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Spurensuche:Stummer Frühling

Die Welt verändert sich, nicht aber die großen Fragen. Wir suchen nach alten Motiven. Vor dem Insektensterben durch Pestizide warnte Rachel Carson schon in den Sechzigern.

Child Delousing

Ein Kind wird 1945 mit DDT "desinfiziert".

(Foto: George Konig/Getty Images)

Der Frühling ist sehr still geworden. Seit einigen Jahren schon weisen Wissenschaftler auf der ganzen Welt darauf hin, dass die Zahl der Insekten rapide zurückgegangen ist, allein in Deutschland soll sie laut einer Studie in den vergangenen 30 Jahren um zwei Drittel geschrumpft sein. Mit den Käfern, Fliegen und Mücken verschwinden weitere Arten, wie die Pflanzen, die von den Bienen bestäubt werden müssen, oder Vögel, denen die Insekten als Nahrung dienen. Als Grund für das Massensterben gilt die industrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und dem Einsatz von Pestiziden. Neu sind diese Erkenntnisse nicht, und ohne solche Mittel ist moderne Landwirtschaft kaum möglich. Aber welche Gefahren schon in dem Einsatz kleiner Mengen giftiger Chemikalien in der Natur liegen, beschrieb die amerikanische Biologin Rachel Carson vor fast 60 Jahren in ihrem Bestseller "Der stumme Frühling".

RACHEL CARSON

Rachel Carson mit einem Exemplar von "Der stumme Frühling".

(Foto: ddp images/AP/RHS)

Es gibt Fotografien aus den USA der Vierziger und Fünfziger, auf denen Lastwagen durch Vororte und über Badestrände fahren und alles in einen dichten weißen Nebel hüllen. Damals galt das Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan, kurz DDT, als eine Art Wundermittel, das Schädlinge und Krankheitsträger effektiv bekämpfe, dem Menschen aber kaum schade. Ein großer Irrtum, zu dessen Bekanntwerden Carson mit ihrem Buch maßgeblich beitrug. Sie beschreibt, dass gezielter Pestizideinsatz kaum möglich ist, dass selbst vom Einsatzort weit entfernte Ökosysteme in Mitleidenschaft gezogen werden können und dass sich die Gifte, die immer und immer wieder versprüht werden müssen, in der Natur anreichern. Sie gelangen in den Boden und ins Wasser, durch die Insekten gelangen sie in die Populationen anderer Tierarten, und durch den Verzehr von Fischen und Säugetieren gelangen sie in den Menschen. Von der Industrie und manchen Wissenschaftlern wurde Carson damals heftig kritisiert, obwohl sich die meisten ihrer Analysen als korrekt erwiesen.

DDT ist inzwischen verboten, es gibt auch in landwirtschaftlich genutzten Regionen Naturschutzgebiete und es gibt eine weltweite Umweltbewegung. Trotzdem verschwinden die Tierarten und mit ihnen ganze Ökosysteme. "Nichts darf sich dem Mann mit der Sprühpistole in den Weg stellen", schrieb Carson 1962 über die Prämisse, unter der die Menschen mit ihrer Umwelt umgehen. Daran hat sich kaum etwas geändert. Vielleicht wirken manche Methoden der Landwirtschaft in einigen Jahrzehnten so, wie heute die Bilder von den DDT versprühenden Lastwagen.