Theater "Odysseus.Live":Eine Frage der Nähe

Theater "Odysseus.Live": Talkmaster Aporias (Amadeus Köhli) im "Studio Ithaka", wo Odysseus und seine ganze Familie nach seiner Rückkehr eingeladen sind.

Talkmaster Aporias (Amadeus Köhli) im "Studio Ithaka", wo Odysseus und seine ganze Familie nach seiner Rückkehr eingeladen sind.

(Foto: Konrad Fersterer)

Mit ihrem digitalen Projekt "Werther.live" war Cosmea Spelleken während der Pandemie erfolgreich. Gelingt ihr das auch mit "Odysseus.live" ganz analog am Staatstheater Nürnberg?

Von Julia Werthmann

Etwas steif, aber bemüht lässig schreitet König Odysseus von Ithaka die Treppenstufen hinunter. Winkt rechts, winkt links, schüttelt ein paar Hände. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, doch die Miene bleibt kontrolliert. Die Treppe führt auf eine Bühne. Aber keine antike, mit Steinsäulen geschmückte, sondern eine Talkshow-Bühne im Stil der 1970er, mattgrüne Ohrensessel, Nierentischchen.

Am Staatstheater Nürnberg sind der antike Held und seine Familie zu Gast bei der "Talkshow Ithaka". Zuschauer können vor Ort im Theaterraum sitzen oder "Odysseus.live" zuhause am Bildschirm und in Instagram-Stories verfolgen. Inszeniert hat das die junge Regisseurin Cosmea Spelleken.

Bekannt wurde Spelleken 2020 während der Pandemie mit ihrer ersten digitalen Theaterproduktion "Werther.live". Während andere Theater kaum hinterherkamen, digitale Formate zu entwickeln und etliche es gar nicht erst versuchten, knallte Spellekens "Werther.live" mit Charme und Wucht in die heimischen Wohnzimmer. Hier lernen sich Goethes Werther und Lotte auf Ebay Kleinanzeigen kennen, die Zuschauer konnten ihre zaghaften Chats verfolgen, ihre Videotelefonate, die suchtartigen Instagram-Spionagen. Nichts daran wirkte angestrengt. Spelleken wurde für mehrere Preise nominiert und als Nachwuchsregisseurin 2021 ausgezeichnet. Ein fulminanter Karrierestart.

Heute stehen die Pforten der Theater offen, das alle Sinne einnehmende Erlebnis ist wieder möglich. Wie macht eine Regisseurin wie Spelleken jetzt weiter? Braucht es ihr digitales Theater noch oder ist das schon die falsche Frage? Hatte doch "Werther.live" nicht trotz, sondern wegen seiner Digitalität Erfolg. Die Verlagerung Netz war kein Hindernis, sondern Anlass, sich das anzuschauen.

Sie will Geschichten erzählen, der Kanal ist ihr egal

Cosmea Spelleken versucht es diesmal eingebunden in feste Staatstheaterstrukturen, es ist ihr erstes Projekt, das auch analog auf einer Bühne stattfindet. 1995 in Freiburg geboren und dort aufgewachsen arbeitete sie zunächst freiberuflich beim Film. 2020 ging sie nach Wien, um bei Michael Haneke Film zu studieren. Dessen forsche Art, seine Suche nach den Widersprüchen inspirierten sie. Wer Spelleken bei Proben zu "Odysseus.live" beobachtet, erkennt eine gewisse Strenge auch bei ihr, sie umgibt eine natürliche Autorität.

Ihre Idee formuliert sie so: "Mein Ziel ist es, Geschichten zu erzählen und ich frage mich, in welchem Medium ich das jeweils am besten machen kann." Als Gesicht eines digitalen Theaters möchte sie sich nicht verstanden wissen, sondern als eine, die unterschiedliche Erzählmöglichkeiten nutzt: Theater, Film, Fernsehen oder das Netz. In "Odysseus.live" lässt sie dann gleich alle aufeinandertreffen.

Theater "Odysseus.Live": Regisseurin Cosmea Spelleken gelang mit "Werther.live" während der Pandemie ein großer digitaler Erfolg.

Regisseurin Cosmea Spelleken gelang mit "Werther.live" während der Pandemie ein großer digitaler Erfolg.

(Foto: Gianna Arni)

Die Geschichte ist die: Nachdem Odysseus (Thorsten Danner) zehn Jahre um die Welt irrte, ist er heimgekehrt nach Ithaka zu seiner Frau Penelope (Sabine Fürst) und seinem Sohn Telemachos (Johnny Hoff). Nun ist die Königsfamilie für eine große Willkommensshow zu Gast bei dem Talkshow-Master Aporias (Amadeus Köhli). Dabei soll die voyeuristische Neugier des Volkes und sein Wunsch nach Helden befriedigt werden. Alle geben sich Mühe, das Bild der glücklichen Königsfamilie aufrecht zu erhalten, doch im Laufe des Abends wirkt die Harmonie zunehmend künstlich.

Damit das Theater so wie Spelleken sich das vorstellt, auf verschiedene Weisen erlebbar wird, muss sich der Zuschauer vorab entscheiden: Entweder kann er klassisch im Saal an der Inszenierung teilhaben, oder den Talkshow-Stream auf dem heimischen Sofa schauen, bekommt dafür aber Nahaufnahmen und aufgebrachte Momente in der Garderobe mit. Die Instagram-Stories können alle schauen, aber diese digitale Spielwiese steht diesmal nicht im Zentrum. Wichtiger ist Spelleken, dass viele Zugänge zu ihrer Geschichte führen.

Was bringt einen näher an die Figuren: live im Raum, oder die digitale Nahaufnahme?

Sie interessiert besonders die Frage nach Authentizität. Weil von Odysseus alle den Helden erwarten, gibt er sein Bestes, sein traumatisiertes Innenleben vor der Welt zu verbergen. Doch dieses Versteckspiel enttäuscht seinen Sohn. Alles fake, findet der. Odysseus entgegnet: "Aber ist das hier der Rahmen dafür?" Dieses "das hier" diskutiert Spelleken mit dem hybriden Format: Wie prägt das jeweilige Medium unseren Blick? Ist es authentischer, Odysseus' Hadern vor Ort im Theatersaal mitzufühlen? Oder bringt einen doch die Nahaufnahme auf sein zuckendes Auge näher ran, die man nur zu Hause sieht?

Am nächsten kommt Odysseus der Authentizität jedenfalls, als er ausrastet, die Fassade irgendwann nicht mehr halten kann. Das ist der Punkt, an dem die Kluft zwischen der hysterisch guten Laune und Pointengeilheit des Aporias und den subtilen Wünschen und Enttäuschungen innerhalb der Königsfamilie nicht mehr zu ertragen ist. Diese Gebrochenheit berührt.

Spelleken findet also auch diesmal wieder die richtige Form für die Fragen, die sie diskutieren will. Dabei scheint es fast egal, ob man vor Ort oder zu Hause zuschaut. Denn den einen richtigen, authentischen Blick gibt es letztlich gar nicht, so wie es "das Authentische" vielleicht auch nicht gibt. Nur die vielen Blicke darauf, jeder auf seine Art so begrenzt wie bereichernd.

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