Standort Deutschland Stört uns bitte einmal nicht bei der Arbeit!

Doch woher soll Hans Eichel das Geld nehmen, wo ihm doch schon jetzt die EU im Nacken sitzt, weil Deutschland zu viele Schulden macht? Höhere Staatsausgaben bedeuten ja nicht zwangsläufig, dass mehr Schulden auflaufen. Frankreich oder die USA unter Präsident Bill Clinton haben vorgemacht, wie ein Staat die Wirtschaft stimulieren und anschließend trotzdem seine Schulden reduzieren kann, wenn er mehr Steuern einnimmt und weniger Sozialausgaben finanzieren muss. Besonders gewitzt gingen die Österreicher vor: Sie lagerten Investitionen für Straßenbau oder öffentliche Gebäude einfach aus - in private Gesellschaften. So drückte das Land sein Defizit Mitte der neunziger Jahre unter die Grenzen des Maastricht-Vertrags. Die Bauwirtschaft wurde der Konjunkturmotor, die Arbeitslosigkeit sank auf vier Prozent. Auch die Infrastrukturgesellschaften stehen heute auf solidem Fundament, sagt Franz Nauschnigg, damals wirtschaftspolitischer Berater der Regierung: "Die Lkw-Maut funktioniert bei uns halt schon etwas länger als in Deutschland."

Zu sparen und Schulden abzubauen mag ja prinzipiell vernünftig sein, aber nicht in Zeiten mit schwachem Wirtschaftswachstum und hoher Arbeitslosigkeit, sagt Ewald Nowotny. Die einzige Chance, die Deutschland für die Zukunft habe, sei ja gerade die gute Infrastruktur und die gute Ausbildung der Menschen. "Genau das wird in Deutschland zurzeit verspielt." Die Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg sehen vor allem Wachstumspotenzial bei "anspruchsvollen Dienstleistungen", wie sie Softwareentwickler, Rechts- oder Steuerberater, Marktforscher, Werbeleute und Ingenieure bieten. Berufe, die viel Know-how erfordern. Umso fataler, dass deutsche Hochschulen seit Jahren mit Mangeletats operieren. Und selbst im Bildungsmusterland Bayern Schulen die Eltern auffordern, für kranke Lehrer einzuspringen, weil das Kultusministerium Stellen gekürzt hat.

Der Ökonom Albrecht Müller war früher Mitarbeiter des Superministers Karl Schiller und Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt. Er hat ein sehr wütendes Buch geschrieben. Es heißt Die Reformlüge und rechnet mit den Modernisierern ab. Müller ist überzeugt, dass auch heute Wachstumsraten wie vor 30 Jahren erreichbar sind - mit altbewährten Mitteln. "Man müsste ein wirklich offensives Konjunkturprogramm fahren und eine PR-Kampagne, um endlich die Stimmung zu verbessern." Ende der sechziger Jahre, als noch keiner über Globalisierung sprach und die Große Koalition regierte, verbreiteten Karl Schiller und Franz Josef Strauß Parolen wie "Die Richtung stimmt" und "Die Pferde müssen wieder saufen". Tatsächlich brummte die Wirtschaft bald und erreichte nach einer Flaute 1967 in den folgenden Jahren Wachstumsraten von fünf Prozent und mehr.

Man kann Müllers Ansicht ja naiv finden. Aber spätestens seit Ludwig Erhard ist bekannt, dass Ökonomie viel mit Psychologie zu tun hat. Deshalb wäre es schon interessant, mal auszurechnen, wie viele Arbeitsplätze unsere Wirtschaftselite vernichtet hat - mit ihrem selbstzerstörerischen Gerede, dass Deutschland am Ende ist.