Alltagspoesie„Das Leben rockt, wenn dein Wohnzimmer rollt“

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Wo eine freie Fläche ist, schreibt der Mensch gerne was hin - und sei es, dass er das Konzept des Generationenvertrags eher kritisch sieht.
Wo eine freie Fläche ist, schreibt der Mensch gerne was hin - und sei es, dass er das Konzept des Generationenvertrags eher kritisch sieht. IMAGO/Jürgen Ritter

Auf den Wänden vieler Wohnmobile stehen heute Sprüche aus dem Spannungsfeld zwischen selbstreferenziellem Campingwitz und aggressiv-lebensbejahendem Aphorismus. Eine kleine Literaturkritik.

Von Alexander Menden

Wer in diesen Tagen im Reise- beziehungsweise Rückreiseverkehr die Gelegenheit erhält, eine staubedingte Pause einzulegen, hat dabei vielleicht das Glück, hinter einem Wohnwagen oder Wohnmobil zum Halten zu kommen. Steht die Sonne niedrig und kommt sie von vorne, ist das ein Vorteil, weil man dann mit seinem Pkw im Schatten des höheren Gefährts bleibt. Vor allem aber sind die Chancen nicht schlecht, dass man etwas zu lesen bekommt: „Zuhause ist, wo wir gerade parken.“ „Das Leben rockt, wenn dein Wohnzimmer rollt.“ Oder auch: „Camping – da wo der WLAN-Empfang endet und das echte Leben beginnt.“

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Die Rückwände von Wohnmobilen und -wagen sind im Verlauf der vergangenen gut anderthalb Jahrzehnte immer mehr zu rollenden Statements geworden. Kaum ein fahrbares Zuhause, das nicht am Heck, manchmal auch entlang seiner Flanke, eine Weisheit verkündet. Oft sind es selbstreferenzielle Campingsentenzen wie die oben zitierten, manchmal personalisierte Statements wie: „Hier campen Petra und Klausi.“ Sie alle feiern irgendwie das „Van Life“, jene Lifestyle-Bewegung, die sich spätestens seit den Sechzigerjahren verbreitete, als Blumenkinder in bemalten VW-Bussen ihre Nichtsesshaftigkeit mit einer Botschaft antibürgerlicher Entgrenzung anreicherten.

„Van Life“ war stets eine Projektionsfläche mehr oder weniger insgeheim gehüteter Ausbruchs- und Autarkiewünsche

Die Sehnsüchte, in denen das Phänomen des „Van Life“ wurzelt, sind natürlich viel älter. Die Vaganten des Mittelalters, Studenten, die von Stadt zu Stadt zogen, erfüllten diese Sehnsüchte stellvertretend für all jene, die auf ihrem Hof oder in ihrem Dorf festhingen. Das Gleiche galt für die Wanderromantik des 19. Jahrhunderts. Auch die Behauptung „Lustig ist das Zigeunerleben“ wurde von den Sängern des entsprechenden Volkslieds ungeachtet der Tatsache übernommen, dass sich das Verhältnis Sesshafter zu „fahrendem Volk“ in der Regel nicht so lustig gestaltete.

„Van Life“ war also stets eine Projektionsfläche mehr oder weniger insgeheim gehüteter Ausbruchs- und Autarkiewünsche. Der Campingplatz ist ein Ort, an dem diese Wünsche für die Dauer eines Jahresurlaubs erfüllt und zugleich geregelt werden können. Dafür sorgt ein dichter Vorschriftenkanon, der alles abdeckt, von der Gleichausrichtung aller Gefährte und Einhaltung der Abstände beim Aufstellen über die Ruhezeiten bis zur sachgerechten Entsorgung von Schmutzwasser. So wird der Freiheitsdrang gleich wieder beruhigend eingehegt, bevor er über die Stränge schlägt.

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Seine verbale Apotheose findet dieser durchregulierte Individualismus in jenen Beschriftungen, die mittlerweile genauso zur Grundausstattung des Wohnwagens zählen wie Vorzelt, Deichselschloss und Auffahrkeil. Eine verwirrend vielfältige Auswahl persönlich anpassbarer Vorlagen erlaubt es den Campern, eine Individualität zu signalisieren, die sie herausheben soll aus der Masse gleichgeschalteter Pauschalurlauber, nach dem Motto: „Anfänger machen Urlaub, Profis gehen campen!“

Dazu sind auch grafische Ergänzungen als überdimensionale Aufkleber erhältlich, alles zwischen Prilblume, Kompass, Anker, heulendem Wolf und platzgreifendem Hirschkopf, letzterer wohl so eine Art Arschgeweih für Wohnmobile – allesamt abziehbare Fortführungen der Hippiemalereien. Der Spruch „Wohnmobil statt Wohnsitz – und glücklich dabei!“ behauptet parallel dazu eine Loslösung von der Vollkaskoexistenz, welche die wenigsten Teilzeitcamper ernsthaft in Erwägung ziehen dürften. Weit akkurater wirkt da schon die Feststellung: „Ein Wohnwagen ist die perfekte Mischung aus Freiheit und Gemütlichkeit.“

Manche Wohnmobil-Messages ergehen sich in Pensionärshedonismus und besserwisserischem Überlegenheitsgestus

Unter diese Leitsätze mischen sich auch solche, aus denen ein gewisser Trotz spricht. „Ein Mann soll in seinem Leben ein Haus gebaut, ein Kind gezeugt und...scheiß auf den Baum: ein großes Wohnmobil besessen haben.“ Das zitiert nicht einfach die traditionelle Trias vermeintlichen maskulinen Lebenszwecks. Es ersetzt den Verweis auf Naturpflege zum Nutzen kommender Generationen kämpferisch durch die Forderung nach uneingeschränktem Verbrennermotorspaß im Hier und Jetzt.

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Das Aufkündigen des Generationenvertrags wird ohnehin gerne gefeiert: „Mit unserem Rentnermobil sind wir für die Arbeit zu alt, fürs Sterben zu jung, für das Reisen: topfit!“, „Reise VOR dem Sterben, sonst reisen deine Erben“ oder einfach: „Wir verjubeln das Erbe unserer Kinder.“ Solch vorgedruckte Fanale des mobilen Pensionärshedonismus sind exemplarisch für den fast aggressiv lebensbejahenden, oft auch besserwisserischen Überlegenheitsgestus mancher Wohnmobil-Messages, im Stile von: „Wer nie unterwegs war, wird es nie verstehen.“ Selbst aus dem Udo-Jürgens-Zitat „Ich war noch niemals in New York“ scheint da weniger das Fernweh zu sprechen als die unausgesprochene Ergänzung: Da muss ich auch nicht hin.

Dennoch haben diese fahrbaren Deko-Shop-Weisheiten auch etwas Anrührendes. In ihnen manifestiert sich ja offenkundig der Wunsch, Freizeit oder Rente nicht allein auf eine als individualistisch empfundene Art und Weise zu gestalten, sondern zugleich auch alle daran teilhaben zu lassen, wie selbstbestimmt man sich fühlt. Und dann begegnet einem auf der Autobahn manchmal etwas, das, ob freiwillig oder unfreiwillig, in so wunderbarer Weise die Logik massenproduzierter Freiheitsbotschaften ad absurdum führt, dass man richtig dankbar ist, im Stau zu stehen und den Anblick genießen zu können. Wie kürzlich, als auf der A1 zwischen Kamener Kreuz und der Anschlussstelle Dortmund/Unna ein Wohnwagen auf der Mittelspur stand, dessen Rückwand stolz verkündete: „Wunschtext on Tour!“

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