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Alben der Woche:Wohltuend entspannter Umgang mit dem Wort "fuck"

Kesha misslingt die Rückkehr zur alten Leichtigkeit, Tarek K.I.Z reißt die Ironie-Wand ein. "Destroyer" fröhnen der kreativen Zerstörung und "Blond" sind genervt von den Thorstens dieser Welt.

7 Bilder

Have We Met von Destroyer

Quelle: Dead Oceans / Cargo

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Destroyer - "Have We Met" (Cargo Records)

Mit ihrem Werk von bislang zwölf Alben hat sich Destroyer um den Frontmann Dan Bejar recht breit auf dem Musikmarkt gemacht. Beim 13. wollte Bejar nach eigenen Worten eigentlich ein "Y2K"-Konzeptalbum machen, also irgendwie in die Ära zurück, in der Künstler versuchten, einen Sound für das sich ankündigende neue Jahrtausend zu finden. Das kann 20 Jahre nach der Jahrtausendwende eigentlich nur scheitern. Ist es auch, und Destroyer hießen nicht Destroyer, wenn die kreative Zerstörung nicht ihr Antrieb wäre: "Have We Met" (Cargo Records) ist nun das Ergebnis langer Wohnungs-Sessions nach dem Verwerfen der Ursprungsidee geworden. Die Stimme Bejars stammt von Aufnahmen am Küchentisch, die eigentlich nur vorläufig sein sollten. Sie vertragen sich erstaunlich gut mit den am PC generierten Synthie- und Drumsounds seines Kollegen John Collins, der die kryptische Lyrik in ein Klangbett einwebt, das in seinen guten Momenten ("Kinda Dark") an die Italo-Disco-Reduktionen von Bands wie Chromatics oder Glass Candy erinnert, gepaart mit ein bisschen Bowie zu Brian-Eno-Zeiten ("The Television Music Supervisor"). Nur die Gitarren von Nic Bragg stören das Bild. Sie wirken wie ein riesiger, rotierender Phallus im feinfühligen Indie-Pop-Porzellanladen.

Quentin Lichtblau

Martini Sprite von Blond

Quelle: Beton Klunker Tonträger

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Blond - "Martini Sprite" (Rough Trade)

Auch Blond machen Indie. Sie sind noch jung, klingen aber trotzdem ein wenig nach dem Jahr 2005 - nach einer Zeit also, als man sich noch zu Gitarrenmusik stolz den Seitenscheitel aus dem Gesicht strich und Röhrenjeans ein Distinktionsmerkmal waren. Im Umfeld der Familie Kummer aus Chemnitz hat dieser Sound offensichtlich Zuflucht gefunden, sowohl der männliche Kummer-Anteil bei Kraftklub (Felix und Till Kummer), als auch der weibliche bei Blond (Nina und Lotta Kummer, zusammen mit Johann Bonitz) erhalten ihn am Leben. Im Fall von Blond dank eines lyrischen Updates - weg vom Jungskram hin zu den Problemen junger Frauen. Da wären auf "Martini Sprite" (Rough Trade) etwa der oft so gar nicht glamouröse Tour-Alltag als neue Band ("Las Vegas Glamour"), bei dem irgendwelche Klugscheißer-Thorstens die Bühnenoutfits oder die Kabelführung kommentieren ("Thorsten"). Oder die plötzlich einsetzende Periode beim ersten Date ("Es könnte grad nicht schöner sein"). Rätselhaft oder doppelbödig bleibt dabei wenig. Die Texte, die Gitarren, der Humor, alles knallt direkt und unverschlüsselt bei Blond - was sicher nicht schaden kann. Die nächste Sommer-Saison kommt bestimmt, und die Musik der beiden Kummer-Schwestern ist wie gemacht für bundesdeutsche Festivalbühnen.

Quentin Lichtblau

Be Up a Hello von Squarepusher

Quelle: Warp / Rough Trade

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Squarepusher - "Be Up A Hello" (Warp)

Squarepusher schaut auf seinem neuen Album "Be Up A Hello" (Warp) ebenfalls eher zurück als nach vorne: Tom Jenkinson hat sich von den Produktionsmöglichkeiten der Zukunft abgewandt und wieder dem guten alten Analog-Equipment seiner frühen Jahre gewidmet. Nach zwei egalen bis störenden Einstiegsstücken befinden wir uns direkt wieder im UK-Rave der späten Neunziger. Mit "Nervelevers" und "Speedcrank" zünden gleich zwei Breakbeat-Bomben hintereinander, die in ihrer fast jazzigen Vielschichtigkeit den jungen Produzenten des aktuellen Break-Revivals in der elektronischen Musik das Fürchten lehren dürften.

Altbacken klingt das ganz und gar nicht, man wundert sich fast, warum dieser superintelligente Krach als Gegenfolie zum heute weit verbreiteten Gefälligkeits-Bummeltechno so lange gefehlt hat. Liefe etwa "Terminal Slam" in einem Großstadt-Deli, die Gäste würden sich binnen Minuten ihre Poke-Bowls über die Ohren ziehen und zitternd um Gnade winseln. Wer es trotzdem wagt, dieses Album mit guten Kopfhörern von vorne bis hinten durchzuhören, sollte also einen möglichst ausgeglichenen Nervenhaushalt parat haben. Er fühlt sich danach aber garantiert auch ganz, ganz wunderbar.

