Stadt der Zukunft Die Stadt der Zukunft ist grün

Etliche namhafte Architekten und Stadtplaner in aller Welt fangen derzeit an, sich für die Himmelschlüsselstraße 60 in München zu interessieren. Wenn das so weitergeht, kann Plattner am Parkplatz hinter der Gärtnerei ein Schild anbringen lassen: "Reserviert für Stararchitekten". Seit er und sein Team ihre Erfindung auf der Architekturbiennale in Venedig gezeigt haben, ist G.K.R. so etwas wie die Hoffnung einer grünavantgardistischen Pflanzen-Architektur. Nicht als Kunst-Begrüner wie der Franzose Patrick Blanc. Sondern als Tüftlerbund. Was vielleicht auch etwas deutschtypisch ist. Aber auch in dieser Rolle kann man zu einer Art Buckminster Fuller der Botanik werden.

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Plattners Erfindung heißt "schwebende Pflanzen" (als Marke: Hydro Profi Line). Vereinfacht gesagt, beschreibt die dem Schweben zugrunde liegende, patentierte Technologie eine Art Botanikschwindel. Beziehungsweise eine Überredungskunst. Den Pflanzen in speziellen Begrünungssystemen wird nämlich suggeriert, sie seien, was Wasser und Nährstoffe angeht, bereits "im Schlaraffenland". Deshalb tun sie fürderhin, so Plattner, genau das nicht, was Pflanzen sonst immer erdwärts tun: sich in Richtung Nährstoffe auszuwurzeln. Letztlich aber bedeutet dies: Der Wasserverbrauch von Begrünungen reduziert sich laut G.K.R. "um bis zu achtzig Prozent auf nachhaltige Weise".

Langfristig haben die Pflanzen außerdem genug Platz. Durch das quasi natürlich eingeschränkte Wurzelwachstum bleibt auch die Architektur als vertikales Traggerüst (Wand) oder als horizontale Konstruktion (Dach) frei von der Notwendigkeit, sich dem Pflanzenwachstum in irgendeiner Weise dynamisch anzuschmiegen. In der Kombination einer planvoll durchdachten, statischen Architektur und einer ebenso planvoll konzipierten, dynamisierbaren Pflanzebene werden begrünte Kubaturen erstmals wirklich "pflegeleicht". Und, wichtiger, massenwirksam. Denn Pflanzen verschönern nicht nur das Lebens- oder Arbeitsumfeld, sie dienen auch der Verdunstkühlung, der Temperaturpufferung, der Verschattung und sogar der Luftreinigung sowie der Staubbindung. Sogar der Fauna kann solche Flora dienlich sein. Und eine Lärmminderung um bis zu zehn Dezibel ist auch noch drin. Flora ist insofern nicht nur die Göttin der Blüte, sondern auch die Superheldin des zeitgenössischen Städtebaus.

Die Praxistauglichkeit der Plattnerschen Wurzel-Überredungskunst, so sie langfristig nachweisbar ist, definiert den entscheidenden Punkt. Denn viele neue Vertikal-Wälder (zeichenhaft ist etwa der "Bosco Verticale", ein intensiv begrünter Zwillingsturmkomplex in Mailand von Stefano Boeri) leiden mitunter schon bald am vernachlässigten Grün. Oder an zunehmend ins Astronomische wuchernden Kosten für die Pflege. In den Worten von Ingenhoven Architects: "Mit Balkonblumen ist es halt nicht getan, wenn man wirklich grüne Architektur haben will." Wände und Dächer sind nicht so leicht in Naturreservate zu verwandeln, wie das einem auf Imagebroschüren gern vorgegaukelt wird.

Am Ende sind es doch noch die Gärtner, die die Welt retten

Das inzwischen weltweit agierende Büro aus Düsseldorf, mit Christoph Ingenhoven an der Spitze, gehört übrigens zu den Pionieren grüner Städte und einer atmend vitalen Architektursprache. In Singapur wurde der vor wenigen Monaten eröffnete Gebäudekomplex "Marina One" mit dem Mipim-Award 2018 (Best Innovative Green Building) ausgezeichnet. Und in Düsseldorf entsteht gerade "Kö-Bogen 2". In zwei Jahren soll unmittelbar am Hofgarten, dem Dreischeibenhaus wie dem Schauspielhaus benachbart, eine furiose Grün-Architektur entstehen: ein Haus wie eine monumentale, dreidimensionale Hecke. Auf diese Weise wird eine Geschäfts- und Büroadresse nicht nur zum Teil der Stadt, sondern sogar zu Park und Landschaft.

Die Sehnsucht nach einer wieder grüneren Stadt - sie lässt sich zum Beispiel in Jonas Reifs Buch "CityTrop" oder im Woha-Werk "Garden City - Mega City: Rethinking Cities For The Age Of Global Warming" nachlesen - ist alt. Vielleicht fängt sie schon mit den Hängenden Gärten der Königin Semiramis in Babylon an - auch wenn dieses "Weltwunder" nie nachgewiesen werden konnte. Viel später, auf der Pariser Weltausstellung 1867, stellte Carl Rabitz, ein Berliner, ein erstes begrüntes Flachdach vor. Aber erst seit der Ölkrise nimmt das Interesse an einer Aussöhnung von Natur- und Stadtraum und die Sehnsucht nach einer gelingenden Grün-Grau-Symbiose spürbar zu. Lange als "Architektenpetersilie" verspottet, als Feigenblatt sozusagen, avanciert das Grün in der Baukunst zum echten Partner.

Städte werden sogar regelrecht umgewertet, denn historisch betrachtet standen sich Stadt und Land, also Stein und Natur, zumeist antagonistisch gegenüber. In der Ära der pandemisch gewordenen Verstädterung, da uns weltweit schon der Beton ausgeht und der zu seiner Herstellung benötigte Sand als endliche Ressource gelten muss, ist die Idee von der umgewidmeten Stadt als dem Naturraum der Zukunft, der zugleich das endlich zivile Habitat der Menschheit wäre, eine fraglos inspirierende Utopie. Am Ende sind es womöglich die Gärtner, die die Welt retten.

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