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Sprache und Macht:Makellos

Nicht nur an der Universität gehörte es lange zum guten Ton, alles als fragile Konstruktion von Sprache und Macht zu entlarven. Das ist nicht mehr so. Gerade werden alle Relativierungen von Echtheit und Identität aufgegeben. Ein Rückschritt.

Von Bernd Graff

In irgendeinem abgelegenen Winkel des Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der 'Weltgeschichte'." So beginnt ein einflussreicher Text der Philosophiegeschichte. Wie meist, wenn es fabelhaft und metaphorisch zugeht im Reich des deutschen Geistes, dann stammt dieser Text von Friedrich Nietzsche. "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn" ist sein Essay aus dem Jahr 1873 überschrieben.

Nietzsche räumt darin grundsätzlich mit Aufklärung und Fortschritt auf, mit dem Glauben, dass der Mensch kraft seines Intellekts zu den Sachen selbst und so zur Wahrheit vordringen könne. Nietzsches Affront wirkte am Ende 19. Jahrhunderts, dem Jahrhundert auch von Hegel, Marx und Darwin, wie eine Ohrfeige. Bis dahin glaubte die sich selbst gewisse Aufklärung, mit einem Wort von Jürgen Habermas, dass sie etwaige "Defizite immer durch eine radikalisierte Aufklärung wettmachen werde".

Und dann kommt Nietzsche und planiert die Vorstellung einer aufgeklärten Welt voll Wahrheit und Erkenntnis. Nietzsche sieht statt dessen den unaufhörlichen Krieg aller gegen alle, der von den Floskeln der Religion und Moral, nur verschleiert werde. So ruhe "der Mensch in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind".

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich seither bedeutende Köpfe der abendländischen Philosophie und Geisteswissenschaften an diesem Zusammenhang von Sprache, Wahrheit und Sinn heiß gedacht haben. Immer uninteressanter werden im Laufe der Zeit die Sachen selbst. Saussure, Levi-Strauss, Barthes, Lacan, Foucault und Derrida analysieren lieber, wie die Wörter und Zeichen funktionieren, die die Sachen bezeichnen. "Linguistic Turn" wurde das genannt, und es ist vor allem Foucault, der Nietzsches Gedanken nachgeht, dass alle Sprachspiele (Foucault nennt sie Diskurse) nur aufgesetzt sind, um "im Begehren, über das Leben zu herrschen", dass also Sprache und Macht die zwei Seiten derselben Medaille sind.

Man kann nun herrlich in den Schönheiten (und Winkelzügen) der Foucaultschen Diskursanalyse, den rhizomatischen Beziehungen der Wörter zur Macht und dem historischen Relativismus allen Wissens schwelgen, man kann daran erinnern, dass Derridas Sprachanalyse im Begriff der "différance" jeden Versuch schleift, die Welt von einem archimedischen Punkt außerhalb der Zeichen zu betrachten und festes Wissen zu erlangen. Es gibt nur Sprache, und wir müssen sie benutzen, heißt es im Poststrukturalismus. Aber auch: Wir werden gesprochen.

Plötzlich wird wieder nach einer überzeitlichen Wahrheit gesucht

Man kann die Beben, die dieses wilde Denken in Philosophie und Kulturkritik des 20. Jahrhunderts ausgelöst hat, kaum überschätzen. Das Schlagwort Posthistoire besagte in den Neunzigerjahren etwa: Nicht nur Aufklärung und Geschichte sind an ihr Ende gelangt, sondern auch der Mensch selbst.

Alles, was unmittelbar darauf folgte, waren Ausarbeitungen dieser Gedanken. Es gehörte eine Zeit lang zum guten Ton, das, was mal als Ding, Tatsache, Natur galt, nun als historisch fragile Konstruktion von Sprache, Struktur und Macht zu entlarven, zu de-konstruieren, und so zum Tanzen zu bringen. Es galt schon deshalb als schick, weil man damit die deutschen Dörrpflaumendenker der Aufklärung und des schweren Seins signifikant überholen konnte. Doch das gilt heute nicht mehr. In einer merkwürdigen Verkehrung werden gerade alle sprachphilosophischen Relativierungen des Poststrukturalismus von pathetischen Wahrheitsdiskursen ziemlich humorlos an die Wand der Echtheit gedrückt.

