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"Stabat Mater" von Wolfgang Rihm:Wo bleibt der Glaube?

Expressivität, domestiziert: Bratschistin Tabea Zimmermann und Bariton Christian Gerhaher mit Wolfgang Rihms „Stabat mater“.

(Foto: Astrid Ackermann)

Der Komponist Wolfgang Rihm hat ein neues "Stabat Mater" geschrieben, in München wurde das Unbehauste dieser Musik virtuos gebändigt.

Von Reinhard J.Brembeck

Es gibt bei dem Komponisten Wolfgang Rihm, dessen geradezu zahllose Stücke auch gern von traditionellen Musikern aufgeführt werden, sowohl eine hemmungslos nach außen als auch eine genauso hemmungslos nach innen gerichtete Virtuosität. Die eine ist stampfend, aggressiv, musikantisch, wild, die andere grübelt vor sich hin. Expressiv sind beide Virtuositäten, beide wollen dem Komponisten, seinen Interpreten und Zuhörern immer auch die Welt erklären.

Im ersten Saisonkonzert der Münchner Neue-Musik-Konzertreihe "musica viva" waren jetzt beide Virtuositäten Rihms zu bestaunen. Seit Jahren vertont er immer wieder religiöse Texte: "De profundis", Requiem, eine Missa brevis, "Et lux", Passionstexte - und jetzt das "Stabat mater", diese mittelalterliche Meditation über die Gottesmutter, die schmerzbewegt unter dem Kreuz steht, an dem ihr Sohn, der Heiland, hängt. Der nur für eine Bratsche und einen Baritonsänger komponierte Fünfzehnminüter steht für die nach innen gerichtete Seite Wolfgang Rihms.

Danach dann spielten 25 mehr als nur brillante Solisten der BR-Sinfoniker den Einstünder "Jagden und Formen", einen unablässig dahinstürmenden Vulkanausbruch, in dem nur vereinzelt Inseln der Ruhe eingestreut sind. Das ist Virtuosität im romantischen Sinn: ganz nach außen gerichtet, und möglichst alle Grenzen überschreitend, nicht nur die der Spieltechnik, auch die der Lust, der Vernunft, des Anstands, der Enthemmtheit. Das Publikum in dem auf ein Fünftel seines Fassungsvermögens begrenzten 1000-Plätze-Prinzregententheater feierte beide Stücke mit staunender Freude.

Rihm ist ein Meister der Anverwandlung und Umwandlung etablierter Stile. Im "Stabat mater" suggeriert er einen mittelalterlichen Bänkelsänger, der begleitet von seiner Fiedel eine leidgesättigte Szene oft pathetisch schildert. Die Bratscherin Tabea Zimmermann und der Sänger Christian Gerhaher, sie haben das Stück auch vergangene Woche in Berlin erstaufgeführt, sind aber keineswegs Bänkelsänger und Fiedelspielerin, sondern ganz dem gängigen romantischen Musizierideal ergebene Großkünstler. Wo Rihm in seinen heftig kontrastierenden Lautstärken und überraschenden Attacken das Unbehauste und Kammermusikferne seines Modells durchscheinen lässt, da holen die beiden Musiker das Stück endgültig aus dem Freien in den Konzertsaal, domestizieren sie die Expressivität und löcken wider den Stachel des Todes, der die zehn kurzen Doppelstrophen grundiert.

Rihm komponiert den Höhepunkt in die siebte Doppelstrophe, in der der Sprecher sich Maria als Leidensgenosse unterm Kreuz aufdrängt. Den hier lang und vielnotig ausgesungenen dunklen Reimbuchstaben "-o" will Rihm als Klagelaut, doch Christian Gerhaher mäßigt auch hier das Espressivo, die Bratsche schwingt sich zu einer wild ausladenden Kadenz auf. Der finalen Paradieshoffnung mangelt es in der Aufführung an der visionären Glaubenszuversicht, der Transzendenz. Letztlich ist das Ganze kein Konzert-, sondern ein Kirchenstück, was auch die nach innen gerichtete Virtuosität deutlich macht.

Das Stück "Jagden und Formen" ist ein Rausch, der die Musiker an die Grenzen treibt

Für "Jagden und Formen" gelten solche Einwände nicht. Hier geht es um die Schicksalsgemeinschaft aus Zuhörern und Musikern. Rihm wirft eine Motivhäckselmaschine an, die die Musiker an die Grenzen treibt, ein wild wucherndes Miteinander entwirft, atemlos Überraschungen produziert, immer neue Einfälle wie Magma ausspeit. Der Dirigent Franck Ollu teilt Einsätze wie am Fließband aus und vergisst nie, das Furioso noch anzufeuern.

Die bröseligen Kaskaden des Streichquintetts changieren zwischen Erregung und Nervosität, das Schlagzeug zertrümmert letzte Sicherheiten, die Blechbläser würden gern im Alleingang die Apokalypse durchfechten. Aber da ist die Englischhornistin, die ihr Instrument trotz seiner milden Tiefe zur Heldin des Abends macht. Die Musiker des BR-Sinfonieorchesters vollbringen das Wunder, einsam wie Solovirtuosen zu spielen, aber doch zu einer hochspezialisierten Einheit zu verschmelzen, in der jede Eigenheit respektiert wird: "Jagden und Formen" ist eine berauschende Gesellschaftsutopie.

© SZ vom 28.09.2020
Wolfgang Rihm Stabat mater

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