Spurensuche Steinkohle

Nah am Stein der Weisen? Glänzende Steinkohle, gefördert in Nordrhein-Westfalen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Die Welt verändert sich, nicht aber die großen Fragen. Wir suchen nach neuen alten Motiven. Der Kohlekommission wäre zu wünschen, dass sie den Stein der Weisen findet.

Von Lothar Müller

Warum fällt der Abschied von der Steinkohle so schwer? Warum fallen die Nachrufe auf den Bergbau so pathetisch aus? Warum glänzen die letzten zutage geförderten Kohlestücke so suggestiv, wenn die letzten Kumpel sie dem Staatsoberhaupt präsentieren? Weil sie an Tiefenschichten des Bildgedächtnisses und an eine Aura der Steinkohle erinnern, die älter ist als die Industrialisierung. Diese Aura entstammte der Alchemie, den Verwandlungslehren der Goldmacherkunst und der Suche nach der "prima materia", der erstgeschaffenen Materie, in der alle anderen Stoffe enthalten sein müssten.

Es stimmt schon, die Aufklärung des 18. Jahrhunderts und zumal die Etablierung der Chemie als Wissenschaft hatten die Alchemie der Vergangenheit und dem Aberglauben überantwortet, aber sie war beim Aufbruch ins Industriezeitalter noch lebendiger, als es sich eine Schulweisheit träumen lässt, in der die moderne Welt ganz auf Zweckrationalität, wissenschaftliche Vernunft und Säkularisierung gebaut ist. In einer viel gelesenen deutschen Zeitung, dem Reichs-Anzeiger, erschien 1797 die Anzeige einer "hermetischen Gesellschaft", die sich vorgenommen hatte, die alchemistischen Traditionen in Auseinandersetzung mit der modernen Chemie hochzuhalten.

Eine Flut positiver Leserreaktionen ging an, verfasst von Kanzlern deutscher Kleinstaaten, evangelischen und katholischen Geistlichen, Handlungs- und Apothekergehilfen, Registratoren und Geheimen Finanzräten. Die Initiatoren schrieben sich öffentliche Briefe, in denen sie versicherten, alles, was in den alchemistischen Schriften über den "Stein der Weisen" gesagt würde, treffe auf keine Materie besser zu als auf die Steinkohle.

In den wissenschaftlichen Zeitschriften wurden zur gleichen Zeit die verschiedenen Steinkohlearten ausführlich debattiert, die Notwendigkeit ihrer Unterscheidung von der Braunkohle angemahnt, die Nützlichkeit der Braunkohle etwa in Gestalt der "Cöllnischen Erde" als Brennmaterial erörtert. In Weimar verfasste Johann Carl Wilhelm Voigt, der geologische Berater Goethes, seinen "Versuch einer Geschichte der Steinkohlen, der Braunkohlen und des Torfes". Aber in der Presse zirkulierte der Ausspruch eines Englandreisenden angesichts der rauchenden Schlote Londons: "Oh! Wie viele Millionen gehen hier in die Luft!" Es war die Industrie, die das alte Versprechen der Alchemie einlöste, Kohle in Gold zu verwandeln.