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Städtebau:Größenwahn, durchsonnt und mit Aschenbecher

"Wenn Sie wollen, können Sie bei uns eine komplette Stadt bestellen", sagte 1970 Albert Vietor, Geschäftsführer der Neuen Heimat. Der Konzern baute die alte Bundesrepublik. Michael Mönninger führt nun in die Höhle des Baulöwen.

Man hat der alten Bundesrepublik intellektuelle und ästhetische Provinzialität nachgesagt. Was immer sonst ihre Vorzüge sein mochten, sie schien ohne Ehrgeiz, formlos beschaulich, ein Schönwetter-Staat, dem es an Ritualen und Erhabenheit fehlte, in dem vom Kanzler bis zur Angestellten alle ihr Glück in einem bescheidenen Einfamilienhaus erblickten. Das war bestenfalls die halbe Wahrheit. Zu welchem Größenwahn das Land fähig war, zeigt eine Anthologie mit Texten und Bildern aus der Konzernzeitschrift Neue Heimat Monatshefte für neuzeitlichen Wohnungsbau. Gegründet vom Architekten Ernst May, erschien sie von 1954 bis 1981 und begleitete publizistisch die größte Wohnungsbaugesellschaft der westlichen Welt.

Wer sich überhaupt noch an die Neue Heimat erinnert, dem fallen zuerst die Skandale ein, die in den Achtzigerjahren zum Untergang des gewerkschaftseigenen Unternehmens führten. Ein korruptes Management und Überschuldung führten zu Bankrott, Verkauf, Untersuchungsausschüssen. Gemeinnützige Wohnungswirtschaft war fortan nachhaltig diskreditiert.

Ein paar Jahre zuvor hatte das Vertrauen in die eigene Kraft kaum Grenzen gekannt. Die Neue Heimat behandelte das Bonner Wohnungsbauministerium wie eine nachgeordnete Behörde, ihr Geschäftsführer Albert Vietor prahlte 1970: "Wenn Sie wollen, können Sie bei uns eine komplette Stadt bestellen." Fünfhunderttausend Wohnungen, die meisten in etwa siebzig Großwohnanlagen, errichtete die Neue Heimat, darunter "Neue Vahr" in Bremen, Neuperlach in München.

"Wenn Sie wollen, können Sie bei uns eine komplette Stadt bestellen." Albert Vietor, Geschäftsführer der Neuen Heimat, 1970

Die politische Ökonomie der Neuen Heimat ist mehrfach dargestellt worden, aber was haben die Akteure gedacht, gewollt, erhofft, als sie die Daseinsvorsorge vergesellschafteten? Die Monatshefte für neuzeitlichen Wohnungs-, später auch Städtebau geben auf ungefähr 22 000 Seiten Auskunft. Gut achtzig Dokumente hat Michael Mönninger ausgewählt und kommentiert. Seine Einleitung ist ein knapper, erhellender Rückblick auf die Nachkriegsmoderne und ihre Planungskultur. Er behandelt die Selbstdarstellung des Konzerns, Leitbilder, Utopien, Vorstellungen von Stadt und städtischem Leben: "Die häufigste soziale Tätigkeit jenseits der Vitalfunktionen war das ,Bummeln'. Besonderer Wertschätzung erfreuten sich Entwürfe ,wie aus einem Guss'."

In den goldenen Jahren der Berliner Republik zählte der Formulierungskünstler und Polemiker Michael Mönninger zu den wichtigsten Architekturkritikern. Er entfaltete ein nicht-technokratisches Verständnis von Urbanität als städtebürgerlicher Lebensform und setzte damit die Kritik an der Nachkriegsmoderne und ihren Fetischen fort. Er schrieb gegen Entmischung und den Fetisch von der "autogerechten Stadt", die weder den Autos noch ihren Fahrern gerecht wurde, gegen Geschichtsvergessenheit und die Idee, Gesellschaft ließe sich behördlich planen, nach Kennziffern optimieren, von Architekten qua Gestaltung erziehen oder in Kiez-Idyllen ruhigstellen.

Seit 2007 lehrt Michael Mönninger an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Seine Dokumentation gipfelt in einer faszinierten Beschreibung der Großbauten, jener Technik-Tempel, in denen der Glaube an Planbarkeit und "Globalsteuerung" seinen Ausdruck fand. Die Neue Heimat errichtete Kongresszentren in Hamburg, Monaco und - dort selbstredend das größte und teuerste - in Westberlin, das ICC: "In jedem der 3000 Polstersessel gab es Mikrofon, Wortmeldetaste, Signal für Worterteilung, Simultan-Dolmetscher-Verbindung, Schreibplatte, Tischbeleuchtung, Lautstärkeregler, Kopfhöreranschluss, Aufhängevorrichtung für Taschen, Ablagenetz, Halterungen für Gläser und Flaschen sowie als besondere Annehmlichkeit: einen eigenen Aschenbecher." So detailversessen wurde das Gesamtkunstwerk für eine Gesellschaft im Gleichgewicht und in Dauerkommunikation geplant.

Der Rückblick dient freilich weder der Empörung noch dem billigen Hohn der Spätgeborenen. Viele Fragen jener Jahre liegen wieder auf dem Tisch. Die Daseinsvorsorge den Märkten zu überlassen, wie es nach dem Zusammenbruch der gewerkschaftseigenen Unternehmen Mode wurde, hat erstens die Wohnungsfrage verschärft und zweitens neue Immobiliengiganten hervorgebracht, die nun wiederum, so Mönninger, "heikle Ambitionen als umfassende Systemanbieter entwickeln". Großsiedlungen wie Trabantenstädte sind in Verruf geraten, waren es schon zur Zeit ihrer Entstehung. Doch wird man neue Stadtteile bauen müssen. Aus einem Guss? Mit Investoren oder gemeinwirtschaftlichen Unternehmen? Durchsonnt, großzügig oder verdichtet, kleinteilig? Wer mitdiskutieren will, findet in dieser Anthologie ausreichend Material über weitgehend vergessene, aber nützliche Erfahrungen.

Michael Mönninger: "Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates". Städte- und Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne. Die Konzernzeitschrift "Neue Heimat Monatshefte 1954 - 1981". DOM publishers, Berlin 2018. 480 Seiten, 48 Euro.

© SZ vom 27.11.2018

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