mitte der Gesellschaft akzeptabel und damit diskutabel erscheinen. Das Fenster stellt quasi den Rahmen, in dem sich diese befinden. Alles außerhalb gilt als wenigstens heikel, vermutlich eher radikal oder sogar undenkbar. Das Fenster liegt, je nach politischer Ausrichtung der Anhänger, an die sich ein Politiker richtet, mal weiter links, mal weiter rechts. Um gewählt zu werden, versuchen Politiker, Themen aus dem Fenster zu bedienen.

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Overton-Fenster

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In den Debatten dieser Tage erscheint vieles möglich, was vor Jahren noch undenkbar war. Die Grenzen des politischen Diskurses verschieben sich. Wie das geschieht, erklärt eine alte Theorie.   Von Jens-Christian Rabe

Das Fenster kann, so die Theorie, allerdings auch verschoben werden. Eine Möglichkeit dafür: Provokation. Wer etwas sagt, das als unsagbar gilt, lässt eine "sanftere" Alternative womöglich als plötzlich denkbar erscheinen, auch wenn sie das vorher nicht war. Um ein Beispiel aus Deutschland zu bemühen: Ist einmal öffentlich vorgeschlagen worden, Frauen und Kinder an der Grenze notfalls zu erschießen, erscheint die vorher ausgeschlossene, einfache Kontrolle an einer Schengen-Binnengrenze im Gegensatz dazu marginal.

Trumps Mauer-Rhetorik folgt dieser Logik. Wo eine Mauer klobig, klotzig und brutal erscheint, ist eine smarte Stahlkonstruktion wohl immer noch kein Akt der Offenherzigkeit - als Entschärfung und Entgegenkommen kann sie trotzdem empfunden werden.

Das ergibt in der Summe ein sprachliches Umfeld, in dem selbst vermeintlich einende Worte eine zweite Ebene bekommen: "Es ist an der Zeit, die Bünde aus Liebe, Loyalität und Erinnerung wiederzuerwecken, die uns als Bürger, als Nachbarn, als Patrioten zusammenhalten", sagte Trump am Ende seiner Rede. "Dies ist unsere Zukunft - unser Schicksal - und die Wahl, die wir zu treffen haben. Ich bitte euch, Großartigkeit zu wählen."

Eine Rede, die versucht, Einheit zu stiften? Womöglich. Aber in einem solchen Kontext fast zwangsläufig eine Einheit, die nur geeignet ist, sich gegen andere zu richten.

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