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Stadtplanung:Platz da

Projektentwicklung des ehemaligen Kulturzentrum Tacheles

Das „Tacheles“: Aus 2,8 Millionen Mark für die Stadt wird binnen zwanzig Jahren ein Investitionsvolumen von einer Dreiviertelmilliarde Euro.

(Foto: dpa)

An der Kulturruine Tacheles, am Checkpoint Charlie und auf dem Wohnungsmarkt sowieso: In Berlin verhärten sich schon wieder die Fronten zwischen Sozialismus und Kapital.

Bei der Grundsteinlegung des neuen Berliner Stadtquartiers "Am Tacheles" diesen Donnerstagmittag steht am Rande auch Jochen Sandig und hat eine Vision. Jochen Sandig stand nämlich auch vor fast genau dreißig Jahren schon einmal hier und hat eine Vision gehabt.

Kurz nach dem Mauerfall hatten junge, mit Kunst und Ähnlichem befasste Menschen die Ruine der ehemaligen Friedrichstadtpassage besetzt. Sandig gehörte dazu, und er erinnert sich, dass er exakt am 13. Februar 1990 den Vorschlag gemacht habe, das Ganze "Tacheles" zu nennen. Er war demnach der Urheber des Namens, unter dem das Haus mit seinen Räumen für Ateliers, Theater, Tanz, Kino, Konzerte und alles mögliche andere dann schnell zur Keimzelle und zum Inbegriff des aufregenden Nachwende-Mythos von Berlin-Mitte wurde. Als das Tacheles mit den Jahren zur Touristenattraktion verkam, in der neben den immer gleichen Skulpturen aus zusammengeschweißtem Schrott nur noch wenig Neues geboten wurde, war Sandig längst weitergezogen, andere Kulturorte aus der Taufe zu heben. Er gehörte deshalb auch nicht zu denen, die den romantischen Verwilderungszustand der frühen Neunziger unbedingt einfrieren wollten, als die Stadt das Haus und die Brache drum herum 1998 für rund 2,8 Millionen Mark an die Fundus-Gruppe von Anno August Jagdfeld verkaufte. Aber jetzt, einen Verkauf später, und zwar an die New Yorker Perella Weinberg Real Estate für nun schon 150 Millionen Euro, steht Sandig eben auf der Baustelle eines Projekts, das nach Aussage des Bauherrn am Ende insgesamt irgendetwas um die 700 Millionen gekostet haben wird, und hat, wie gesagt, eine Vision oder doch zumindest einen Vorschlag: Das denkmalgeschützte Gebäude des Tacheles sollte vom Investor aus der Bilanz des angrenzenden Neubauviertels ausgeklammert und in eine Stiftung überführt werden, die dort wie früher freie Räume für diskursive Kulturübungen offenhalten möge, und zwar für die "Generation Greta". Die im Bebauungsplan verlangte Kulturnutzung des Altbaus sei jedenfalls durch die drohende Vermietung an eine schwedische Fotogalerie nicht ernstlich gewährleistet, findet er. Gleich nach der Zeremonie will er den Investor drauf ansprechen, immerhin nähre sich dessen Projekt vom Namen und von der Aura des Tacheles, es läge also vielleicht auch in seinem eigenen ökonomischen Interesse, wenn dort Relevanteres geboten würde als lediglich eine Art Ikea mit Fotos.

Auch dieser von freundlicher Empathie getragene Gedankengang macht Sandig zu einer seltenen Erscheinung dieser Tage. Nicht nur dürfte er der Einzige aus der Gründerzeit des Tacheles sein, der hier noch Zutritt hat, ansonsten sieht der Hof zu dieser Grundsteinlegung nämlich aus wie ein gemeinsames Sommerfest von Bauwirtschaft und alter Westberliner Politik. Es wirkt wirklich, als habe jemand die Uhr ein paar Wahlperioden zurückgedreht. Sogar Klaus Wowereit ist wieder da, braun gebrannt, heiter und flankiert von seinen damaligen Leuten. Als Wowereit dann ans Mikro tritt, bekennt er freimütig, dass ihm das seine Berater vermutlich untersagt hätten, wenn er heute noch Regierender Bürgermeister wäre: Internationaler Großinvestor baut auf ehemals landeseigenem Grund für so viel Geld so teure Bauten, und nicht eine Sozialwohnung ist dabei, denn als diese Planungen genehmigt wurden, war die Wohnungsnot noch nicht das Thema, das es heute ist. Wowereit bettelt am Ende fast, dass die Berliner doch bitte auch mal erfreut sein könnten, wenn immerhin so namhafte Architekturbüros wie Herzog und de Meuron, Grüntuch und Ernst sowie Brandlhuber und Petzet ein ganzes Quartier bauen. Wenigstens ein "Kannste nicht meckern" würde Wowereit gerne über dieses Erbe seiner Amtszeit hören, was allerdings in Berlin schon einem Superlativ an Euphorie gleichkäme.

