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Städtebau:Geheimwaffe Kultur

Der französische Staat hat sich der nördlichen Vorstädte von Paris angenommen. Viel geschieht unter der Erde – ein Netz von U-Bahnen und Zügen wird Orte wie Chêne-Pointu enger mit dem Zentrum verbinden.

(Foto: Alexander Klein/AFP)

Wo vor zehn Jahren die Pariser Vorstädte brannten, drehen sich nun die Kräne. Im Untergrund entstehen neue Bahnlinien wie der "Grand Paris Express". Und Kunst und Musik sind in Zelte eingezogen.

Von Joseph Hanimann

Zwölf Jahre soll das her sein? 2005 ging die nördliche Vorstadt von Paris in Flammen auf. Drei Jahre später lancierte der damalige Präsident Nicolas Sarkozy das Stadterneuerungsprogramm "Grand Paris". Und was ist passiert? Nicht viel, die Situation sei so explosiv wie zuvor, ist oft zu hören, beim ersten Zwischenfall drohe der nächste Gewaltausbruch.

Das klingt mehr nach Nervenkitzel als nach realistischer Einschätzung. Nicht nur sind viele der tristen Wohnriegel verschwunden oder zumindest renoviert. Man muss blind und taub sein, um die überall tanzenden Baukräne und Tunnelfräsen nicht zu sehen und zu hören. Nur geschieht eben viel davon tief im Untergrund. Gut hundert Jahre nach Einweihung der ersten Metrolinien, vierzig Jahre nach dem 1977 in Betrieb genommenen Regionalverkehrsnetz RER (Réseau Express Régional) tritt Paris in die dritte Phase der Raumerschließung durch Mobilität und holt damit ein Versäumnis der letzten Jahrzehnte nach. Die Bauarbeiten für die 200 meist unterirdischen Schienenkilometer des "Grand Paris Express" (GPE) mit 68 neuen Bahnhöfen für 30 Milliarden Euro haben begonnen. Im Jahr 2030 soll der Großraum Paris endlich mit einem nicht mehr strahlenförmigen, sondern netzartigen Verkehrssystem ausgerüstet sein.

Der "Grand Paris Express" wird die Bodenpreise in Bewegung bringen

Clichy-sous-Bois, wo der Tod zweier von der Polizei verfolgter Jugendlicher 2005 die Unruhen auslöste, ist dann statt anderthalb Stunden nur noch eine halbe Stunde vom Pariser Stadtzentrum entfernt. Unter König Heinrich IV. wurden dort Hirsche gejagt, 400 Hektar Wald stehen noch heute. Auf dem restlichen Gebiet schossen ab 1960 die Wohnblöcke des Viertels "Le Chêne Pointu" aus dem Boden. Die Abgeschiedenheit ist aber geblieben. Steigt man dort aus dem Bus, steht man vor einer Art zerknittertem Hexenhaus mit rostbrauner Fassade und rotem Türmchen. Wach- oder Aussichtsturm? Polizeiamt, steht über dem Eingang des von der Pariser Architektin Fabienne Bulle entworfenen Neubaus. "Dieses Polizeiamt war die erste konkrete Antwort auf die Unruhen", sagt Lamya Monkachi, die damals in der Stadtbehörde arbeitete. Aus ihrer Bemerkung klingt keine Spur von Ironie. In Clichy-sous-Bois gab es zuvor kein Polizeirevier und dessen Anwesenheit wird von der Bevölkerung eher begrüßt als beargwöhnt. Statt "Commissariat de police" heißt die Polizeistelle auch passend: "Commissariat de sécurité de proximité", Sicherheitsamt für die Nahumgebung. In dieser Nahumgebung befinden sich: eine Grundschule, eine Hauptschule, ein Gymnasium. 45 Prozent der 30 000 Einwohner dieser Vorstadt sind unter 25 Jahre alt, fast die Hälfte ist arbeitslos. Das neue Polizeigebäude steht da wie ein Versprechen auf Besserung durch Stadterneuerung. Mehrere Großsiedlungen sind schon abgerissen. Tausend Wohnungen wurden renoviert und 1 400 Neubauwohnungen werden hinzukommen. Auch der neue GPE-Bahnhof von Clichy-sous-Bois ist hiergeplant. Und der "Grand Paris Express" wird die Bodenpreise in Bewegung bringen. Um den einstweilen noch etwas verloren wirkenden "Carrefour des Libertés" wird schon eifrig Grünzeug gepflanzt und schickes Stadtmobiliar poliert.

