"Stars" auf RTL Im Dschungel siegt das Alter

Mitten im Jugendwahn des Privatfernsehens wurde eine 77-Jährige zur Dschungelkönigin: Ingrid van Bergen siegt für RTL.

Eine Schlussbilanz von Hans Hoff

Und wieder ist das Abendland nicht unter gegangen. Wieder ist keinem Menschen Schaden zugefügt worden. Wieder hat sich gezeigt, dass RTL nach wie vor die Kunst beherrscht, mit anfangs eher komisch dargestellten Figuren kleine Heldendramen aufzuführen.

Eine 77-Jährige trumpft auf gegen den Jugendwahn und gegen den Mythos, dass sich mit vielen Schönheitsoperationen auch viel erreichen lässt.

(Foto: Foto: RTL)

Zehn Verhaltensauffällige mit finanziellen oder profilneurotischen Problemen hat der Sender für seine Show "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" in Ekelhaft genommen und 16 Tage lang eine kleine, manchmal etwas schmierige, oft aber auch sehr feine Seifenoper inszeniert, die sich in ihren besten Momenten jenem englischen Humor verpflichtet fühlte, den alle so gerne beschwören - den sie aber meist empört ablehnen, wenn er in seiner wunderbaren Entschiedenheit im deutschen Fernsehen auftaucht.

Am Ende der Dschungelshow stand diesmal die Erkenntnis, dass eine Menge Zuschauer nun wohl viel mehr wissen über Toleranz, Mitmenschlichkeit und die Abläufe hinter den Kulissen des Privatfernsehens.

Selten noch hat sich eine Show so durchsichtig gemacht wie diese. Selten noch wurde im Geschäft mit Quoten so deutlich, dass die behauptete Realität eben nur eine arrangierte ist. Als der Dschungel für dieses Jahr geschlossen wurde, stand als Siegerin des eher albernen Ausleseverfahrens Ingrid van Bergen fest: Eine 77-Jährige trumpfte auf gegen den Jugendwahn und gegen den Mythos, dass sich mit vielen Schönheitsoperationen auch viel erreichen lässt.

Es war nicht das einzige Ergebnis, das die angeblich herrschenden Verhältnisse auf den Kopf stellte.

Der Zynismus der Betrachter

Auch bei vorgeblich seriösen deutschen Medien lief etwas quer. Als bei der Berichterstattung über das australische Geschehen Überschriften benutzt wurden wie "Kot und Spiele", "Geilheit siegt über Hunger" oder "In den Augen Pipi, im Höschen Kakerlake", offenbarte sich ein Zynismus, der weit über das hinausging, was üblicherweise der Dschungelshow unterstellt wird.

Ja, dort müssen Menschen in Kakerlaken baden, sie müssen mit Aalen und Schlangen schwimmen und Känguru-Hoden essen, wenn sie sich denn entschieden haben, das vom Sender vorgegebene Spiel mitzugestalten und dafür eine ordentliche Gage im fünfstelligen Bereich zu kassieren. Aber sie müssen sich nicht komplett ihrer Würde berauben lassen:Da hält selbst RTL in der Regel Schutzzonen vor, in denen so mancher Schreiber im Dienste der allgemein akzeptierten Entrüstung ziemlich schamlos gewütet hat.

Nun hält sich das Mitleid mit denen, die sich für so etwas zur Verfügung stellen oder glauben, dieses tun zu müssen, üblicherweise in engen Grenzen. Es wird voraus gesetzt, dass der Mensch und erst recht der als prominent geltende, schon weiß, was er tut.

Damit wird der Schadenfreude freie Bahn verschafft und freie Belustigung auf Kosten bezahlten Personals signalisiert. Doch bei dieser Staffel trat wie nie bisher hervor, dass so etwas auch sehr tragisch veranlagte Persönlichkeiten treffen kann. Mochten es drückende Schulden oder exzessiv gelebte Profilneurosen sein, die diesmal die Zurschausteller in den Dschungel trieben, es zeigte sich auf jeden Fall das Sittenbild einer gewissen Verzweiflung -und es blieb der Eindruck, als agierten dort in diesem Jahr mehr Insassen mit einem Muss als mit einem Möchte-Gern in ihrem Seelenbild.

Durch den Kakao gezogen

Mit denen spielte RTL das übliche Spiel. Alle wurden von der Inszenierung erst zerlegt, durch den Kakao gezogen und dann wieder aufgebaut. Das ähnelte just dem Verfahren, das erfolgreiche Theaterregisseure gerne bei ihren Schauspielern zur Leistungssteigerung anwenden, wofür sie in der Regel hoch gelobt werden.

