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Berlin: Stadtschloss-Wiederaufbau gestoppt:Im Hauptstadt-Wahn

Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ist nach einer langwierigen Diskussion gestoppt. Warum das gar keine so schlechte Idee ist.

Die Redewendung "Gras über eine Sache wachsen lassen" ist selten so praktisch umgesetzt worden wie gerade in Berlin. Im Herzen der Hauptstadt breitet sich eine sattgrüne Liegewiese aus, und mal angenommen, man hätte all die jahrelange Diskussion ums Berliner Stadtschloss nicht mitbekommen, als japanischer Tourist zum Beispiel, würde man sich wohl über den willkommenen Rastplatz freuen und sich neben all den Studenten, Fahrradkurieren und anderen Touristen niederlassen, die sich auf dem Rasen eine Ruhepause gönnen. Nichts ahnend, dass da unter dem Gras eines der wohl umstrittensten Bauprojekte Europas schlummert.

Aufbau des Berliner Stadtschlosses könnte veschoben werden

Der Bau des Berliner Stadtschlosses wird auf 2014 verschoben. Ursprünglich sollten die Bauarbeiten im Herbst 2011 beginnen.

(Foto: dpa)

Und dort wohl auch noch etwas länger bleiben wird: Die Bundesregierung hat gerade beschlossen, den 552 Millionen Euro teuren Bau des Berliner Stadtschlosses im Rahmen der aktuellen Sparpläne auf Eis zu legen. Damit ist das Vorhaben, das der Bund mit 440 Millionen, die Stadt Berlin mit 32 Millionen und ein privater Förderverein mit 80 Millionen Euro finanzieren wollten, zwar noch nicht gestorben, jedoch mindestens auf 2014 verschoben.

Was bedeutet, dass eine neue Regierung und auch ein neuer Bundestag sich mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses beschäftigen werden - und dann wohl auch endlich damit, dass der Zuspruch in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren rapide gesunken ist. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sind 80 Prozent der befragten Berliner gegen den Wiederaufbau.

Krönende Pointe

Mit gutem Grund: Die Realisierung des Mammutprojekts war von Anfang an mit Fehlentscheidungen belastet. Der Vorschlag aus Peter Ramsauers Bauministerium vor ein paar Wochen, das Schloss erst einmal ohne Barockfassade zu realisieren und das "historische Gewand" erst später hinzuzufügen, las sich da nur noch wie die krönende Pointe eines Schildbürgerstreichs, schließlich war gerade die historische Fassade fester - und nicht zuletzt umstrittenster - Bestandteil im Wettbewerb um den Wiederaufbau des Stadtschlosses gewesen. Eine blanke Betonkiste mit nachrüstbarer Sandsteinzierde würde das Ganze vollends als schlechten Scherz in der jüngeren Architekturgeschichte outen, für immerhin noch 472 Millionen Euro kein allzu billiger Spaß.

Zur Erinnerung: Nach jahrelangem Schlagabtausch hatte der Bundestag 2002 schließlich entschieden, das Schloss äußerlich zu rekonstruieren. Die historische Barockfassade wurde damit vertraglich zur Pflicht und nicht zur Kür, wie das Bauministerium das jetzt suggerierte. Erst im Inneren sollte die Gegenwart mit dem Humboldt-Forum ihren Platz finden, die am Wettbewerb teilnehmenden Architekten hatten damit mehr oder weniger nur noch die Möglichkeit, die Innenordnung zu variieren, große architektonische Meisterleistungen konnte da keiner mehr erwarten.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, womit das Schloss bisher zu kämpfen hatte.