Die Pflege des öffentlichen Raums sei die sichtbarste Veränderung gegenüber den vollgeschmierten Wänden und windschiefen Straßenlaternen von früher, sagen Fabienne Boudon und Lou Bellegarde. Sie arbeiten seit sechs Jahren für das Berliner Architekturbüro LIN an neuen Stadtvisionen für die nordöstliche Pariser Vorstadt. Die damit einhergehende Verdichtung weckt bei der aus dem Stadtzentrum hier gestrandeten Bevölkerung zwar einige Ängste vor steigenden Mietpreisen. Bei den Stadtbehörden jedoch, so die Beobachtung der Architektinnen, stoße die Idee von Sanierung durch Verdichtung auf offene Ohren. "Eine neue Generation sitzt heute in den Bauleitungsbüros der Vorstädte und geht die Altlasten der Großsiedlungen mit einer resoluten Projektlogik an".

Niklas Moulin ist ein Vertreter dieser Generation. Er leitet das Bauwesen in der etwas weiter nördlich gelegenen Vorstadt Sevran. Das mittlere Einkommen liegt dort bei 14 500 Euro pro Jahr. Drogenhandel und Vandalismus blühen. Dabei liegt der Ort genau auf der Achse zwischen dem Flughafen Charles-de-Gaulle und der Pariser Innenstadt, einem der aktivsten Wertschaffungscluster der Hauptstadtregion. Die Bewohner des Quartiers Sevran-Beaudotte spüren wenig davon. "Abtropfraum" wird das Quartier manchmal genannt: eine Etappe für Neuankömmlinge, die so schnell wie möglich weiterziehen. Zurück bleibt, wer nicht anders kann, wer keine Papiere und keine Beziehungen hat. "An diesem Ort ist gewiss auch Stadtsanierung nötig", gibt Niklas Moulin zu, doch laufe man mit solchen Maßnahmen seit Jahrzehnten vergeblich der Realität hinterher. "Hauptsache ist für uns ein erfinderischer Städtebau mit neuartigen Modellen der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit". Mit Prestigeprojekten kann die Stadt Sevran nicht aufwarten. Als eine der wenigen wird sie aber gleich zwei GPE-Bahnhöfe erhalten und hat unter dem Namen "Cycle Terre" ein von der EU unterstütztes Verfahren entwickelt, die ausgehobene Erde gleich an Ort und Stelle in Baumaterial zu verarbeiten und zu verwenden.

Man hofft in Sevran auch auf die Dynamik der Olympischen Spiele 2024 in Paris. So könnte ein Wellen-Generator für die Surf-Wettkämpfe auf einem See von Sevran entstehen. Der rührige Bürgermeister Stéphane Gattignon will mit solchen Operationen das Image seiner Stadt vom Problemfall in einen attraktiven Modellfall umkrempeln. Der Weg dahin ist noch weit.

Doch setzt Frankreich nun auf eine Geheimwaffe der Stadterneuerung: die Kulturpolitik. Auch dafür gibt es in Sevran ein Beispiel. Seit einem Jahr steht dort auf einem Abstellplatz gegenüber der Großsiedlung von Beaudotte hinter einem Metallzaun ein graues Zelt mit rotem Metallgerüst und der Aufschrift "Micro-Folie". Das Design erinnert an die rot leuchtenden "Folies", die postmodernen Lustpavillons, die der Architekt Bernard Tschumi in den Achtzigerjahren in Anspielung auf die klassische französische Lustgartenarchitektur in den Pariser Parc de la Villette baute. Die "Micro-Folie" von Sevran ist ein Pilotprojekt, das mit minimaler Infrastruktur die Pariser Hochkultur in die Vorstadt trägt. Tschumis Architekturbüro hat die Zeltkonstruktion entworfen, in welcher der Louvre, das Centre Pompidou, das Versailler Schloss, die Pariser Philharmonie und andere Institutionen auf digitalem Weg ihre Werke präsentieren. Initiiert wurde das Projekt von Didier Fusillier, dem Direktor des Pariser Villette-Kulturparks.

