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Stasi-Fall bei der "Berliner Zeitung":Stunde der Prüfung

Nach neuen Stasi-Bekenntnissen bei der "Berliner Zeitung" dringt der Verlag auf komplette Akteneinsicht. In der Redaktion herrscht Fassungslosigkeit.

In der Berliner Zeitung herrscht Alarm - und diesmal geht es einmal nicht um die Führung des Eigentümers David Montgomery. Vielmehr holt die Stasi-Vergangenheit von Journalisten die Redaktion des ehemaligen SED-Parteiblattes ein.

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(Foto: Foto: ddp)

Seit Freitag kursiert die Akte vom Ressortleiter Magazin, Thomas Leinkauf ("IM Gregor"). Am Montag gestand zudem der stellvertretende Leiter des Politik-Ressorts in der Redaktionskonferenz, seit seinem 18. Lebensjahr bis zur Wende für die DDR-Staatssicherheit als Informeller Mitarbeiter (IM) tätig gewesen zu sein. Der Imageschaden der Affäre ist immens.

Der Ruf der Zeitung "als einzigartiges Ost-West-Labor, den sie sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten erworben hat" sei schlagartig bedroht, schrieb mit scharfen Worten Christian Bommarius, leitender Redakteur der Zeitung, am Samstag dem Chefredakteur und Geschäftsführer Josef Depenbrock.

Bommarius' Brief ist ein Dokument der Wut und der Bestürzung. "Als Angeklagter vor Gericht hätte Thomas Leinkauf seine Stasi-Tätigkeit beschweigen dürfen, vor der Öffentlichkeit als Journalist durfte er es nicht", steht dort, und: "Glaubwürdigkeit ist das einzige Kapital, über das Journalisten verfügen." Ins Zwielicht gerät nun auch die von Leinkauf betreute Berichterstattung über Stasi-Themen.

Bommarius erinnert an einen Bericht Leinkaufs über den Prozess der mit Stasi-Vorwürfen konfrontierten - und inzwischen verstorbenen - Schauspielerin Jenny Gröllmann oder den von Leinkauf betreuten Magazinbeitrag eines freien Autors über den Direktor der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe "mit eindeutiger Diffamierungstendenz".

Als Reaktion will die Chefredaktion nun eine Überprüfung aller Mitarbeiter durch eine unabhängige Institution. Doch die hatte es schon mal gegeben. Mitte der 90er Jahre gab der damalige Chefredakteur Michael Maier eine entsprechende Studie in Auftrag.

Wer wusste was im Zeitungshaus?

Damals flog unter anderem der damalige Betriebsratsvorsitzende Peter Venus als IM-Mitarbeiter auf. Seitdem mussten Mitarbeiter bei der Einstellung unterschreiben, nicht für die Stasi tätig gewesen zu sein. Nun herrsche in der Redaktion "Fassungslosigkeit" über die neuen Fälle, sagt ein Redakteur: "Es hat früher genug Gelegenheit gegeben, eine solche Tätigkeit offenzulegen."

Wer wusste was im Zeitungshaus? Nach dem Störfall im "Ost-West-Labor" Berliner Zeitung will man offenbar nichts mehr riskieren - und alles aufarbeiten. Doch die Auseinandersetzung deutscher Medien mit ihrer Stasi-Story verlief selten glücklich. Eine Auftragsstudie vom NDR ("Giftspinne im Äther") sowie ein ZDF-Dokumentarfilm ("Die Feindzentrale") mussten nachträglich korrigiert werden - fatal für die Glaubwürdigkeit.

Der MDR in Leizpig wählte Anfang der Neunziger die rigorose Variante und prüfte sämtliche Mitarbeiter auf alte IM-Lasten.

Diesen Weg möchte jetzt auch die Berliner Zeitung beschreiten, doch inzwischen hat der Bundestag das Stasi-Unterlagengesetz geändert. Wurde früher oft pauschal "gegauckt" (etwa bei Anwärtern für den öffentlichen Dienst oder Lehrämter), sind die rechtlichen Grundlagen für eine solche Prüfung 2006 auf einen engen Personenkreis (wie Spitzenbeamte) beschränkt.

Generelle Akteneinsicht durch den Arbeitgeber ist nicht mehr ohne Weiteres möglich. Daher schätzt der Sprecher der Birthler-Behörde, Andreas Schulze, die angekündigte Aktion beim Berliner Verlag eher skeptisch ein: "Die Rechtslage lässt eine Überprüfung der Mitarbeiter durch die Verlagsleiter nicht zu, da müssen andere Wege beschritten werden." Möglich wäre allerdings, dass die Journalisten ihre eigenen Unterlagen anfordern und dem Verlag öffentlich machen.

Der Vorsitzende des Redaktionsausschusses, Thomas Rogalla, der früher Sprecher der Gauck-Behörde war, sagte der SZ, dass der Ausschuss "alles, was zur Aufklärung von Stasi-Mitarbeit beitrage" unterstütze - auch die Überprüfung der Redaktionsmitglieder: "Für eine Zeitung ist es unabdingbar, dass solche Verstrickungen offengelegt werden."

An diesem Dienstag gibt es in Berlin eine Redaktionsvollversammlung. Die Frage, ob Thomas Leinkauf "als Kollege und als Vorgesetzter noch akzeptabel ist, können nur wir beantworten, die Redakteure der Berliner Zeitung", schrieb Bommarius, - "und Thomas Leinkauf selbst".