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Stadtentwicklung in Berlin:Nicht jede Brache muss zubetoniert werden

Das andere Gelände, um das es geht, ist eine ehemalige Brache am Moritzplatz in Kreuzberg. Dort hat eine gemeinnützige Organisation seit 2009 einen urbanen Garten angelegt. Die Pflanzen wachsen in recycelten Bäckerkisten, Reissäcken und Tetra-Paks. Gegärtnert wird interkulturell und multikulti. Wer das sucht, was die Hauptstadt ausmacht, wird von Berlinern gerne hierher geschickt. Die vielen Ausstellungen zum Modethema Urban Gardening, egal ob in Wien oder New York, zeigen alle den Prinzessinnengarten. Doch 2013 läuft der Zwischennutzungsvertrag aus - und die Interessenten stehen beim Liegenschaftsfonds bereits Schlange. Die Gegend hat sich gemacht, nicht zuletzt dank der Initiative selbst: Gleich gegenüber eröffnete voriges Jahr das Aufbauhaus mit dem Aufbauverlag, Galerien und anspruchsvollen Geschäften. Die Angst, dass der Vertrag nicht verlängert wird, ist groß. Innerhalb kürzester Zeit unterschrieben mehr als 10.000 Menschen eine Petition an den Berliner Senat, damit der sich "für eine tragfähige Zukunft" des Gartens einsetzt.

Es ist kein Zufall, dass gerade an diesen beiden Grundstücken der Streit um die Liegenschaftspolitik entbrannt ist. Denn es sind Orte, die mit dem, was dort möglich war und ist, das Image der Stadt geprägt haben. Die internationale Anziehungskraft Berlins speist sich daraus - auch das ist ein Wirtschaftsfaktor, der endlich einmal von der Stadt selbst gesehen werden sollte. Nicht jede Brache muss zubetoniert werden, auch Freiflächenprojekte können einen Mehrwert schaffen.

All das wird bei der Vergabe bisher jedoch nicht berücksichtigt. Was zählt, ist das schnelle Geld. Doch dass dies auch rein marktwirtschaftlich Unsinn ist, machen gerade die internationalen Immobilieninvestoren vor. Die kennen seit einigen Jahren nur ein Motto in Berlin: Kaufen! Und das sicherlich nicht, weil sie das Nachtleben hier so schätzen. Sie können mit starkem Wertzuwachs rechnen. Die Gentrifizierung nimmt ihren Lauf. Wer jetzt verkauft, dürfte etwas falsch machen. Berlin ist zu arm, um sich das leisten zu können.

Schuld an der aktuellen Lage ist nicht etwa die BSR oder der Liegenschaftsfonds, die nur das Gesetz ausführen. Schuld ist der Senat. Der muss endlich eine neue Geschäftsgrundlage für alle stadteigenen Gesellschaften schaffen, wie sie in Zukunft mit ihren Liegenschaften umgehen sollen. Und es müssen Verfahren entwickelt werden, die auch soziale, gesellschaftliche und kulturpolitische Gesichtspunkte bei der Vergabe von Grundstücken berücksichtigen. Einfach wird das nicht. Wie wägt man ein urbanes Gartenprojekt gegen bezahlbaren Wohnraum ab? Wie neue Arbeitsplätze mit einem Wohnprojekt für schwer erziehbare Jugendliche? Doch es gibt Vorbilder, Amsterdam etwa mit seinem Erbbauverfahren. Und: Kaum eine Stadt dürfte so aktive und kundige Initiativen haben, die sich mit dem Thema Stadtentwicklung auseinandersetzen, wie Berlin. Team11 und Stadt Neudenken sind zwei davon. Auf deren Wissen darf nicht verzichtet werden. Ein runder Tisch muss her.

Was Berlin in Zukunft sein will, wird auch in der Liegenschaftspolitik entschieden. Die Stadt sollte sich dabei auf ihre Stärken konzentrieren und die liegen nicht in hochpreisigen Büroflächen oder homogenen Wohnbezirken. Vorbilder und Ideen sind da. Nun braucht es eine politische Entscheidung und zwar schnell. Der Ausverkauf von Berlin muss endlich aufhören.

© SZ vom 10.09.2012/ihe
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