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Staatsmillionen für die Kunst:Ein Sammler, der bleibt

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat angekündigt, dass die Bundesregierung den Ankaufs-Etat für ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst drastisch erhöht. Das ist eine echte Ansage. Bleibt die Frage, ob das Engagement auch fortgeführt wird, wenn die Krise andauert.

Von Catrin Lorch

Deutschland ist, als würden Bernie Sanders und Elizabeth Warren regieren", schrieb ein in Berlin lebender, amerikanischer Künstler im Frühjahr während des Lockdowns, als die Behörden gerade die Soforthilfen für Kreative ausgezahlt hatten. Denn Künstler und ihre freischaffenden Kollegen waren mit als Erste von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie betroffen. Es gab keine Ausstellungen aufzubauen, Galerien waren geschlossen, Museen sagten Führungen ab. Doch anders als in anderen Ländern sprang der Staat ein, mit Überbrückungsgeld und Soforthilfe.

Zwar waren die Auszahlungsmodalitäten dann doch nicht so unkompliziert - doch hat sich die deutsche Politik durch solche Maßnahmen immer wieder zu Kunst und Kultur bekannt. Das ist wichtig. Inzwischen zeichnet sich ab, dass der Kunstmarkt sich nicht schnell erholen wird: Kunst-Messen sind auch für den Herbst fast überall abgesagt, Ausstellungen verschoben. Auch die Galerien, die ihr Programm noch aufrechterhalten, kündigen Mitarbeitern, sparen an Werbung, verkleinern ihre Räume, geben Lager auf. In diesem Sommer sind viele Künstler mit dem Auspacken, Einlagern oder Zerstören ihrer Werke beschäftigt.

Die Ankündigung von Monika Grütters, dass die Bundesregierung in dieser Situation den Ankaufsetat für ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst erhöht, findet da Gehör. Es geht nicht um ein paar Prozentpunkte, sondern eine Vervielfachung der ursprünglich 500 000 auf glatte drei Millionen Euro. Sechsmal so viel Geld für Kunst, das ist eine Ansage. Davon sollen ausdrücklich Werke angekauft werden, die abbilden, was in diesem Land gerade produziert wird: von deutschen Künstlern, aber auch von der internationalen Szene, die in Berlin, Hamburg oder Frankfurt lebt und arbeitet. Und weil der Wert einzelner Arbeiten, wie es in der Pressemitteilung heißt, "im Regelfall 20 000 Euro nicht übersteigen soll", können rein rechnerisch mehr als 150 Künstler mit einem Ankauf rechnen.

So viel Geld auszugeben, so viele Künstler zu benennen, das stellt die Kommission vor eine große Aufgabe; nach wie vor sollen Künstler sich nämlich nicht selbst bewerben können. Die Museumsdirektoren aus der Jury - die früher vor allem auf Messen das Geld ausgaben - haben nun die Kunstvereine um Vorschläge gebeten, sind die doch als Ausstellungsmacher am nächsten an der zeitgenössischen Szene dran. Die Ankäufe sollen dann über Galerien abgewickelt werden, was die großzügige Aufstockung zu einer Hilfsmaßnahme für einen ganzen Wirtschaftszweig macht.

Profitieren wird aber vor allem die Öffentlichkeit. Denn in den Jahren seit der Gründung dieser Sammlung im Jahr 1970 durch Willy Brandt - der sich vom Maler Georg Meistermann überreden ließ - sind mehr als 1 500 Werke von außerordentlicher Bedeutung zusammengekommen, darunter das Gemälde "Sekretärin" von Gerhard Richter, aber auch aktuelle Arbeiten beispielsweise von Anne Imhof, Flaka Haliti oder Rabih Mroué. Weil die Verantwortlichen so klug sind, kein Geld für ein eigenes Haus zu verschwenden, hängen die Werke als Dauerleihgaben in deutschen Museen, zirkulieren auf Ausstellungen oder tauchen im Fernsehen hinter Politikern an den Wänden von Büros und Konferenzzimmern auf. Eine Arbeit von Olaf Nicolai, so heißt es, habe lange im Verteidigungsministerium gehangen, ein Finanzminister hatte sich einst Daniel Richters "Immer Ärger mit den Sogenannten" gesichert.

Im September wird sich die Kommission in Berlin mit der Politik treffen, das Ankaufsverfahren abstimmen und hoffentlich auch nachfragen, ob die Aufstockung nur für das erste Corona-Krisenjahr gilt - oder womöglich sogar dauerhaft.

© SZ vom 08.08.2020

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