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Städtebau:Gebaut wird schon jetzt wie verrückt - im Wortsinn, nämlich ohne Dichte-Abwägung

Denn der Stress, den Mazda Adli vor allem meint, ist nicht jener Stress, der punktuell und zeitlich begrenzt wirkt, also gemäß der Kontrolle des vorübergehend Gestressten auch wieder endet (wie etwa im Flugzeug oder auf dem Weihnachtsmarkt). Gemeint ist der chronisch verfestigte Stress - infolge etwa jener räumlichen Dichte, auf die man meist keinen Einfluss hat. Exakt das ist: Städtebau.

Wo aber dieser Stress auftritt, erweist er sich, Mazda Adli und der Weltgesundheitsorganisation zufolge, als "eines der größten Gesundheitsrisiken des 21. Jahrhunderts". Stress führt demnach zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen; aber auch zu körperlichen Beeinträchtigungen wie Bluthochdruck. Wer gestresst lebt, trägt ein höheres Risiko für Herzerkrankungen. Und sogar die Schizophrenierate ist in Städten höher als auf dem Land.

Dennoch ist klar, dass unsere Städte nachverdichtet werden müssen, um die Wohnungsnot zu bewältigen. Auch wenn sich die Menschen immer lautstärker dagegen wehren. Wie zuletzt in Berlin per Volksentscheid gegen die Bebauung des Ex-Flughafens Tempelhof. Der um sich greifende Streit um überbaute Parkplätze (in München) oder wegfallende Schrebergärten (in Hannover) ist ja gerade Ausdruck einer Veränderung, die man positiv oder negativ betrachten kann. Der Architekt und Hochschullehrer Ludwig Wappner beispielsweise findet, dass etwa München "im Vergleich zu anderen europäischen Städten wie Paris, London oder Wien viel zu wenig dicht bebaut ist".

Er meint: "Nachverdichtung ist in vielen deutschen Städten das Gebot der Stunde." Aber: "an den richtigen Stellen und mit der richtigen Architektur". Genau darauf zielt auch Mazda Adli, der für "die Architektur und den Städtebau der Gegenwart eine enorme Verantwortung" sieht. Architektur ist demnach nicht nur eine Frage der Ästhetik oder des Geschmacks, sondern eine auf Leben und Tod - oder doch eine, die grundsätzlich immer auch zu Gesundheit oder eben Krankheit führt. Das bekannte Zitat ("Erst bauen Menschen Häuser, dann bauen Häuser Menschen") ist im Sinne der Wechselwirkung von umbautem Raum und Lebensraum, von Geometrie und Psychologie so relevant wie nie zuvor. Der Streit um die Dichte ist ein Anfang.

"Wer die Räume an der einen Stelle eng macht, muss sie an der anderen Stelle wieder weiten"

Gebaut wird allerdings schon jetzt wie verrückt - im Wortsinn, nämlich ohne Dichte-Abwägung. Folglich wird in unseren Städten derzeit eigentlich nur gestapelt und verengt, intensiviert und konzentriert, also schlicht die GFZ nach quantitativen Erwägungen erhöht, während Fragen räumlicher Qualitäten oft unbeantwortet bleiben. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass man nur von "Nachverdichtungen" hört - selten aber auch von "Nachbegrünungen". Mazda Adli etwa sieht dies als Generalproblem der Nachverdichtung an: "Es fehlt immer mehr der öffentliche Freiraum zur Kompensation immer dichterer Städte." Ludwig Wappner ergänzt: "Wer die Räume an der einen Stelle eng macht, muss sie an der anderen Stelle weiten: Nur so entstehen ,atmende' Städte."

Dichte ist ein paradoxer Begriff. Man assoziiert damit in den Städten Vitalität und Urbanität. Aber eben auch Stress. Die Stunde der Nachverdichtung muss deshalb die Stunde der Architekten und Städteplaner sowie die Ära des öffentlichen Grüns, der Plätze und Parkanlagen sein. Sonst wird es einfach nur eng. Und man fängt doch noch an mit dem Federpicken.

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