Daniele Gatti:Gespür für den besonderen Klang

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Daniele Gatti: Daniele Gatti, designierter Chefdirigent der Staatskapelle Dresden.

Daniele Gatti, designierter Chefdirigent der Staatskapelle Dresden.

(Foto: Marco Borggreve)

Die Staatskapelle Dresden wählt Daniele Gatti zum Chefdirigenten.

Von Egbert Tholl

Vor Kurzem konnte man den Dirigenten Daniele Gatti bei den Münchner Philharmonikern erleben. Er wirkte ganz anders, als man ihn in Erinnerung hatte, gab sich gelassen, vermittelte dem Orchester Vertrauen, animierte es zu spielen, ohne dass er andauernd eingriff. Er trat auf als entspannter Minimalist, der gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern die Musik empfindet, atmet, versteht. Diese waren danach entsprechend begeistert, manche von ihnen sahen in ihm einen möglichen Nachfolger für Valery Gergiev, ihren geschassten Chefdirigenten, der seiner ostentativen Putin-Treue zum Opfer fiel.

Allerdings befinden sich die Münchner derzeit auf Brautschau und sind leicht zu begeistern, haben bereits dringlichere Kandidaten ausgemacht. Falls an den Gelüsten bezüglich Gatti etwas dran sein sollte, müssen die ohnehin zurückgestellt werden: Am Dienstag gab die Staatskapelle Dresden bekannt, dass sie Gatti zu ihrem zukünftigen Chefdirigenten gewählt hat, und bat Barbara Klepsch, die Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus (in Sachsen ist das eins), mit ihm Verhandlungen über den Chefposten aufzunehmen.

Derzeit hat diesen noch Christian Thielemann inne, bis 2024. Im vergangenen Jahr erklärte Klepsch, dass sie seinen Vertrag nicht verlängern wolle. Man strebe eine Modernisierung der Tätigkeit der Staatskapelle an und damit auch der Dresdner Semperoper, an welcher die Kapelle in erster Linie tätig ist. Thielemann ist Jahrgang 1959, Gatti 1961 geboren. Wie eine radikale Zukunftsoffensive wirkt das noch nicht, zumal Gatti bislang kaum durch Erkundungen abseits des Mainstreams aufgefallen ist.

Die Staatskapelle kennt Gatti seit dem Jahr 2000, immer wieder kehrte er für Konzerte nach Dresden zurück und dirigierte das Orchester auch 2021 bei den (damals noch von Thielemann geleiteten) Osterfestspielen im Herbst in Salzburg. Der Orchestervorstand bescheinigt Gatti, ein "sensibles Gespür für den besonderen Klang der Staatskapelle" zu haben. Auf diesen Klang ist das Orchester, spätestens seit Richard Wagner es dafür lobte, besonders stolz.

2018 wurde Gatti wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung in Amsterdam entlassen

Daniele Gatti wurde in Mailand geboren, studierte am dortigen Konservatorium Orchesterleitung und Komposition und debütierte bereits in der Spielzeit 1987/88 an der Mailänder Scala - sein internationaler Durchbruch mit einer Rossini-Oper. Er folgten Auftritte an der Met, in Wien und London, wo er 1996 musikalischer Direktor des Royal Philharmonic Orchestra wurde. Weitere Leitungsposten schlossen sich an. Von 2009 bis 2012 war er Chefdirigent am Opernhaus Zürich. 2016 wurde er als Nachfolger von Mariss Jansons Chefdirigent des Concertgebouw-Orkest in Amsterdam, jedoch bereits zwei Jahre später fristlos entlassen, nachdem ihm in einem Bericht der Washington Post vorgeworfen wurde, zwei Musikerinnen sexuell belästigt zu haben. Es waren nicht die letzten Vorwürfe. Gatti bestritt diese, ein Jahr später galt der Streit als offiziell beigelegt.

Seiner Karriere tat dies keinen Schaden. Und wenn der jüngste Eindruck nicht täuscht, dann hat sich Gatti, früher durchaus berüchtigt für große Lautstärken und einen eher hemdsärmeligen Zugriff auf die Musik, zu einem ebenso fein- wie eigensinnigen Orchester-Animator entwickelt.

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