Gelegentlich werden dabei hier wie dort natürlich ein paar Grenzen überschritten. Nicht bei den so genannten Dschungelprüfungen, die sich wieder im Rahmen üblicher pubertärer Mutproben (Wurm essen, was Ekliges anfassen) hielten. Vielmehr war es die Kommentierung der beiden Moderatoren, die das eine oder andere Mal über die Grenze des Verträglichen hinaus schossen.

Wenn Dirk Bach und Sonja Zietlow ein bisschen heftig über den minderaktiven Eiskunstläufer Norbert Schramm herzogen, bekam das mehrfach einen schalen Beigeschmack. Und auch bei der Behandlung der durchgehend als "Zicke" inszenierten Plattenlegerin Giulia Siegel zeigten sie nicht immer jene feine sprachliche Ader, für die sie bei den ersten drei Staffel gelobt worden sind.

Ohnehin hielt sich die moderative Form des ungleichen Pärchens in Grenzen. Zu oft verplapperten sie sich und ließen ihr früher so geschätztes Timing vermissen. Dafür bewiesen sie an anderer Stelle das rechte Gefühl. Als etwa in einer langen Szene Ingrid van Bergen vom Tod ihres Gatten berichtete, der ihr eine mehrjährige Gefängnisstrafe eingebracht hat, sagten die beiden Moderatoren hinterher das einzig Richtige, nämlich nichts.

Spätestens als Giulia Siegel sich aufgrund angeblich quälender Rückenschmerzen freiwillig aus dem Lager verabschiedete, trat nicht nur ans Tageslicht, wie sehr der Sender die Geschehnisse lenkt, wie sehr die Redakteure auswählen, was die deutschen Zuschauer zu sehen bekommen und was nicht.

Da wurde überdeutlich, dass eine als Zicke vom Dienst positionierte Person durchaus auch mal etwas Gutes tun kann, ohne dass es ihr nützt, denn es wird zwar gefilmt, in der Show aber einfach weggelassen. Für professionelle Beobachter mag das eine wenig neue Erkenntnis sein, doch wurde sie selten so deutlich an den Durchschnittszuschauer herangetragen wie in dieser Show, die sich auch an anderer Stelle auf wundersame Weise verdient machte um so etwas wie Verständnis und Aufklärung.

Lehrstunde in Sache Transsexualität

Viele Zuschauer dürften nämlich aus dem Dschungel mehr erfahren haben über Transsexualität als durch etliche Dokumentationen. Mit der einst als Lorenzo bei "Deutschland sucht den Superstar" auf RTL angetretenen Lorielle wurde das Thema sanft aus der Tabuzone in eine gewisse Normalität überführt. War die schrille Lori am Anfang noch einfach der Paradiesvogel, so verließ sie am Schluss das Camp als Zweitplatzierte und als kleine Heldin.

Dass RTL sich schließlich dem Zuschauervotum beugte und trotz aller inszenatorischen Trick-Optionen eine 77-Jährige zur Gewinnerin werden ließ, dürfte dem Selbstbewusstsein einer sich sonst im Privatfernsehen eher vernachlässigt fühlenden Generation durchaus förderlich gewesen sein.

Gedankt wurde es dem Sender mit außergewöhnlichen Quoten, die in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen mehrfach nur knapp an der 40-Prozent-Marke vorbeischrammten. Beim Finale sahen 4,63 Millionen Menschen unter 50 zu, was einem Markanteil von 37,5 Prozent entspricht und weit über dem lag, was Thomas Gottschalk an diesem Abend in der Zielgruppe erreichte.

Der schaffte mit dem anfangs parallel laufenden "Wetten, dass...?" im ZDF 10,63 Millionen beim Gesamtpublikum und damit etwas mehr als im Vorjahr, als er schon einmal gegen das Dschungelfinale angetreten war. Auch die RTL-Show hat sich gegenüber 2008 gesteigert: von 6,44 auf insgesamt 7,17 Millionen. Das bestätigte den Sender womöglich beim heiklen Unterfangen, für mehr als zwei Wochen sein sonst auf die Vertrautheit von Sendeplätzen setzendes Programm umzukrempeln.

Die Werbekunden haben dem Sender die Umstellung nicht gedankt: Noch selten waren so wenige Reklamespots in einer so erfolgreichen Privatsendershow zu sehen. Der Sender schiebt es auf die übliche Werbeflaute im Januar, was nicht ganz der Wahrheit entsprechen dürfte. Vielmehr wollen offenbar immer noch viele Firmen nicht unter einem Dach mit den Kakerlaken-Bändigern hausen.

Der Ruf der frühen Staffel-Tage hallt der Dschungelshow immer noch nach.

Maden für Germany

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