Spurensuche Ein letzter Atemzug

Die perfekte Besetzung für ein amerikanisches Durchschnittsehepaar: Doris Day und James Stewart.

(Foto: imago)

Russische Agenten auf Mördertour in England? Das Kino kennt viele Geheimdienstler in dubioser Funktion, wie zum Beispiel in Alfred Hitchcocks Thriller "Der Mann, der zuviel wusste".

Von Susan Vahabzadeh

Die Welt verändert sich ständig, nicht aber die großen Fragen. Wir suchen in Kunst und Musik nach wiederkehrenden Motiven. Touristen, die zufällig in einen Agentenmord verwickelt werden, sind ein Fall für Alfred Hitchcock.

Die McKennas sind eine amerikanische Durchschnittsfamilie, wie man sie damals, 1956, am besten von James Stewart und Doris Day spielen ließ. Sie fahren in den Urlaub, nach Marokko. Im Bus nach Marrakesch lernen Dr. McKenna und seine Frau Jo, die einmal Sängerin war, einen freundlichen Franzosen kennen. Und als sie dann den Djeema-el-Fna-Platz besichtigen, den riesigen Markt von Marrakesch, an den sich die Sukhs anschließen, fällt ihnen der Franzose wieder vor die Füße. Er hat ein Messer im Leib und haucht mit einem letzten Atemzug, es werde einen Mord in London geben, und irgendwas von Ambrose Chapel. Und während die McKennas nun ihre Aussage machen über das, was sie da beobachtet haben, verschwindet ihr Kind.

Die Geschichte, die Alfred Hitchcock in "Der Mann, der zuviel wusste" erzählt, hat ihn so begeistert, dass er sie gleich zweimal verfilmt hat, 1934 und 1956 - die berühmtere Fassung ist die spätere, jene mit James Stewart und Doris Day, den Touristen in Marokko. Beiden Filmen liegt aber das gleiche Motiv zugrunde. Ein unschuldiges Touristenpaar wird ohne jedes Zutun in einen Zwist zwischen gegnerischen Geheimdiensten verwickelt - der freundliche Franzose entpuppt sich nämlich in beiden Fällen sehr schnell als Agent.

"Der Mann, der zuviel wusste" gehört zu den berühmtesten unter Hitchcocks schon im Allgemeinen sehr weit verbreiteten Filmen, und sein Ruhm reicht bestimmt bis nach Russland.

Vielleicht kennen ihn ja sogar Alexander Petrov und Ruslan Boshirov. Das sind die beiden Russen, von denen die britische Regierung sagt, sie hätten in Salisbury den Anschlag auf den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal verübt und seien für den russischen Geheimdienst tätig. Die russische Regierung will davon nichts wissen, musste aber inzwischen einräumen, dass es die beiden Männer gibt. Bei einem Fernsehauftritt haben sie nun erklärt, was sie in Salisbury zu schaffen hatten. Sie seien unschuldige Touristen gewesen, einzig der Kathedrale wegen angereist, die den höchsten Kirchturm Englands hat. Es gibt aber feine Unterschiede zu den McKennas. Die fuhren nur einmal zur Djeema el Fna; Petrov und Boshirov aber waren zweimal in Salisbury. Das hätte Hitchcock sicher gefallen.