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Stadtbau:Vom Bau-Gen zur Bau-Scham

Hallo Architekten, Urbanisten, Stadtplaner: Schon mal vom Klimawandel gehört? Wann fangt ihr an, behutsam umzubauen statt abzureißen?

Ein Mann steht vor seinem brennenden Geburtshaus, mehr Schloss als Haus, und sagt etwa das, was auch James Bond vor dem in die Luft gesprengten Herren- und Geburtshaus "Skyfall" im gleichnamigen Agententhriller lapidar anmerkt: "Ich habe den alten Kasten nie gemocht." Das eine ist Kintopp, Fiktion, aber das andere ist eine Filmdokumentation des Realen: über Architektur und Städtebau der deutschen Nachkriegsära - "Unsere Städte nach '45".

Darin ist der eingangs erwähnte Mann zu sehen, der zusieht, wie sich hungrige Flammen in den ehrwürdigen, im Krieg beschädigten Stammsitz der Familie fressen. Prima, sagt der Mann sinngemäß, jetzt könne man hier stattdessen ein Parkhaus bauen - viel moderner, viel nützlicher. Waren das Zeiten, als die Zukunft noch nicht so verdammt vergangen aussah und man noch Spaß daran haben mochte, die Vergangenheit in Asche für "das Neue", diesen wundersamen Fetisch der Moderne und Spätmoderne, zu verwandeln. Besser lässt sich der Futurismus von einst kaum ins Bild setzen.

Der ingeniöse Architekt Frei Otto, dem die Welt zukunftsweisende Konstruktionen zu verdanken hat, meinte einmal, es gäbe eine Art Bau-Gen. Als menschlichen Urinstinkt, die Welt auch dann zu formen, wenn es - etwa aus klimatischen, soziologischen oder auch ökonomischen Motiven - objektiv gar keinen Grund dazu gäbe, etwas zu bauen. Selbst dann: Der Mensch, so Otto, müsse bauen, neu bauen und anders bauen. Das erst mache ihn zum Menschen.

Das Bauen gehört zu den bedeutsamen Klimafaktoren

Bei allem Respekt für diese Sicht und auch im Wissen, dass es ohne ein solches "Gen" weder die gotischen Kathedralen noch das Bauhaus des 20. Jahrhunderts gegeben hätte und die Menschheit arm wäre an Bauten kultureller Identitätsstiftung: Mittlerweile gibt es dennoch auch die Bau-Scham. Was einen nach Flug-Scham, SUV-Scham oder Fleisch-Scham auch nicht weiter wundert. Allerdings steckt mehr dahinter als eine irgendwie modische Das-Leben-ist-gar-keine-Baustelle-Attitüde: Denn rein rechnerisch muss man tatsächlich sagen, dass Länder wie Deutschland im Prinzip zu Ende gebaut sind. Theoretisch gibt es sogar genug Wohnraum (wenn auch falsch verteilt zwischen Stadt, Land und Jobs). Und es gibt, so betrachtet, eigentlich auch genug Lager- und Produktionsstätten, Kultur- und Bildungseinrichtungen, Sozialbauten, Verkehrsbauten ... es gibt genug Beton in der Welt. Und der Sand, woraus der Beton hauptsächlich besteht, wird wie das Wasser bereits zum knappen Gut. Das Bauen, insbesondere das Neubauen, gehört tatsächlich zu den relevanten Energiefeldern, daher auch zu den bedeutsamen Klimafaktoren.

In diesem Kontext wundert man sich aber mehr noch als über die Bau-Scham darüber: dass Google die Anfrage "Abriss droht" derzeit eine halbe Million Mal komplettieren kann, denn der Abriss droht überall: in München, wo das Arabellahaus abgerissen werden soll; in Lübeck, wo eine ehemalige Ölmühle (unter Denkmalschutz stehend) von Neubauplänen bedrängt wird; in Wesel, wo es der Niederrheinhalle an den Kragen gehen soll. Es gibt etliche Beispiele von Altbauten, die Planer gern im Stil der Nachkriegsbauwut, die mehr Schaden als die Bomber davor angerichtet hat, einebnen würden: Weg damit! Insofern ist es richtig, die Bau-Scham gegen das Bau-Gen in Stellung zu bringen. Umbauen statt neu bauen, neu nutzen statt abreißen: Das ist anstrengend, passt aber in eine Zeit, die auch sonst auf komplexe Weise innehält. Die Vergangenheit bewahren und zugleich neu interpretieren: Das ist die Zukunft. Die Lust auf das schlicht Neue, das eher einem ökonomischen Kalkül als einem ökologischen Denken geschuldet ist, wirkt fast schon gestrig dagegen.