Sprachkritik-Kolumne "Phrasenmäher":"Unbürokratisch"

Symbolbild zum Thema Digitalisierung in der Verwaltung Regal voller Akten im Zentralregister des Kr

Falsches Feindbild in Zeiten der Krise: die Bürokratie.

(Foto: Thomas Trutschel/imago images)

Nach Katastrophen soll die Verwaltung in einer Weise helfen, die für sie untypisch ist. Warum eigentlich?

Von Johan Schloemann

Wie hat man sich das genau vorzustellen, wenn den Opfern von Katastrophen unbürokratische Hilfe zugesagt wird? Fliegt der Innenminister mit einem Hubschrauber über die betroffenen Gebiete und schüttet die Zahlungen aus Säcken mit nicht durchnummerierten Geldscheinen übers Land? Oder, falls es doch per Überweisung möglich sein sollte, dann fragt man sich: Bedeutet "unbürokratisch" genauso unbürokratisch wie die Auszahlung der Corona-Hilfen durch das Wirtschaftsministerium? Oder wie die Organisation der Impf-Anmeldung in den verschiedenen Bundesländern?

Gewiss, man wünscht allen, deren Häuser und Existenzen zerstört sind, von Herzen baldige Linderung, und diesen ehrlichen Wunsch wollen Politiker natürlich ausdrücken, wenn sie dieses Versprechen geben. Und viele werden jetzt alles tun, was sie können. Aber warum muss das nötige Handeln der Verwaltung immer gerade dann als Abweichung von ihrem Daseinszweck dargestellt werden, wenn dieses Handeln besonders wichtig und dringend ist? "Unbürokratisch", das ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht aller staatlichen Bürokratie, wo sie funktioniert. Die Bürokratie ist für Regierende, die über sie gebieten, das falsche Feindbild. In Zeiten der Digitalisierung, das hat man in der Corona-Krise gemerkt, wünschen wir uns lieber eine andere Art der Hilfe: bürokratisch und schnell.

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