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Spurensuche:Winter pointillistisch

Paul Signac hat seine Ansicht des Pariser Boulevard de Clichy im Winter 1885/86 gemalt.

(Foto: mauritius images)

Die Welt verändert sich ständig, nicht aber die großen Menschheitsfragen. Schnee ist schön, macht aber viel Arbeit.

Die Massen an Neuschnee, die in diesen Tagen über Süddeutschland niedergegangen sind, haben den kommunalen Straßenreinigungsdiensten extreme Probleme bereitet. Im teilweise meterhoch zugeschneiten Voralpenland musste sogar der Katastrophenfall ausgerufen werden. Doch auch den verzaubernden Reiz geschlossener Schneedecken hat man in den vergangenen Tagen stärker erleben können als in den Jahren zuvor.

Für Maler jedenfalls gehören weiß beschneite Ortschaften und zugefrorene Teiche immer schon zu den verlockendsten Sujets. Im Gemälde "Boulevard de Clichy", das der junge Paul Signac 1886 in Paris gemalt hat, lässt sich die verschleiernde Wirkung rieselnden Schnees intensiv nacherleben, ja man könnte an diesem Bild sogar darstellen, wie der pointillistische Effekt, den die gemalten Schneeflocken auf der Malfläche erzeugen, die Herausbildung eines neuen Malstils, des Pointillismus, befördert hat.

Im Winter 1885/86 hat Signac, angeregt durch die divisionistischen Experimente des vier Jahre älteren Georges Seurat, erste Versuche unternommen, die in einem Farbton vereinten Farben nicht mehr auf der Palette zusammenzumischen, sondern auf der Leinwand in Punkten nebeneinanderzusetzen, die Mischung also den das Bild betrachtenden Augen zu überlassen. Seine Ansicht des beschneiten Boulevard de Clichy folgt formal noch ganz den verehrten Vorbildern Monet und Pissarro. Doch maltechnisch wagt sich Signac hier schon ein Stück weit über den Impressionismus hinaus. Die fallenden Schneeflocken ermutigen ihn dazu, nicht nur das Weiß punktuell zu verteilen, sondern auch die übrigen Farben in Tupfen so nebeneinanderzusetzen, als seien sie auf die Leinwand und dort auf die abgebildeten Objekte geschneit worden.

So entstand eines der überzeugendsten Winterbilder der Malereigeschichte. In der frisch hingewehten, auf dem Boden schon matschig tauenden Schneedecke zeichnen sich die Spuren der in eine Querstraße abgebogenen oder von dort auf den Boulevard eingeschwenkten Fahrzeuge und die Schienen der am Mittelstreifen entlanggeführten Pferdebahn farblich ab. Im sanften Rieseln des Schnees aber lösen sich die Konturen der Häuser und der Bäume zunehmend auf. Der Schnee führt dem Auge des Betrachters also vor, wie aus einer impressionistischen Ansicht eine pointillistische werden kann.