bedeckt München 16°

Städtebau:Wie zwei Kuchen in einer Backform

Während auf der Schauseite zur Elbe Schlachtschiff-Architektur von Christian de Portzamparc und UN Studio ihren großen Auftritt hat, werden im Schatten der Riesen die großen Baumassen weiter in heimattümelndem Klinker verkleidet. Wegen der erdrückenden Schwere der Steinzeit in Rot, die bis jetzt gebaut wurde, dürfen die Architekten diesmal aber kleinteiliger agieren, was dem Ziegel als eingesetztes Material im Expressionismus und der Speicherarchitektur viel mehr entspricht. Die neuen Gebäude interpretieren die rote Kontorhausgeschichte der Stadt mit stark plastischen Mitteln der Gegenwart.

Auf der Schauseite zur Elbe hat die Schlachtschiff-Architektur von Christian de Portzamparc und UN Studio ihren großen Auftritt.

(Foto: MOKA)

Allerdings kaschieren diese differenzierten Entwürfe ein Versprechen der HafenCity-Planung, das nie eingelöst wurde, das "Grundprinzip" der Körnigkeit. "Ein Baufeld, mehrere Häuser" lautete 2004 die städtebauliche Leitlinie, mit der eine eher gründerzeitliche kleinteilige Parzellenstruktur erreicht werden sollte. Mit den seither gebauten Riesenblöcken hat dieses Vorbild bei aller baukünstlerischen Raffinesse aber nichts zu tun. Und mit den gegensätzlichen Entwurfsauffassungen, die im Zentrum der HafenCity nun aufeinanderprallen, sieht das Quartier eher aus wie zwei Kuchen in einer Backform.

Die viel beschworene soziale Mischung kommt nicht vor. Der Investor darf sich davor drücken

Der Anspruch, das "kommerzielle Herz" der HafenCity zu sein, erfüllt der neue Entwurf allerdings weit besser als der ursprüngliche. Kulturelle Nutzung ist aus dem Plan ganz verschwunden. Dort, wo einst das eindrückliche Wissenschaftsmuseum von Rem Koolhaas geplant war, wird nun ein Duplikat von Portzamparcs New Yorker "Prism Tower" als reiner Bürobau die exponierte Wasserecke besetzen. Für Kultur ist nur noch ein riesiges Kino-Center zuständig, während die einst beschworene soziale Mischung der HafenCity gar nicht zur Anwendung kommt. Obwohl die Verpflichtung, bei jedem Neubauvorhaben ein Drittel Sozialwohnungen zu errichten, in Hamburg Gesetz ist, baut Unibail-Rodamco davon keine. Für die soziale Mischung müssen später wohl Billigkettenläden sorgen. Das Zentrum der neuen Wasserstadt könnte also am Ende eine ähnliche Diskrepanz zwischen öffentlicher und politisch-wirtschaftlicher Wahrnehmung erfahren wie die Olympiabewerbung.

Aber ein vorzeitiges Ende der HafenCity ist auch keine Option. Bei allen Kompromissen, die zwischen städtebaulichen Ideen, globalen Investmentinteressen, zeitgenössischen Kulturgeschmäckern und sozialen Ansprüchen meist zum Vorteil des Profits geschlossen werden, entsteht auf Hamburgs ältesten Kaianlagen trotzdem eine urbane Erfolgsgeschichte - jedenfalls im Vergleich zu den allermeisten Stadterweiterungen aktuell in Deutschland.

Im neuen Entwurf ist doppelt so viel Einzelhandelsfläche wie ursprünglich vorgesehen.

(Foto: MOKA)

Große Neubausiedlungen sind in der Regel einfallslos gestaltete Schlafstädte mit oder ohne Shopping-Mall, deren einziger Identifikationspunkt ein Sonderbau für Bildung ist. Die drei Kilometer lange Innenstadtvergrößerung Hamburgs, die in diesem Jahr zu Ende geplant wurde, setzt sich von diesem Standard deutlich ab.

Zwischen der Elbphilharmonie im Westen, die zumindest nach Außen schon ihre teure Schönheit ausstrahlt, bis zu den geplanten drei Hochhäusern auf dem Ostzipfel des Geländes, mit denen 2025 die HafenCity vollendet sein soll, wurde und wird im Entwicklungsprozess auf Vieles geachtet, was sonst nur die natürlich gewachsene Stadt ausmacht. Das dichte Beieinander von Wohnen, Arbeiten und Unterhaltungsmöglichkeiten eröffnet an diesem Ort die Chance, der kläglichen Verödung der meisten innerstädtischen Trabanten ein Bild von belebter Stadt entgegenzusetzen.

Mit der HafenCity-Universität, dem Konzerthaus, zwei Schulzentren, einer kleinen kirchlichen Einrichtung und einem glücklicherweise doch noch beschlossenen Kreativquartier in ehemaligen Bahnanlagen besitzt das lang gestreckte Viertel Bausteine, die ihren Teil zur Urbanität beitragen können. Auch das Bespielen der Erdgeschosszonen, durch das der Straßenraum attraktiver wird, die Uferzonen als öffentliche Promenaden und zwei Parks, davon einer auf einer künstlich aufgeschütteten Insel im Hafenbecken, sind Planungsentscheidungen, die eine Identifikation mit dem Stadtteil befördern.

Auch architektonisch sieht die HafenCity um ein vielfaches abwechslungsreicher aus als andere innerstädtische Renommee-Projekte, etwa die Klötzchensammlungen in München, Berlin oder Stuttgart. Wenn in den nächsten zehn Jahren, wo in der östlichen Hälfte der HafenCity bis zu 75 Prozent Wohnbebauung entstehen sollen, auch noch an die Integration der Flüchtlinge gedacht wird, dann zeigt die HafenCity vielleicht doch ein Modell, wie Kompromisskultur zu Urbanität führen kann.

© SZ vom 08.12.2015/cag

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite