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Spurensuche:Was singen die Sirenen?

Ulysses and the Sirens, 1891 (oil on canvas)

Als die süßen Gesänge Untergangsgesänge wurden: "Ulysses and the Sirens" (1891)

(Foto: John William Waterhouse)

Die Welt verändert sich ständig, nicht aber die großen Fragen. Wir suchen in Literatur, Film, Kunst und Musik nach wiederkehrenden Motiven. Derzeit ist das eine alte deutsche Obsession: die Lust am Untergang.

Odysseus hatte seinen Gefährten befohlen, sich Wachs in die Ohren zu stopfen, und sich selbst an den Mast binden lassen, um den Gesang der Sirenen hören zu können, ohne seinen Verlockungen zu erliegen. Als der Maler John William Waterhouse 1891 die Sirenen als einen Schwarm schwarzer Raubvögel mit Frauenköpfen darstellte, gab es in der Presse lautstarke Proteste. War diesen Unglücksvögeln der verführerische, süße Gesang zuzutrauen, von dem bei Homer die Rede war? Sahen sie nicht aus, als fielen sie wie krächzende Furien über die Seefahrer her?

Der Maler aber hatte etwas begriffen. Er hatte nicht die Welt Homers dargestellt, sondern seine eigene. In der Welt Homers sind die Sirenen eine Gefahr, weil ihr süßer Gesang in den Untergang lockt. Er lässt die Schiffer an den Felsen von Skylla und Charybdis zerschellen, indem er die Gefahr überdeckt und verschweigt. In der modernen Welt wird der Untergang selbst zur Verlockung. Was die Mischwesen des John William Waterhouse singen, ist unhörbar. Aber ihren Gesichtern ist anzusehen, dass sie mit der Lust am Untergang rechnen. Nicht von ungefähr sehen sie aus wie Windsbräute. Im modernen "Ulysses" von James Joyce leben die Sirenen in einer Welt, in der Äolus, der Gott, der Winde, zum Herrscher über die Presse geworden ist.

Der aktuelle Weltmeister im verführerischen Untergangsgesang ist Deutschland. Auf den Titelseiten politischer Magazine zerfließt die deutsche Fahne unter der Parole: "Es war einmal ein starkes Land." Was ist passiert? Die Fußballmannschaft ist in der Vorrunde ausgeschieden, die Deutsche Bank hat einen Stresstest in Amerika nicht bestanden, und die Regierung streitet über die Flüchtlingspolitik. Am Abgrund steht Deutschland nicht. Aber wenn es ein Zentrum der "Merkel muss weg"-Rhetorik gibt, dann ist es die Rede vom drohenden Untergang Deutschlands, sei es in der Formel "Deutschland schafft sich ab", oder beim beliebten Hineinkopieren des Konterfeis der Kanzlerin in das Filmplakat "Der Untergang", in die Ruinenlandschaften von 1945.

Mit der Wirklichkeit hat die grassierende Lust an Untergangsbildern so wenig zu tun wie die Mythologie des Sommermärchens im Jahr 2006. Aber sie hat einen politischen Kern. Je suggestiver die Untergangsbilder ausgemalt werden, desto mehr erscheint Deutschland als ein Land im Ausnahmezustand. Wer glaubt, den Untergang aufhalten zu müssen, neigt nicht zu Kompromissen. Eher zu Notstandsgesetzen. Und zur Parole "Deutschland first".