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Spurensuche:Mutterliebe

Ambrogio Lorenzettis (1290-1348) Madonna.

(Foto: Siena, Palazzo Arcivescovile)

Über das Betreuungsgeld wird leidenschaftlich diskutiert, ebenso über das Stillen in der Öffentlichkeit. Schon im 14. Jahrhundert weckten Mütter kleiner Kinder große Emotionen und waren Bilder der stillenden Madonna populär.

Von Kia Vahland

Die Welt verändert sich ständig - nicht aber die großen Fragen, die Menschen bewegen. Wir suchen in alten Filmen und Kunstwerken nach wiederkehrenden Motiven. Früh schon weckten Bilder stillender Mütter Sehnsüchte

Gegner und Befürworter führen gerade eine hoch emotionale Debatte um das Betreuungsgeld für Mütter (seltener für Väter) kleiner Kinder. Für hitzige Diskussionen sorgt immer wieder auch das Stillen: Bis wann soll ein Baby die Brust bekommen? Wie wichtig ist Mamas Milch für seine Entwicklung? Und darf eine Mutter im öffentlichen Raum, etwa in Cafés, ungezwungen ihr Kind stillen - oder belästigt sie damit andere Gäste?

Es scheint, als ginge es bei diesen so leidenschaftlich ausgefochtenen Themen um mehr als nur die Sache. Sondern, auf beiden Seiten, um große Gefühle. Tiefe Sehnsüchte, starke Ängste. Wenn aber etwas die Menschen mit so viel Wucht rührt oder ärgert, hat es meistens eine lange Geschichte.

Vom 13. Jahrhundert an wurde in Italien das Motiv der stillenden Madonna populär. Oft erscheint sie im ikonenhaften Halbformat, also ohne Beine und mit nur ansatzweise sichtbarem Unterleib. Ein solcher Bildausschnitt bietet einen recht begrenzten Blick auf eine Person - hat aber den Vorteil, dass die Figur dem Betrachter sehr nah rückt. Es ist, als hätte man eine Fotokamera auf Zoom gestellt oder würde so dicht an einen Menschen herantreten, dass man nur noch Gesicht und Oberkörper sieht.

Die Künstler des ausgehenden Mittelalters entwerfen noch nicht reihenweise Charakterköpfe mit Leberflecken, Runzeln, großen Nasen und anderen unverwechselbaren Merkmalen. Und Frauen, erst recht Madonnen, bleiben sowieso noch bis weit in die Neuzeit hinein idealisierte Typen, die man auch mit Schablone malen könnte.

Also suchen Maler nach anderen als physiognomischen Mitteln, um Vertraulichkeit herzustellen: Sie zeigen die Muttergottes mit entblößter Brust und führen die Frau möglichst nah an die Betrachter heran. Ihr Thron wird unwichtig; in den Mittelpunkt rückt die liebevolle Geste.

Im später Mittelalter und in der Renaissance verbreiten sich diese Bilder in Kapellen, Klöstern und privaten Andachtsräumen. Das ist nicht allein damit zu erklären, dass sich stolze Städte wie Venedig und Siena dem Schutz der Maria anvertrauten und sie als Hüterin ihrer Gemeinwesen verehrten. Die entblößte Brust wirkt intimer als es politische Gestik vermag: Sie verbindet Religion und Emotion, die Hoffnung auf jenseitiges Heil und höchst diesseitige Wünsche.

In den alten italienischen Ständegesellschaften vertrauten Adelige ihre Säuglinge Ammen an, zumeist Bäuerinnen. Eine mehrjährige Stillzeit sollte die Kleinen gesund halten und am Leben. Tatsächlich starben die meisten Kinder während des monatelangen Abstillens.

Die Verträge über die Betreuung wurden zwischen den beiden Ehemännern ausgehandelt und besagten unter anderem, dass die Amme während der ganzen Stillzeit sexuell abstinent zu leben habe. Die adeligen Mütter dagegen sollten möglichst bald wieder schwanger werden und hatten oft viel mehr Geburten als Frauen aus dem Volk.

Es war lange so üblich, prestigeträchtig wie auch umstritten, Säuglinge in fremde Obhut geben. In der Hochrenaissance mahnten Humanisten wie Erasmus von Rotterdam, die Milch der eigenen Mutter sei das Beste. Wer nicht stille, sei gar keine richtige Mutter. Das muss in Ohren vieler betroffener Frauen zynisch geklungen haben: Schließlich wurden sie in der Regel nicht gefragt, ob sie ihre Kinder weggeben wollten oder nicht.

Die Madonna wird verehrt, Mütter aber sind ohne Rechte

Trotz aller gelehrten Ermahnungen schickten Eltern ihren Nachwuchs weiter aufs Land. Und beteten - wie auch viele Nonnen und Mönche - vor Gemälden glücklich stillender Madonnen. Die Sehnsucht nach ungestörter Elternliebe, nach dem vermeintlichen Einssein von Kind und Mutter, sie wanderte ab in Kunst und Religion.

Der Maler Ambrogio Lorenzetti wirkte in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit seinem Bruder Pietro in Siena, bevor er 1348 an der Pest starb. Seine stillende Madonna, die sich bis heute in Siena befindet, steht noch ganz in gotischer Tradition. Sie wohnt in einem spitzgiebeligen Bildfeld und trägt wie ihr Sohn einen Heiligenschein, der mit dem goldenen Hintergrund verschmilzt.

Und doch rührt sich hier schon die neue Zeit, in der die Kunst zum Menschen finden wird. Einen Bildrand benutzt die Frau als Lehne, sie rückt damit aus der Mittelachse nach links. Das verschafft ihrem genüsslich nuckelnden Sohn Raum: Fröhlich strampelt er mit den Beinchen und versucht, die Mutter mit einem Fuß leicht wegzuschubsen. Offensichtlich ist er kein Neugeborener, sondern bereits ein tatkräftiges Kleinkind. Nicht die Mutter schaut er an, sondern erwidert neugierig die Blicke der Betrachter.

Ambrogio Lorenzetti erfasst in dem Gemälde die ganze Ambivalenz der frühen Kindheit nach der allerersten Säuglingszeit: Schutz und Nahrung findet der Junge noch an der Brust, und will doch schon ohne die Mutter hinaus in die Welt. Er braucht sie, aber er sucht auch andere Menschen: uns.

Die Bilder der Alten sind kein Plädoyer für oder gegen Kleinkindbetreuung und stillende Mütter. Sie erzählen auch nur selten vom Leben und Leid der Ammen, die als Arbeitskräfte am begehrtesten waren, wenn ihr leibliches Kind kurz zuvor gestorben war. Aber sie drücken doch starke Wünsche aus. Und künden von einer ins Religiöse verdrängten Mutterverehrung in einer Zeit, die lebendigen Müttern kaum Rechte zugestand.

© SZ vom 01.08.2015
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