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Sprachwissenschaft:Warum man tut, was man tut

Harald Weinrichs Bücher sind lebensnah und weise. Professoral ist bei dem Gelehrten nichts, eher erinnern Form und Argumentationsweise an Autoren wie Montaigne.

(Foto: dpa)

Der Romanist und Essayist, Lyriker und Linguist Harald Weinrich ist einer der großen Gelehrten im Lande. Professoral ist bei ihm nichts - lebensnah und weise aber vieles. Am Sonntag wird er 90 Jahre alt.

Dem "Haben" ist das jüngste Buch gewidmet, das Harald Weinrich veröffentlichte. Vor fünf Jahren erschienen, entreißt es das "Haben" nicht nur allen moralischen Vorstellungen vom Gegensatz, in dem es sich angeblich zum "Sein" befinde. Anhand dieses einen Verbs zeigt Weinrich vielmehr auch, wie ein Wort auf die Welt zugreift, wie es die Vorstellungen von der Welt gestaltet und diese bewegt - etwa in seiner Funktion als eines der beiden Hilfsverben, mit denen man im Deutschen das Perfekt bilden kann. Dieses Tempus, erklärt Weinrich, sei die Zeitform der "besprochenen" Welt, während das Präteritum die Zeitform der "erzählten" Welt sei. Letztere bildet einen Kosmos, den man gelassen betreten kann. Mit dem Perfekt hingegen wird angezeigt, dass ein Vergangenes in die Gegenwart fortwirkt und seine Geltung nicht verloren hat. "Was hast du getan?", fragt deshalb Jehova, als Kain seinen Bruder Abel getötet hatte.

Nun ist das kleine Buch über das "Haben" eines aus einer ganzen Reihe von Büchern, die Weinrich der geistigen Grundausstattung der Menschen widmete: dem Vergessen (1997), der Heiterkeit (2001), der stets "knappen Zeit" (2004). In scheinbar einfacher Form, gelöst und mit schlichtem Ernst, werden in diesen Büchern Dinge zur Sprache gebracht, von denen man wohl annehmen möchte, dass ein jeder zumindest hin und wieder darüber nachdenkt, die aber nur in ihrer wissenschaftlichen Entfaltung tatsächlich zu sich selbst kommen. Professoral ist bei ihm nichts, um so mehr aber erinnern Form und Argumentationsweise an die französischen Moralisten, an Michel de Montaigne zum Beispiel.

Die Unterscheidung zwischen der "besprochenen" und der "erzählten" Welt sowie der dazugehörigen Zeitformen steht im Zentrum von "Tempus" (1964), einem der beiden großen, auch formal wissenschaftlichen Werke, mit denen Weinrich über die Sprachwissenschaften hinaus wirkte. Das andere dieser beiden Werke sind die beiden "Textgrammatiken" (1982 für Französisch, 1993 für Deutsch), die einen beispiellosen Versuch darstellen, den üblichen Verlauf einer Grammatik umzukehren - und mit dem Zusammenhang zu beginnen, in dem sich geschriebene Sprache tatsächlich darstellt, also mit dem Text. Lebensnah, im Sinne der Moralisten, sind beide Bücher, weil man in ihnen erfährt, warum man tut, was man tut. Wahrscheinlich sind sie sogar weise - wie die kleinen Bücher auch.

Weinrich war schon ein bedeutender Wissenschaftler, er hatte schon in Kiel, Köln und Bielefeld als Romanist gelehrt, als er etwas Neues anfing und im Jahr 1978 an der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Disziplin begründete: die Betrachtung der Muttersprache von außen. "Deutsch als Fremdsprache" heißt dieses erfolgreich gewordene Fach, bei dem man aber auch sofort versteht, warum es einen Gelehrten wie Harald Weinrich lockte: Denn wer eine Sprache lernen will, braucht das Wissen über Strukturen und Kontexte, das die Universität vermittelt, und die Literatur des fremden Landes tritt ihm als ein ganzer Kosmos von Sinn entgegen - ästhetisch, intellektuell und lebensnah. An diesem Sonntag wird Harald Weinrich neunzig Jahre alt. Vielleicht sollte man sich hüten, ihm an diesem Tag diese eine Frage zu stellen: "Was hast du getan?" Denn man käme aus dem Besprechen nicht mehr heraus.

© SZ vom 23.09.2017

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