Aber statt sich in die Eleganz der geplanten Bauten dort zu versenken oder wenigstens das Revolutionäre an den Grundrissen von Brandlhuber und Petzet zu goutieren, bewegt sich zum Beispiel die Berliner Architekturzeitschrift Arch+ gerade stramm in Richtung Gegenpol von "Kannste nicht meckern".

Das Geschehen nach dem Mauerfall erscheint als Folge haarsträubender Entscheidungen

Nur wenige Meter von der Baustelle am Tacheles entfernt hat nämlich der Neue Berliner Kunstverein zusammen mit der Arch+ soeben die Ausstellung "1989 - 2019: Politik des Raums im Neuen Berlin" eröffnet (bis 13. Oktober). Gefördert wird sie nicht nur von Kultursenator Lederer aus der Linkspartei, der eben verkündet hat, schon der Verkauf des Tacheles sei ein Fehler gewesen, den er am liebsten durch Rückkauf korrigiert hätte. Gefördert wird sie auch von der Kampagne "Be Berlin", die zugleich in dieser Ausstellung ausführlich als neoliberales Stadtmarketing angeprangert wird.

Die eigentliche Wucht entfaltet sich jedoch da, wo eine Dokumentation fast beiläufig bemerkt, dass der Verkauf landeseigenen Bodens der Stadt seit dem Mauerfall nicht mehr eingebracht hat als fünf Milliarden Euro: So viel, wie jetzt für Bau und Erhalt von Schulen ausgegeben werden soll und dafür wegen ständig steigender Baukosten vermutlich nicht einmal ausreichen wird. Und deutlich weniger als das, was Berlin bisher bereits für den Bau des Großflughafens in Schönefeld ausgegeben hat. Fünf klägliche Milliarden Euro für Grundstücke aus öffentlichem Besitz, die zusammengenommen immerhin die Fläche des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg ergeben.

Das Geschehen seit dem Mauerfall erscheint hier als eine einzige Folge von im Rückblick haarsträubenden Verkaufsentscheidungen, bei denen die Stadt das Allgemeingut zu einem Zeitpunkt auf den Markt warf, als die Preise noch vergleichsweise mickrig waren, nur um jetzt für ein Vielfaches davon versuchen zu müssen, Flächen zurückzukaufen. Denn bei den rasanten Mietsteigerungen der letzten Jahre, der Wohnungsnot und dem oft nachdrücklich vermittelten Gefühl vieler Mieter, der sogenannten "Entwicklung" ihrer Immobilien im Weg zu stehen, steckt das Empörungspotenzial nicht zuletzt auch in Preissprüngen wie beim Tacheles: aus 2,8 Millionen Mark für die Stadt wird binnen zwanzig Jahren ein Investitionsvolumen von einer Dreiviertelmilliarde Euro, hinter dem also entsprechende Gewinnerwartungen vermutet werden dürfen.

Die Haushaltskonsolidierung, die wesentlich das Motiv der vielen entweder sozial- oder christdemokratischen Finanzsenatoren war, die diese Verkäufe betrieben haben, taucht dabei unter H als Stichwort in einem "Glossar der Privatisierung" auf, das der Stadtsoziologe Andrej Holm erstellt hat, und zwar zwischen den Stichworten "Gutachterausschuss" und "Höchstpreisgebot". Holm, der wegen Stasivorwürfen nicht mehr ihr Staatssekretär sein darf, gilt dennoch immer noch als Stichwortgeber von Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher, deren Plan, einen Mietendeckel über die Stadt zu hängen, zur Freude vieler ihrer Anhänger bereits jetzt schon den Wert großer Immobilienanlagen reduziert hat. Was allerdings dummerweise auch für Normalbürger gilt, die sich zur Altersvorsorge für eine nicht selbst genutzte Eigentumswohnung verschuldet haben. Solche sogenannten kleinen, nur eben vielleicht nicht ganz kleinen Leute geraten nun zusehends zwischen Fronten, die manchmal fast an die Systemgegensätze im Kalten Krieg denken lassen.

Wenn in der Ausstellung schließlich so gut wie jedes größere Berliner Bauprojekt an den Pranger gestellt wird, das mit wirtschaftlichen Interessen verbunden ist, also auch Bürohäuser, dann zeigt sich ein etwas mutwilliger Hang zu einfachen Eindeutigkeiten, der jedenfalls die Arch+ zuletzt schon auf dünnes Eis geführt hat, als sie den Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg als angeblich "rechten Raum" dingfest machen wollte.

