"Stasikomödie" im Kino:Ein bisschen Stasi

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"Stasikomödie" im Kino: Ob Ludger (David Kross) hier Spitzelberichte in die Schreibmaschine tippt oder einen Roman, ist Ansichtssache.

Ob Ludger (David Kross) hier Spitzelberichte in die Schreibmaschine tippt oder einen Roman, ist Ansichtssache.

(Foto: Constantin Film)

Leander Haußmann hat einen klamaukigen Wohlfühlfilm über die dunkelste Seite der DDR gedreht. So richtig böse sein kann man ihm für seine "Stasikomödie" aber nicht.

Von Kathleen Hildebrand

Klar, kann schon mal passieren, dass man zufällig Stasioffizier wird. Da steht man als junger, noch ein bisschen zielloser Mann an einer Kreuzung. Zwischen den stillen Plattenbauten im Ost-Berlin der frühen Achtziger, die Straßen so leer, dass eine dieser Gestrüppkugeln vorbeigeweht kommt, die im Western Sinnbild für die absolute Verlassenheit der Wüste sind. Aber die Ampel zeigt das rote Männchen, also bleibt man, als guter DDR-Bürger, stehen. Wartet, und holt sich sein Buch aus der Tasche. Immerhin: "On the Road" von Jack Kerouac. Vielleicht ist der junge Mann noch nicht ganz verloren.

Ein paar Schnitte später steckt der Junge von der Ampel, er heißt Ludger Fuchs (David Kross), allerdings in einer grauen Uniform des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Stasi hat ihn an der Kreuzung durch eine versteckte Kamera beobachtet - und dem leitenden Offizier, Henry Hübchen mit fiesen nikotingeschwärzten Zähnen, gefiel, was er da an Regelbefolgungswillen sah. In einem fensterlosen Raum bekommt Ludger nun also seinen ersten Auftrag: Er soll die alternative, in den Worten des Ministeriums "negativ-dekadente", Szene vom Prenzlauer Berg infiltrieren und zersetzen.

Er kriegt eine Levi's-Jeans aus einem abgefangenen Westpaket angezogen und die Haare verstrubbelt, schon geht es los zu den Künstlern und Kirchennahen, die dem Staat langsam zu gefährlich werden. Das Problem: Ludger fühlt sich sehr schnell ein bisschen zu wohl in der Hausbesetzerszene. Was durchaus auch an den schönen, freigeistigen Frauen liegt, die da mit halbdurchsichtigen Hippiekleidern im Gegenlicht in der Abendsonne tanzen. Es kommt also alles ein bisschen anders und ist am Ende halb so schlimm in diesem großen Klamauk.

Parallel dazu erzählt Leander Haußmann in seinem neuen Film, wie Ludger im Berlin der Gegenwart seine Stasi-Akte im Stoffbeutel nach Hause bringt. Er wohnt in einer schönen Bildungsbürgerwohnung im Prenzlauer Berg, und seine Frau, Kinder und Enkel haben sich versammelt, um gemeinsam den Beleg seiner Dissidenz zu feiern: Ludger Fuchs, mit immer noch verstrubbeltem, aber nun grauen Haar gespielt von Jörg Schüttauf, ist mittlerweile ein berühmter DDR-Schriftsteller und -Oppositioneller. Zur Öffnung der Akte ist deshalb auch Tom Schilling als beflissener Archivar dabei. Die Nachwelt sitzt also auf dem Sofa, schaut mit in Ludgers Vergangenheit, und dem ist nicht besonders wohl dabei: Wenn herauskommt, dass er Unterleutnant bei der Stasi war, sind nicht nur seine Karriere und seine Ehe dahin, sondern seine gesamte Lebenserzählung.

