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Staatenbund:Eurovision 1814

Wiener Kongreß 1814 bis 1815, Isabey-Gemälde und Karikaturen

Nationale Interessen statt europäischer Union: zeitgenössische Karikatur zum Wiener Kongreß 1814 bis 1815

(Foto: SZ Photo/SZ Photo)

Bereits vor 200 Jahren entwarfen Vordenker kühne Projekte für ein geeintes Europa. Die Vorschläge nehmen in verblüffender Weise die Funktionen der EU vorweg - und hätten womöglich zwei Weltkriege verhindern können.

Ob Griechenland oder Ukraine - kaum eine Krise scheint heute ohne historischen Vergleich auszukommen. Im griechischen Fall ist es der Zweite Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit: Politiker in Athen erinnern an Zwangsanleihen unter deutscher Besatzung, um daraus im wahrsten Sinne des Wortes Kapital zu schlagen, die neue griechische Regierung fordert zugleich einen "Merkel-Plan" nach dem Vorbild des Marshall-Plans. Im Fall der Ukraine werden seit dem Gedenkjahr 2014 vor allem Parallelen zu 1914 gezogen.

Fruchtbarer für die gleichfalls begonnene Diskussion über die nahe Zukunft der Europäischen Union unter ihrer neuen Kommission dürfte es jedoch sein, nicht hundert, sondern zweihundert Jahre zurückzublicken. Denn mit dem Pariser Frieden 1814, und damit ein Jahr bevor Napoleon bei Waterloo endgültig am Ende sein sollte, nahm eine Debatte über die zukünftige Gestalt Europas Fahrt auf, deren Argumentationen stark den heutigen ähneln - und dabei zeitlos aktuell erscheinen.

Nur mit einem europäischen Bund kann der Frieden gewahrt werden

Überaus erhellend ruft Claude D. Conter die damaligen Argumente für ein geeintes und starkes Europa in Erinnerung. Der Konservator im "Centre national de littérature Mersch" in Luxemburg beschreibt, wie 1814 der völkerbündische Gedanke der Völkervereinigung oder der Völkerfreundschaft stärker als je zuvor in politische und soziale Modelle integriert wurde (Europakonstruktivisten und Mode-Europäer. Antriebskräfte des Europadiskurses zwischen 1815 und 1848. In: Europäische Einigung im 19. und 20. Jahrhundert. Akteure und Antriebskräfte. Herausgegeben von Ulrich Lappenküper, Guido Thiemeyer. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2014, 171 Seiten, 24,90 Euro).

Als ab 1814 Europavorstellungen Konjunktur hatten, zählte die Idee eines europäischen Völkerbundes nach Conters Analyse zu den bemerkenswertesten. So begründete der dänische Rat Konrad Schmidt-Phiseldek in seiner Schrift "Der europäische Bund" eine völkerrechtliche Verbindung der Staaten damit, dass nur so der Frieden gewahrt und ein geeintes Europa ein wohlhabender Weltteil mit historischer Bedeutung bleiben könne - eine beinahe wortgleiche Vorwegnahme der heutigen Forderung nach einem starken und international wettbewerbsfähigen Europa in einer immer stärker globalisierten Welt sich wandelnder Kräfteverhältnisse.

Die Idee einer gemeinsamen Währung ist zweihundert Jahre alt

Schmidt-Phiseldek nahm nicht nur die heutige Argumentation vorweg. Er skizzierte vor zweihundert Jahren bereits eine Art Europäische Union, wie sie heute zu weiten Teilen tatsächlich existiert: rechtliche Gleichheit der in einem Föderalvertrag vereinten souveränen Staaten, freier Verkehr von Waren und Menschen, ein europäischer Gerichtshof, ein europäisches Parlament, eine europäische Verfassung, ein gemeinsames Europarecht, eine gemeinsame Armee und - nicht zuletzt - eine gemeinsame Währung, der "europäische Thaler".

Wiener Kongress Europa feiernd neu ausgekungelt
200 Jahre Wiener Kongress

Europa feiernd neu ausgekungelt

Am 18. September 1814 beginnen die Gegner Napoleons in Wien, Europa neu zu ordnen. Der Machtpoker gleicht einer Riesenparty, sorgt für kuriose Amouren und führt zu Entscheidungen, die teilweise 200 Jahre später nachwirken.

Die Reform des europäischen Geldwesens sollte dabei auf Grundlage eines gemeinsamen Steuersystems und einer zwischen den Staaten vereinbarten Haushaltspolitik erfolgen. Kriterien dafür: Begrenzung der Staatsschulden und freier Binnenverkehr.

Die Versäumnisse von 1814 führten in die Katastrophe

Heute stehen die Chancen gerade wegen des durch die Krisen in Griechenland und in der Ukraine gestiegenen inneren wie äußeren Drucks auf die EU nicht schlecht, dass Europa auch die noch fehlenden Teile einer solchen Union zusammenfügt - nicht zuletzt als Antwort auf die Herausforderungen durch die immer stärker und schneller globalisierte und digitalisierte Welt des 21. Jahrhunderts.

Vor zweihundert Jahren blieb eine solche Union der Europäer allerdings Utopie: Europa ging nach dem endgültigen Ende von Napoleons Imperium auf dem Wiener Kongress 1815 nicht einen gemeinsamen Schritt zu mehr Einheit, sondern blieb nationalem Denken und Handeln verhaftet. Die das Gedenkjahr 2014 dominierenden Zäsuren 1914 und 1939 waren die Folge. Umso mehr sollte sich Europa an 1814 erinnern - gerade im Gedenkjahr 2015 mit seinen Erinnerungen an 1945 und 1990.