Zur Erinnerung: Der Architekt Hans Kollhoff ist fraglos konservativ, und er hat ein Zitat von Ezra Pound in den Boden eingelassen, der mit dem italienischen Faschismus mehr als nur poetisch kokettiert hatte. Dass sich unter den Bedingungen des "Wuchers" nicht gut bauen lasse, darf in Pounds Fall wohl als antisemitische Einlassung gelten. Problem bei der Sache: Am Profitdenken stören sich andere wie gesagt aber sogar noch radikaler, und genealogisch folgt der leere, karge, gepflasterte Stadtplatz ohne dominierendes Denkmal oder Ähnliches eigentlich eher einer linken, auch eng mit der französischen Revolution verknüpften Typologie.

Der Israeli fürchtet den Kommunismus mindestens so wie den Antisemitismus

Um so einen leeren, kargen, gepflasterten Stadtplatz wird zurzeit beispielsweise auch an der ehemaligen Grenzübergangsstelle Friedrichstraße, amerikanisches Codewort: Checkpoint Charlie, gerungen. Da, wo die Kontrollanlagen der DDR waren, liegen seit den Neunzigern die Grundstücke brach. Eine Investorengruppe wollte unter anderem ein "Hardrock-Hotel" errichten, Auflage waren Wohnungen und ein Museum über den Kalten Krieg. Viele in der Stadt fanden die Vorstellung der geschichtlichen Bedeutung des Ortes, an dem immerhin einmal fast der Dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre, unangemessen. Um das zu verhindern, wurde von Lompschers Haus ein modifizierter Bebauungsplan aufgestellt, der müsste bis Februar verabschiedet werden, dann dürften nur ein Wohnhaus und das Museum entstehen, der Rest könnte Flächendenkmal werden. Nicht nur der Denkmalschutz wäre allerdings dafür, möglichst die ganze Fläche freizuhalten. Leider ist die demselben Kultursenator wie der Denkmalschutz unterstellte Stiftung Berliner Mauer von dem Museum offenbar nicht mehr abzubringen. Jetzt hat der Bremer Investor Alexander Ruddat einen Vorschlag gemacht, der dieses Problem eigentlich lösen könnte. Er erwarb Anfang des Jahres eine Häuserflucht genau gegenüber, er könnte dort das Museum unterbringen und der Stadt vermieten oder verkaufen, die Stadt wiederum könnte die Brachen erwerben und frei lassen, zumindest bis einer kommenden Generation etwas Gescheiteres dort einfällt. Jedoch bisher nicht mal der Hauch einer Antwort, sagt er. Liegt es daran, dass in den Gebäuden ehemalige Sozialwohnungen von den Vorbesitzern "leer gemacht" wurden, um sie "für den Verkauf vorzubereiten", wie man offenbar sagt?

Ein israelischer Immobilienkaufmann, der uns am Abend nach der Grundsteinlegung am Tacheles in Charlottenburg seine Sicht der Dinge erklärt, gibt zu Protokoll, dass ihm die kommunistischen Tendenzen in der Stadt aktuell noch mehr zu schaffen machten als die antisemitischen, letztere würden allerdings auch spürbarer. Denn zu den Akteuren auf dem Berliner Immobilienmarkt gehörten alle möglichen: deutsche Rentner und deutsche Großkonzerne, amerikanische Fonds und skandinavische Pensionskassen, ehrenwerte Familien und nicht ganz so ehrenwerte, und in letzter Zeit halt auch etliche Unternehmer aus Israel. Die täten hier immerhin nichts Verbotenes, sie täten es nur wesentlich schneller, als die Berliner das gewohnt sind, so wie in Tel Aviv eben generell einiges schneller geht als in Tempelhof oder Tegel. Es wird ein Gespräch über den "Drive" der Menschen in den verschiedenen Städten und über die Frage, ob es ein Anrecht auf bestimmte Wohnlagen gibt und ob Eigentumsrechte überwiegen. In Berlin, sagt er, werde das auch offiziell offenbar grundlegend anders gesehen als in anderen Metropolen. Dies wissend, habe er das Geschäftsgebaren seiner Branche in den letzten Jahren als viel zu aggressiv empfunden und empfinde jetzt die Antwort der Politik ebenfalls als viel zu aggressiv. Er plädiert für mittlere Tonlagen. Es klingt ein bisschen wie die Sehnsucht nach dem, wofür hier einmal die Sozialdemokraten standen, bevor ihre weniger kompromisslerischen Koalitionspartner die Dinge in die Hand genommen haben.

Noch später am Abend meldet übrigens Jochen Sandig, dem Besitzer des Tacheles tatsächlich unterbreitet zu haben, dass es in seinem eigenen Interesse sei, der "Generation Fridays for Future" Räume zu stellen. Und ob das nun so naiv ist, wie es klingt - oder so raffiniert -, das wird sich ja von alleine zeigen.