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Stadtentwicklung:Techno soll Detroit retten

Abandoned houses, office buildings and factories in detroit michigan,

So könnte der erfolgreichste Club der Welt aussehen, findet ein Berliner. Derzeit sieht es sehr nach der Ruine des Hauptbahnhofes von Detroit aus.

(Foto: James Cheadle/Alamy/mauritius images)

Die einstige Autostadt Detroit hat Jahrzehnte des Niedergangs hinter sich. Nun möchte sie mit Club-Kultur Geld verdienen. Ihre Inspiration: Berlin. Die Umsetzung: schwierig.

Um zwei Uhr schließen die Bars, die letzten Arbeiter gehen nach Hause. Fünf Stunden nur dauert die Nachtruhe. Um sieben Uhr morgens wird das erste Bier ausgeschenkt an die Männer von der Nachtschicht am Fließband.

In Detroit steht seit Jahrzehnten niemand mehr am Fließband. Aber die Schließzeiten der Bars gelten noch immer. Damit stehen sie einer neuen Art des nächtlichen Geldverdienens im Weg, der night economy, den Clubs, den Tanzlokalen, dem Techno. Gemeinsam mit ein paar Berlinern wollen die Detroiter nun die Nacht erobern. "Wir müssen noch immer die Leute überzeugen, dass nicht alles, was nachts passiert, automatisch schlecht ist - im Gegenteil", sagt Walter Wasacz, 62, Musiker, Journalist und Organisator der Treffen auf amerikanischer Seite.

Die Kreativen kommen, denn die Stadt ist billig. Nur das Publikum fehlt

Wasacz ist mit Detroit durch Jahrzehnte des Abstiegs gegangen. Jetzt soll es wieder bergauf gehen. Auf einer weiten Fläche, auf der San Francisco und Boston zusammen Platz hätten, verteilen sich noch 670 000 Einwohner. Diese Zahl soll sich langsam stabilisieren. Seit dem Ende der Zwangsverwaltung im Dezember 2014 kommt wieder mehr Geld in die Stadt. Seit einem Jahr fährt eine Straßenbahn entlang der Woodward Avenue durch die Innenstadt. Sie wurde viel kritisiert - aber sie hat geholfen, die Umgebung der Strecke weiter aufzuhübschen.

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Um Amazon anzuziehen, hat es nicht gereicht. Der Konzern hätte Tausende Arbeitsplätze schaffen können. 40 Prozent der Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Aber Amazon wollte Infrastruktur, und die hat Detroit nicht. Musiker, Künstler, alle, die von wenig Geld leben, strömen nach Detroit. Kreativität gibt es genug. Und die Zuschauer? "Die Ränge sind leer", sagt Wasacz. "Uns fehlt das Publikum."

Die night economy soll nicht nur helfen, die Detroiter in die Nacht zu locken. Sie soll Touristen anziehen. Genau wie in Berlin. "Die Nacht hat eine besondere Wirkung auf das Denken, auf die Gefühle von Menschen", sagt Dimitri Hegemann. Der Chef des Berliner Techno-Clubs Tresor reist seit Anfang der Neunzigerjahre regelmäßig nach Detroit. Gemeinsam mit Wasacz hat er vor knapp fünf Jahren die binationalen Treffen ins Leben gerufen. Sie holten Jeff Mills und Mike Banks vom Techno-Plattenlabel Underground Resistance dazu - alle vier kennen sich seit Jahrzehnten - und gründeten das Non-Profit-Unternehmen Detroit Berlin Connection. Die Musik, die die Wiedervereinigung begleitet hat, dieser "Sound der Freiheit", wie Hegemann sagt, der seinen und andere Clubs groß gemacht und zum Ruhm und Erfolg des Berliner Nachtlebens soviel beigetragen hat - er soll auch Detroit helfen. "Detroit ist das Mekka of the music of America", sagt Hegemann. "Aber die verschnarchen es, das in Szene zu setzen." Auf einem Festival im Berliner Theater Hebbel am Ufer präsentiert er von diesem Mittwoch an, was bisher geschafft wurde.

Hegemann hat große Pläne. Möchte am liebsten eine der leer stehenden Fabriken bespielen. Einen Teil der Packard Plant, die einem Südamerikaner gehört. Oder das Fisher Body Building - nicht viel mehr als ein Gerippe, von der Zeit und von Metalldieben zerlegt, aber mit großartigem Ausblick auf Downtown mit seinen Wolkenkratzern, die vom Reichtum der Stadt in den Zwanzigern zeugen. Sogar den alten Bahnhof, der seit den Achtzigern geschlossen ist, wollte Hegemann erobern. "Innerhalb von drei Monaten wäre das der erfolgreichste Club der Welt. Die internationale Szene würde ein- und ausgehen."

Seine amerikanischen Freunde finden, eine Nummer kleiner tue es auch. Detroiter sind bescheiden und nicht leicht zu beeindrucken. Hegemann hat sie beeindruckt. Er ist mittlerweile bekannt. "Mit Öffnungszeiten bis zwei Uhr morgens kann ich nichts anfangen." Es muss schon sechs Uhr morgens sein. Bürgermeister Mike Duggan hat sich bereits bei Detroit-Berlin-Konferenzen sehen lassen. Seinen Assistenten Adrian Tonon, selbst Musiker, hat Hegemann durch Berlin geführt. Tonon ist begeistert. Von dem Deutschen, von der Chance für seine Heimatstadt.

Auch wenn es vielleicht nicht ganz einfach wird. Tonon spricht vorsichtshalber von Öffnungszeiten bis vier Uhr. Detroit kann das nicht allein entscheiden, der Staat Michigan redet auch noch mit. Und wie wunderbar die Nacht auch sein mag: Die Stadt will Sicherheit. "Wir werden keine unangemeldeten Partys in verlassenen Lagerhallen zulassen." Detroit ist geschunden von Jahrzehnten Kriminalität.

"Wir werden das, was die Europäer tun, auf unsere Weise interpretieren", sagt Tonon. Er will, dass die Stadt für Kreative bezahlbar bleibt. Detroit hat bereits mit Gentrifizierung zu kämpfen. Es gibt Straßenzüge, aus denen die ersten wegziehen, weil Zuzügler die Preise verderben.

Walter Wasacz weiß, dass Sensibilität gefragt ist. "Wir können nicht als ein Haufen Weißer auftreten, die der Stadt erklären, wie es geht." Detroits Bevölkerung ist zu 80 Prozent schwarz. Die größte Herausforderung der urbanen Wiederbelebung ist es, alle Einwohner daran teilhaben zu lassen. Techno ist ein Teil davon. Wasacz und Tonon verlassen sich auf die Talente dieser Stadt und die Solidarität der Bewohner. "Detroit ist ein seelenvoller Ort", sagt Tonon. "Es ist die Seele Amerikas."

Detroit-Berlin: One Circle , Festival mit Musik, Talk, Performance, Installation und Film, 30. Mai bis 2. Juni, Theater Hebbel am Ufer, Berlin

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