Städtebau Vergemütlichung und Verengung erhöhen den Druck

Nur dass Straßen, die gar nicht mehr befahren werden können, schnell etwas Vernachlässigtes bekommen, das ist nun einmal ein Fakt, auf den eigentlich immer schon hingewiesen wurde, wenn es um urbane Angsträume geht. Das ist der eingebaute Haken bei der Verfußgängerzonung der Stadt: Bei Tag mag die Verbannung des Autoverkehrs menschenfreundlich wirken, bei Nacht wird es dafür schnell beklemmend.

Der rot-rot-grüne Senat von Berlin hat ernsthaft im Koalitionsvertrag vereinbart, den einst weltberühmten Boulevard Unter den Linden in eine Fußgängerzone zu verwandeln. Dabei ist dessen Westteil durch die Schließung des Brandenburger Tores für den Autoverkehr schon zu einer toten Sackgasse geworden, in der Touristen tagsüber ihre Selfies machen und abends, wenn sie sich in eins der verwaisten Restaurants verirrt haben, vergeblich auf Taxis hoffen, weil: Was sollten die dort?

Während das Verkehrsaufkommen unbeirrt steigt, wird durch Vergemütlichung und Verengung der Druck zusätzlich erhöht. Und während einerseits die Anschaffung emissionsfreier Vehikel propagiert wird, steht gleichzeitig immer schon die prinzipielle Verbannung des Individualverkehrs aus den Städten als höheres Politikziel am Horizont. Solche Widersprüche bleiben natürlich auch im Stadtbild nicht folgenlos.

Berlin erstickt nicht am Verkehr - sondern an der Ideologie der Strampelnazis

Die Bemühungen der linken Rathäuser von Berlin, Paris und Madrid sind auf den ersten Blick so unabweisbar menschenfreundlich, dass man schon aus Prinzip die Frage stellen muss, ob sie es auf den zweiten immer noch sind. Ob da Stadtentwicklung wirklich mit Blick auf die betrieben wird, die mal als Kernklientel linker Politik galten, oder für shoppende Touristen und die Glücklichen, die sich das Leben im Zentrum und kurze Arbeitswege mit dem Rad leisten können. Und wer da ausgegrenzt wird, wenn er nicht mehr mit dem Auto reindarf, sei es zum Arbeiten oder zur Teilhabe an der Stadt.

Radfahren, das kann man gar nicht genug betonen, könnte abgesehen von allen gesundheitlichen und ökologischen Vorteilen etwas Herrliches sein in der angenehm flachen Stadt Berlin - wenn man sich dabei nicht so oft als Teil einer ideologischen Massenbewegung wiederfinden müsste, umgeben von tourettesyndromhaft in den Verkehr hineinfauchenden Strampelnazis. Ein emissionsfrei in 2,6 Sekunden auf 100 km/h beschleunigter Tesla S sollte der Atemluft eigentlich keinen Abbruch tun; aber es geht ja offensichtlich um noch etwas anderes. Die eigentlichen Frontlinien sind heute schon unübersehbar: ergrimmt in die Pedale stampfende Autochthone, fröhlich zur Seite gehupt von Migrantenkindern, für die sich Erfolg und Integration in Deutschland eben durchaus auch in Zylindern und Hubraum bemessen lassen. Wenn die Alteingesessenen sich rechts wie links so vehement ins Kleinstädtisch-Biedermeierliche zurückbefördern wollen, dann ruht sie nun einmal auf den Schultern der neuen Deutschen, die Idee von großstädtischer Urbanität als Ballung von Tempo, Ambition, Vielfalt, Spannung und Differenz.

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Das berühmte Romanische Café, schreibt Erich Kästner, war in Berlins goldenen Zwanzigern nur der "Wartesaal der Talente", die entfalteten Genies zogen dann weiter zu Schwanneke am Ku'damm und bestaunten ihre Autos. "Man läuft vor die Tür, barhäuptig und neugierig, um sich das Kabriolett von X anzusehen. Man steht davor: Und die Fachausdrücke ,Steuer-PS' bis ,Zündkerze' werden nicht anders gebraucht wie ,Peripetie' und ,hohes C'".

Die Rechtsnachfolger dieser Institutionen des Metropolitanen sind so gesehen heute am ehesten jene Cafés in den Ku'damm-Seitenstraßen, vor denen immer die Bentleys in zweiter Reihe parken, selbst wenn in der ersten noch Platz wäre, und wo Deutsch allenfalls zweite Fremdsprache ist.

Und während sich das biodeutsche Bürgertum morgens und abends zu Radfahrerschwärmen zusammenschließt, wie man sie einst von Bildern aus Hanoi oder Saigon kannte, sieht man diejenigen Berliner, deren Eltern einst aus Hanoi oder Saigon kamen und die jetzt die kulinarische Zivilisierung der deutschen Hauptstadt zu ihrem Anliegen und Geschäft gemacht haben, so gut wie nie auf Fahrrädern, aber oft hinter Lenkrädern südwestdeutscher Bauart.

Gegönnt sei ihnen in tiefer Dankbarkeit jede Zündkerze und jedes einzelne Steuer-PS.

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