Leander Haußmann hat sich nach dem Jugendalltag im Mauerschatten in "Sonnenallee" (1999) und dem DDR-Wehrdienst in "NVA" (2005) nun die Stasi vorgenommen, die dunkelste Abteilung des Arbeiter- und Bauernstaats. Die Institution, die eine ganze Gesellschaft mit ihrem Netz aus Spitzeln und Inoffiziellen Mitarbeitern mit Misstrauen und Angst durchsetzte, die folterte, wegsperrte, Leben zerstörte. In "Leander Haußmanns Stasikomödie" sind dunkel aber höchstens die Büros im Ministerium für Staatssicherheit an der Normannenstraße. Ludgers Kollegen dilettieren vor sich hin, fahren wie Touristen mit Kamera in der Hand im Schritttempo durchs Künstlerviertel, tragen beige Rentnerjacken und sagen hölzern "fetzt urst", wenn sie in der Weinbar hip wirken wollen. Und Stasi-Chef Mielke? Ist ein verzogenes dickes Kind, das statt über innere Sicherheit lieber über seine Geburtstagsfeier nachdenkt: eine große dekadente Party im denkbar unarbeiterhaften Rokokostil.

Der Film ist ein gemütliches, ein allzu harmloses Vergnügen

Die Frage, die das geschichtsbewusste Feuilleton nun stellen muss, ist natürlich: Darf man das, sich über die Stasi lustig machen? Und die erste Antwort ist natürlich: Ja. Klar darf man. Das Lachen nimmt dem Bösen die Kraft und gibt sie dem Schwächeren. Die zweite Antwort ist aber: Es muss schon auch wirklich lustig sein. Und bei Themen wie der Stasi, die Tausenden das Leben sehr schwer oder sogar unmöglich gemacht hat, könnte interessante Komik aus dem Blick in den Abgrund entstehen. "Get Out" hat das am Beispiel des US-amerikanischen Rassismus vorgemacht, Quentin Tarantino an allen möglichen düsteren Kapiteln der Weltgeschichte. "Stasikomödie" ist im Vergleich dazu ein gemütliches, ein allzu harmloses Vergnügen. Ein Dreh des Films, dass auch die Spitzel bespitzelt wurden, verwischt die Unterscheidung von Täter und Opfer: Sind wir nicht alle ein bisschen Stasi? Darauf eine Vita-Cola.

"Stasikomödie" im Kino: Die Stasispitzel sind hier nichts als tumbe Toren.

Die Stasispitzel sind hier nichts als tumbe Toren.

(Foto: Constantin Film)

Und doch: Wenn man bereit ist, von dieser Limonadisierung der Geschichte abzusehen, dann hat "Stasikomödie" ein paar sehr liebenswerte Seiten. Das liegt vor allem an David Kross, der noch lange nichts von seinem jungenhaften Charme eingebüßt hat, dem man seine welpenhafte Orientierungslosigkeit sofort ganz verliebt abnimmt. Es liegt aber auch an der ernsthaften Nostalgie, mit der Leander Haußmann den Prenzlauer Berg der Achtziger zeigt. Das Duett im queeren Weinbar-Kabarett zwischen DDR-Star Karsten Speck und Alexander Scheer ("Sonnenallee", "Gundermann") ist so anrührend, dass man gern einen ganzen Film über die beiden sehen würde. Und Mielkes dekadenter Rokoko-Ball ist ein wunderbares Bild für eine Staatselite im Niedergang.

Am Schluss wird in der Wohnung vom Ludger Fuchs der Gegenwart ein Kind geboren. Der Arzt rät zum Kauf von Wöchnerinneneinlagen, "wenn Sie nicht wollen, dass es hier bald aussieht, als hätte Tarantino hier 'nen Film gedreht". Davor muss man sich in "Stasikomödie" nun wirklich nicht fürchten.

Leander Haußmanns Stasikomödie, D 2022 - Regie und Buch: Leander Haußmann, Kamera: Michal Grabowski, Musik: Malakoff Kowalski. Mit: David Kross, Henry Hübchen, Jörg Schüttauf, Deleila Piasko, Antonia Bill. Kinostart: 19. Mai 2022.

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