Süddeutsche Zeitung

Staatstheater Augsburg:Freiheit für Hoffnungslose

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Das Staatstheater Augsburg hat sich die Rechte für Jez Butterworths "Jerusalem" erkämpft, das als eines der besten Stücke Großbritanniens gilt. Zu Recht?

Von Christiane Lutz

Wie so oft beginnt das Unglück mit einer Neubausiedlung. Die entsteht am Rande des Waldes, in dem Johnny Byron wohnt. Auf einer Lichtung nahe dem Städtchen Flintock haust er in einem Wohnwagen, ein Outlaw, längst ausgestiegen aus Leistungsgesellschaft und Verwertungsmentalität. Byron gerät in Prügeleien, hat in den Pubs Hausverbot und hat, behauptet er, den halben Ort flachgelegt. Und er verteilt Drogen an die Dorfjugend. Die Siedlungsbewohner wollen so was nicht in ihrem Vorgarten haben und protestieren, ein paar Stunden hat Byron noch, den Platz zu räumen, sonst wird er geräumt.

So geht das Stück "Jerusalem" des britischen Dramatikers Jez Butterworth los, mit dem Intendant André Bücker am Staatstheater Augsburg die Saison eröffnet. "Jerusalem" wurde 2009 uraufgeführt und damals hochgejuchzt als eines der besten Stücke des 21. Jahrhunderts, es lief und läuft wieder im Londoner Westend mit Mark Rylance in der Hauptrolle, und am Broadway. Bücker wollte das Stück unbedingt haben und sicherte seinem Haus die deutschsprachige Erstaufführung. Frage also: Ist es wirklich so großartig?

Byron ist ein fantastischer Geschichtenerzähler, schillerndes Zentrum

Kurze Antwort: Nicht uneingeschränkt, aber man kann es machen. 2009 war die Welt eine andere, Großbritannien war noch in der EU, der Premierminister hieß David Cameron und im Buckingham Palace residierte eine Queen. "Jerusalem" meint übrigens das patriotische Musikstück mit Text von William Blake, der davon handelt, wie Jesus einst Großbritannien besucht haben soll. Das Stück ist ein well-made Play über die britische Working Class, es erinnert an die Texte der Angry Young Men wie etwa John Osbornes "Look Back in Anger", von 1956. Jez Butterworth hat allerdings mehrfach betont, kein State of the Nation Play geschrieben haben zu wollen, trotzdem verortet er es eindeutig in den Neunzigerjahren, alle Spice Girls habe Byron flachgelegt.

Johnny Byron selbst, der Name deutet es an, ist fantastischer Geschichtenerzähler und schillerndes, brüchiges Zentrum des Stückes. Einst war er Stuntman, übersprang mit dem Motorrad, kein Witz, sogar Stonehenge. Schauspieler Sebastian Müller-Stahl spielt ihn mit der angestrengten Körperlichkeit eines verkrampften Junkies, der Blick stets dümmlich-entrückt, nach einem Unfall zieht er ein lahmes Bein hinter sich her. Ein Hoffnungsloser.

Seine jugendlichen Fans lecken ihm das Koks aus der Hand und feiern ihn als Partykönig und Aufreißer. Man fragt sich schon, warum jetzt der zwingende Moment für ein solch testosterongeladenes Stück sein soll. Ein Stück, in dem die Frauenfiguren blass bleiben. Hat man alles schon sehr oft gesehen.

Unter all der Grölerei steckt eine tiefe Traurigkeit

Die Schauspieler in Augsburg jedenfalls steigen mit extrem hohem Energielevel ein, das sich dann nicht mehr steigern lässt und vier Stunden gleich bleibt. Sie toben und kreischen über die vermüllte Waldlichtung (recht naturalistisch eingerichtet von Jan Steigert), und diese Spielwut macht oft großen Spaß anzuschauen, aber wirklich freidrehen geht ja nur, wenn man zuvor halbwegs geerdet war. So verschenkt Regisseur André Bücker in seiner streng am Original entlangerzählten Inszenierung generell die Nuanciertheit, die aber im Text steckt und die nötig wäre, um zu verstehen, was oder wer aus Byron diese gebrochene Gestalt gemacht hat. Die Inszenierung wirkt stets zu sehr auf Lacher setzend, wo auch eine tiefe Traurigkeit steckt.

Was erzählt "Jerusalem" im Jahr 2022 dann noch? Es ist dies: Byrons Lichtung ist in einer hoffnungslosen Welt der am wenigsten hoffnungslose Ort. Es ist nicht nur der Ort, wo die Dorfjugend nach einem Vollrausch niemand rügt. Es ist der Ort, an dem sie sich ihre schmalen Träume noch bewahren dürfen, während der Zuschauer längst ahnt, dass es auch für viele von ihnen schon zu spät ist. Als ein junges Mädchen verschwindet, die örtliche Maikönigin, vermuten alle, dass sie sich bei Byron versteckt. Möglich, denn in seiner Welt darf sie ein wenig länger Königin bleiben. Zu behaupten, das sei gelebte Utopie, ist viel zu romantisierend und auch falsch, die Dialoge sind brutal (toll übersetzt von Michael Raab), der Umgang grob, Zartheit gibt es nicht. Und die Dümmlichkeit zugedröhnter Menschen hat nichts Rührendes. Dennoch ist Byrons Lichtung in ihrer Anarchie ein Ort fürs Dazwischen, an dem absolut nichts verwertbar sein muss. Zumindest einen Moment lang.

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