Stasi-Fall bei der "Berliner Zeitung" Es schimmert was im Zwielicht

IM "Gregor": Schweigen, Kleinhalten, Verdrängen - so wollte der Chefredakteur der Berliner Zeitung offenbar die Stasi-Affäre rund um einen leitenden Mitarbeiter überstehen. Erst ein gepfefferter Brief aus der Redaktion brachte Bewegung in die unappetitliche Sache. sueddeutsche.de dokumentiert ihn.

Von Hans-Jürgen Jakobs

In der alten DDR war die Berliner Zeitung als SED-Zeitung eingebettet in die Propaganda des Systems. Nach der Wende wollte das Blatt unter Ägide des Bertelsmann-Konzern so etwas wie eine "deutsche Washington Post" werden, ehe sie schließlich an den Investor David Montgomery verkauft wurde.

Thomas Leinkauf, Verantwortlicher für die Seite 3 und das Magazin der "Berliner Zeitung" soll einst als Spitzel IM "Gregor" aktiv gewesen sein.

(Foto: Screenshot: berlinonline.de)

Eine unangenehme Altlast stört jetzt die ohnehin von Erschütterungen geplagte Zeitung - die Welt enthüllte die offensichtliche Stasi-Vergangenheit eines wichtigen Redakteurs: Demnach war Thomas Leinkauf, der Verantwortliche für die Seite 3 und das Magazin der Berliner Zeitung, einst als Spitzel IM "Gregor" aktiv gewesen. Die Art, wie der von Montgomery eingesetzte Chefredakteur Josef Depenbrock mit der Affäre umging, warf intern viele Fragen auf, wie aus der Redaktion zu erfahren ist.

Davon kündet ein Brief, den der leitende Redakteur Christian Bommarius am Samstag dem Verantwortlichen Depenbrock geschrieben hat. "Was nicht vergeht, was seit 1990 mit jedem Jahr gewachsen ist, das ist der dramatische Mangel an Integrität und Glaubwürdigkeit Thomas Leinkaufs", schreibt er: Sollten sich die in der Akte der Birthler-Behörde vermerkten Ausforschungen von Kommilitonen als wahr herausstellen, dann habe Leinkauf "mit jedem Monat, mit jeder Woche, mit jeder Ausgabe der Berliner Zeitung, in der er seine Rolle in der DDR verschwieg, das alles in den vergangenen 18 Jahren restlos verspielt und zugleich die mühsam erarbeitete Glaubwürdigkeit des ehemaligen SED-Parteiblatts Berliner Zeitung auf das Höchste gefährdet".

Dann sprach Bommarius direkt seinen Chefredakteur an, dem gegenüber Leinkauf seine Stasi-Tätigkeit wohl eingestanden hatte. In diesem Fall sei es "mit einem Wort hinter verschlossenen Türen durchaus nicht getan" gewesen, klagt der Redakteur: "Dieses Wort hätte Thomas Leinkauf schon zur Redaktion, vor allem aber zu den Lesern sprechen müssen." Von einem Journalisten sei ein gutes Gedächtnis in eigener Sache schon deshalb zu verlangen, "weil sonst jedes kritische Wort von ihm über Angelegenheiten Dritter unlauter, ja verlogen erscheint".

Beleg sind die Artikel über Stasi-Themen, die Leinkauf in den vergangenen Jahren bei der Berliner Zeitung initiiert oder selbst verfasst hat - sie "schimmern im Zwielicht", schreibt Bommarius. Da ging es zum Beispiel in einem Magazin-Beitrag des freien Autors Paul Kaiser über den als unerbittlichen Stasi-Aufklärer bekannten Hubertus Knabe, den Direktor der Stasi-Opfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen. Das sei "ein Text mit eindeutiger Diffamierungstendenz" gewesen, dessen "gravierende handwerkliche Fehler zu einer umfangreichen Gegendarstellung" geführt hätten.

Das Fazit des leitenden Redakteurs ist klar: "Glaubwürdigkeit ist das einzige Kapital, über das Journalisten verfügen. Geht es verloren, ist es mit dem Journalisten vorbei. Die Berliner Zeitung hat Jahre gebraucht, um ihre Glaubwürdigkeit nicht etwa zurückzugewinnen, sondern ganz neu zu erarbeiten. Was sie bis 1989 vom Neuen Deutschland unterschied, war nur der geringere Grad ihrer Verlogenheit. Ihren Ruf als einzigartiges Ost-West-Labor, den sie in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten erworben hat, verdankt sie auch ihrer unvoreingenommenen Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit, nicht zuletzt ihrer eigenen. Das 18 Jahre lange Schweigen Thomas Leinkaufs droht diesen Erfolg schlagartig zunichte zu machen."

In eigener Sache hat Depenbrock bisher nur in Spurenelementen berichten lassen. Dabei ist klar, dass die IM-Akte Leinkaufs eine persönliche Verpflichtungserklärung sowie handschriftliche Spitzelberichte enthält. "Ich war damals jung, ich war Student", sagte Leinkauf selbst.

Nach Bekanntwerden der Stasi-Verwicklungen war zunächst unklar, was mit dem Beschuldigten geschehen würde. Erst der Bommarius-Brief hat offenbar Dynamik in die unappetitliche Angelegenheit gebracht - am Wochenende wurde bekannt, dass Leinkauf seine Ämter ruhen lässt. Damit verliert Depenbrock eine weitere wichtige Stütze in der Redaktion. Viele andere tragenden Kräfte sind bereits gegangen oder werden sich verändern.

Der Chefredakteur - der für Montgomery beachtliche Renditen erzielen muss - gibt sich auch in schwieriger Stunde offensiv. Auf die Anregung des Berliner CDU-Parlamentariers Michael Braun, der Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin solle die Akte "Gregor" sichten und bewerten, erklärt Depenbrock kurzerhand: Er werde nicht zulassen, dass einer seiner Mitarbeiter vor ein öffentliches Tribunal gestellt werden.

Vielleicht liest er den Brief seines Redakteurs Bommarius noch einmal.