Ein paar Beispiele nur aus dieser Woche: Eine Aktivistengruppe fordert die Stadt Bonn auf, die Rolle eines Generals in Deutsch-Südwestafrika mit einer Tafel an seinem Grab "kritisch zu kommentieren". Dieser verstarb 1920. Eine Kabarettistin wird immer noch für eine antisemitische Pointe angegangen, die im Jahr 2018 im Nachtprogramm eines öffentlich-rechtlichen Senders lief. Eigentlich superlahm heißt es in einer Rede des Schriftstellers Navid Kermani, die es nun zum Feuilleton-Aufmacher in der Zeit geschafft hat, wir sollten uns dagegen verwahren, uns als Feinde zu betrachten, sonst riskierten wir "Zustände wie in einem Bürgerkrieg". Zur Kabarettistin gibt es auch ein vom NDR aufgezeichnetes "Streitgespräch" der Journalisten Ulf Poschardt und Sascha Lobo, das eigentlich ein giftiger, unversöhnlicher Streit ist.

Es ist, als dürfe die ganze Welt nur noch unbefleckt empfangen werden

Man gewinnt den Eindruck, die ganze Welt dürfe nur noch unbefleckt empfangen werden - makellos in der Form, tugendhaft in der Gesinnung. Spätestens, seit das gesprochene Gendern zwar nicht in der Mitte der Gesellschaft, aber in den progressiven Kreisen angekommen ist, weiß man, dass Sprache, Wahrheit, Geschichte und vor allem Identität wieder zu unhinterfragbaren Kennzeichen in den neuen Ermächtigungsdiskursen geworden sind.

Im Namen von Gender und Postcolonial Studies werden Ereignisse wie Kulturerzeugnisse nun wieder von all ihrer Historizität und spezifischen Kultur befreit und nach den ethischen Maßstäben einzelner Gruppen geprüft, kommentiert und gesäubert. Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Kolonialismus werden wieder im Namen einer überzeitlichen Wahrheit, einer ewigen Gerechtigkeit, einer unverbrüchlichen Identität geächtet. Es gibt sie wieder, die absoluten, auch ein wenig selbstgerechten Verbindlichkeiten. Foucault, der - über Judith Butlers Buch "Gender Trouble" (1990) - das alles mitverantwortet, würde vermutlich laut lachen.

Wie konnte es dazu kommen?

Entscheidend bleibt die alte Verbindung von Sprache und Macht. Allerdings ist sie heute von aller diffusen, hintergründigen Metaphysik befreit und ins handfest Archaisch-mechanische gedreht: das Bedürfnis, jemanden am Sprechen zu hindern, ihn/sie zum Verschwinden zu bringen, indem man ihn/sie öffentlich ächtet und in sogenannten Sozialen Medien an der Pranger stellt, speist sich aus derselben kruden kognitionswissenschaftlichen und linguistischen Mechanik, die annimmt, dass man mit "Framing", also Sprachmodellierungen, die physiologischen Reaktionsmuster des Hirns gestalten könne. Jedes Wort kann dann zum schleichenden Gift werden. Nicht ohne Grund ist "toxisch" ein Kampfbegriff in den Debatten.

Die neue Identität, mit der nicht zufällig sowohl die Rechten wie Linken argumentativ operieren, lässt aber auch den Hunger nach sauberer Gewissheit erkennen, den Wunsch nach einem intimen, lebensversicherten, quasi bausparvertraglich geschützten Obdach in einer durch reale Umweltzerstörung, Klimakrise und Pandemie brüchiger gewordenen Welt. Wer wäre man also, das neue "Empowerment" sentimental, auch ein wenig spießig zu nennen? Wozu aber riet Nietzsche? Zum "beherrschten Menschen". "Wenn eine rechte Wetterwolke sich über ihn ausgießt, so hüllt er sich in seinen Mantel und geht langsamen Schrittes unter ihr davon." Es geht vorbei, heißt das.

© SZ vom 12.09.2020
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