Quentin Lichtblau

Schwesta Ewa â€" „Aaliyah“ (Alles oder Nix)

Quelle: (Alles oder Nix)

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Schwesta Ewa - "Aaliyah" (Alles oder Nix)

"Aaliyah" heißt das neue Album von Schwesta Ewa, benannt nach ihrer einjährigen Tochter. Feiern können Mama und Tocher das Release aber weder zusammen noch in Freiheit - Ewa sitzt in der JVA Willich II, wo es keine Mutter-Kind-Plätze gibt. 2017 wurde sie wegen Körperverletzung und Steuerhinterziehung verurteilt. Ob es nun an Aaliyah oder der Aussicht auf die Zeit hinter Gittern liegt: Ewa ist auf ihrem neuen Werk sanfter geworden. Inhaltlich. Musikalisch versucht sie größtenteils noch, auf den Zug aufzuspringen, der seit 2016 die "Schmuddeljungs" in die Charts bringt: Gangsterimage, Marimbas, Stripclubatmosphäre. Immerhin wurden ressourcenschonend die Beats von Apache 207 und Shirin David recycelt. Schade. 2018 hatte sie mit dem Vorgängeralbum "Aywa" doch noch unter Beweis gestellt, dass sich rotziger Straßenrap aus ihrer einzigartigen Perspektive als ehemalige Prostituierte nicht an den Mainstream anbiedern muss und trotzdem Erfolg haben kann. Ein wenig Gänsehaut gibt's dann aber doch beim Track "Mama iz da". Bleibt zu hoffen, dass sie in zwei Jahren mit neuen Ideen wieder aus dem Gefängnis zurück kommt.

Benedikt Scherm

High Road von Kesha

Quelle: Rca Int./ Sony Music

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Kesha - "High Road" (Kemosabe Records/RCA Records)

Auf ihrem 2017er Album "Rainbows" hatte Kesha, vormals Ke$ha, noch beeindruckend die Emanzipation von ihrem langjährigen Produzenten Dr Luke gefeiert, dem sie emotionalen und sexuellen Missbrauch vorgeworfen hatte, lange vor der großen #MeToo-Welle. Ihr neues Album "High Road" (Kemosabe Records/RCA Records) ist nun die versuchte - aber leider nicht gelungene - Rückkehr zur alten Leichtigkeit aus "Tik Tok"-Zeiten. Die Einstiegsnummer "Tonight" klingt wie ein sehr uninspirierter Abklatsch von Miley Cyrus 2013er-Single "We Can't Stop". Der Song wirkt aus der Zeit gefallen. Die Ära der Durchhalte-Partynummern ist zu lang vorbei. Leider tritt sie auch auf dem Rest des Albums immer wieder in einem anderen Kostüm auf - und keines passt richtig. Sei es eine Divennummer a lá Alicia Keys in "High Road" oder die nach Nashville versetzte Feist-Imitation in "Cowboy Blues". Abgesehen vom wohltuend entspannten Umgang mit dem Wort "fuck" fehlt es Kesha an etwas eigenem, oder, wie auch ein Songtitel lautet, dem "own dance".

Quentin Lichtblau

Tarek K.I.Z - "Golem" (EKLAT Tonträger)

Quelle: EKLAT Tonträger

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Tarek K.I.Z - "Golem" (Eklat Tonträger)

Das "K.I.Z" führt Tarek Ebéné weiterhin im Künstlernamen. Wofür das Kürzel steht, weiß bis heute nur die Band selbst, die Theorien reichen aber von "Kannibalen in Zivil" bis "Karotten, Ingwer und Zwiebel". Auch die alten Themen klingen auf "Golem" (Eklat Tonträger) an, werden auf dem Solo-Debüt aber von der gesamtgesellschaftlichen auf die individuelle Perspektive getragen. Und von der Ironie ins Konkrete. Ein großer Schritt, K.I.Z waren schließlich die düstersten Rap-Ironiker des Landes. Stattdessen bildet nun das auf "Ticket hier raus" gesetzte Großstadt-Trauma die Grundstimmung, auf der Ebéné dann etwa über die Selbstverklärung eines Typen am Boden ("Nach wie vor der Boss") rappt. Dessen einziger Wagen ist ein Einkaufswagen, aber hey, es kommt ja nicht auf den Wagen an, "sondern, wer ihn fährt". Das musikalisch streckenweise leider doch etwas abgenutzte 808-Autotune-Allerlei wird in "Nubischer Prinz" in Richtung Funk a lá The Weeknd aufgebrochen. In "Ticket hier raus" beschreibt der Rapper eine Szene, in der ihn jemand fragt, ob es ihm gut ginge: "Jede Menge Rechnungen und mein Vater hat Krebs Doch ich sage: 'Alles okay!'", heißt es da. Tatsächlich ist Ebénés Vater, ein Musiker, an Krebs verstorben. Ihm ist auch das letzte Lied des Albums gewidmet, "Frühlingstag". Die Zweideutigkeit ist hier ganz aus den Worten verschwunden. Der Vater sieht sich, bereits schwer krank, ein K.I.Z-Konzert vor 17 000 Leuten in der Berliner Wuhlheide an. Nicht vom überdachten Bühnenrand aus, sondern draußen, im Regen. Weil er von dort aus seinen Sohn besser sehen kann.

Quentin Lichtblau

Sängerin Kesha

Quelle: dpa

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Abgesehen vom wohltuend entspannten Umgang mit dem Wort "fuck" fehlt es Kesha an etwas eigenem - oder, wie auch ein Songtitel lautet, dem "own dance".

Alle Folgen der Alben der Woche gibt es hier.

© SZ vom 29.01.2020/sikt
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