Im Inneren wirkt die Micro-Folie in Sevran auf den ersten Blick wie ein Basar. Kinder spielen mit ihren Müttern an kleinen Tischen Gesellschaftsspiele, Jugendliche drucken selbstentworfene Designmotive auf ihre T-Shirts, ein Mann stellt per 3-D-Drucker einen Lampenständer her. Und die Kultur? Auf einem großen Bildschirm ziehen unentwegt und wenig beachtet Ansichten von Mona Lisa, Picassos "Guernica", Géricaults "Floß der Medusa" vorbei. Ab und zu schnappt ein Besucher sich ein Tablet und vertieft sich in eines der Werke. "Wir müssen die Leute hier in ihrer kulturellen Abgeschiedenheit abholen und sachte zu den Kunstwerken hinführen", sagt Phaudel Khebchi, der Leiter dieser Kulturinsel. Der Franzose algerischer Herkunft ist selber in diesem Viertel aufgewachsen. Bis vor einem Jahr sei der Ort ein Treffpunkt für Drogenhändler, Kiffer und Hausbesetzer gewesen, erklärt er, und das sei er teilweise immer noch. Zu clean, zu hell, zu offiziell, hätten die Revierbewohner anfangs gemurrt und nachts ihren Müll über den Zaun geworfen. Institutionellen- und Rebellenkultur sind einander aber in einem seltsamen Ritual aus Rivalität und Neugier näher gekommen. Seit einem Jahr habe er bei der Micro-Folie nicht die geringste Sachbeschädigung festgestellt, beteuert Phaudel Khebchi.

Das Kulturministerium finanziert eine "Villa Medici der Vorstadt"

Ganz anders funktioniert das Kulturprojekt, das im Grenzraum zwischen Clichy-sous-Bois und Montfermeil entsteht. Das französische Kulturministerium hatte dort 2011 eine Immobilie gekauft und wollte darin nach dem Vorbild der berühmten Römer Künstlerresidenz eine "Villa Medici der Vorstadt" errichten. Seit zwei Jahren leitet der Kulturmanager Olivier Meneux das mittlerweile in "Ateliers Médicis" umbenannte, einstweilen noch eher virtuell existierende Etablissement. Das Architekturbüro "Encore Heureux", das den französischen Pavillon der Architekturbiennale Venedig gestalten wird, entwarf für die Villa Medici ein Provisorium, bis der für 2024 geplante Neubau fertig ist. Dort soll eine Szene für neue Kunstformen und Städtebau entstehen. "Kreative Provokationen" hieß ein Programm des kolumbianischen Kollektivs "Arquitectura Expandida", das in diesem Herbst im Viertel "Le Chêne Pointu" zusammen mit den Bewohnern mit Bänken, Spielplätzen und Installationen eine Dynamik der Bürgereinmischung in den Städtebau zu lancieren suchte.

Ob lokale Bedürfnisbefriedigung und internationale Qualitätsansprüche zusammenfinden werden, ist ungewiss. Meneux setzt auf die Frauen und auf die Jugend der Vorstadt. Das Staatsprojekt der "Ateliers Médicis" wie die Anwesenheit von Louvre und Versailler Schloss in der "Micro-Folies" am Fuß der Vorstadtwohntürme haben am Ort zunächst einen Schock des gesteigerten Selbstvertrauens ausgelöst. Neben den handfesten Investitionen brauche Stadterneuerung auch die Bereitschaft zum Experiment, fordern die Verantwortlichen. Diese Bereitschaft kommt in Frankreich weiterhin vornehmlich von oben herab. Ohne dass schon feststünde, wann sie das Terrain auch wirklich erreicht.

© SZ vom 09.01.2018
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