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Spurensuche:Superstau

Weekend / Week-End

Dünner Firnis der Zivilisation: Die Folgen des Staus in Jean-Luc Godards Film „Weekend“.

(Foto: ddp images)

Ferienzeit, und die Autobahn ist dicht. Zum Zeitvertreib kann man sich mit der Bedeutung des Staus in der Filmgeschichte befassen - von Godard bis "La La Land".

Die Welt verändert sich, nicht aber die großen Fragen. Wir suchen in Kunstwerken nach wiederkehrenden Motiven. Zum Ferienbeginn: Der Stau als Metapher im Film, von Godard bis "La La Land".

Neulich eröffnete ein Eisverkäufer auf der Lindauer Autobahn mitten im Vollstau seinen Stand auf dem Anhänger. Eine Leserreporterin der Bild hatte von diesem Akt des zivilen Ungehorsams berichtet. Wobei nicht bekannt ist, ob sich Eisverkäufer und Leserreporterin bewusst waren, wie tief sie da in eine der mächtigsten Metaphern der jüngeren Filmgeschichte eingestiegen waren. Ist der Stau doch ein MacGuffin des sozialkritischen Films. Das funktioniert quer durch alle Genres in Komödien, Dramen, in der Avantgarde und im Musical.

Am direktesten bezog sich die aktuelle Szene auf der A 96 auf "Superstau", Manfred Stelzers Komödie, mit der er 1991 die deutsch-deutschen Integrationsschwierigkeiten auf das Kammerspiel eines Autobahnabschnitts komprimierte. Da spielte Ottfried Fischer den selbstzufriedenen Wohnmobilbayern, der seinen Besitzstand mit der so wesenstypischen Beharrlichkeit des Autochthonen bewahrt.

Was Stelzer nur sanft nutzte, war das Aggressionspotenzial des Staus als Rebellionsmotiv. Was man ihm eigentlich zugutehalten muss, denn damit begibt sich ein Regisseur auf das heikle Feld der Relativierung. Steht der Stau doch immer stellvertretend für das "System", jenes diffuse Konstrukt aus Politik, Kommerz und Bürokratie, das jeden zur Ohnmacht verdammt, der sich in seinen Unzulänglichkeiten verliert.

Kein Film hat das je mit einer so durchschlagenden moralischen Ambivalenz inszeniert wie Joel Schumachers "Falling Down - Ein ganz normaler Tag" von 1993. Wenn Michael Douglas da zu Beginn den Wagen im Stau einfach stehen lässt, ist das noch eine Auflehnung, mit der sich jeder Zuschauer identifizieren kann. Oder besser - soll. Denn Schumacher ging es vor allem darum, nachzuzeichnen, wie kurz der Weg vom zivilen Widerstand zum Amoklauf einer fehlgeleiteten Selbstjustiz sein kann.

Niemand aber hat den Stau als Sinnbild für den dünnen Firnis der Zivilisation so virtuos eingesetzt wie Jean-Luc Godard 1967 in "Weekend". So konsequent brach die Gesellschaft im Stau nie wieder zusammen. Wobei man den Eisverkäufer von der A 96 nicht mit zu viel Theorie beladen sollte. Wahrscheinlich bezog er sich nur auf die Eröffnungssequenz des Musicals "La La Land" von 2016. Da ist die Lösung für Stauprobleme, im Geiste des gegenwartslindernden Eskapismus in die Sonne zu tanzen.