Sprache in der Tagesschau Das unverständliche Ritual

Weniger als ein Fünftel der Deutschen geben an, die Tagesschau wirklich zu verstehen. Trotzdem bleiben ihr die Zuschauer treu. Die Erklärung liegt in der Sprache.

Von Christopher Stolzenberg

Sein wichtigstes Werkzeug sei immer der Fremdwörterduden gewesen, um seine Moderationstexte verständlich zu halten, erklärte Ulrich Wickert seinem Nachfolger bei den Tagesthemen in der Sendung "Beckmann". Doch wenn man Nachrichten in 15 Minuten Tagesschau präsentieren muss, leidet offenbar die Verständlichkeit.

Laut einer Studie des Hamburger Gewis-Instituts verstehen nur 12 Prozent der Zuschauer jedes Wort und jede Meldung in der Tagesschau. Doch liegt es wirklich an der Sprache selbst oder nur an der Dichte der Informationen, die gebracht werden? - Grund genug für sueddeutsche.de dies einmal zu überprüfen.

sueddeutsche.de hat einige Leser eine Sendung der Tagesschau anschauen lassen, um ihnen hinterher Fragen zum Inhalt zu stellen. Auch wenn sich die Teilnehmer nicht an alle Themen einzeln erinnern konnten, so haben doch die meisten die Themenzahl, nämlich elf, richtig eingeschätzt. Schwieriger wurde es hingegen, die gesehenen Themen zu benennen. Neun Themen war die Höchstzahl, die aber nur wenige erreichten.

"Zu viele Informationen in zu knapper Zeit"

Die Frage, ob die in einer Meldung veranschaulichte "Reichensteuer" überhaupt eine neu eingeführte Abgabe sei, antworteten viele Testpersonen mit Ja. Allerdings bezeichnet das Wort nur die Erhöhung der privaten Einkommensteuer für die höchsten Jahreseinkommen. Die "Reichensteuer" selbst ist also nur die leicht verständliche Vereinfachung eines komplizierten Begriffs.

Probleme bereitete den Teilnehmern auch die Frage nach der Meldung, ob Berlin 68 Millionen oder Milliarden Euro Schuldenlast haben wird. Jeden Tag tauchen diese Zahlwörter in den Nachrichten auf. Doch nicht jeder weiß die Zahlen im Kontext einzuschätzen: "Das müssen 68 Millionen Euro Schulden sein, Milliarden klingt zu viel", sagte eine Teilnehmerin. So wie ihr ging es den meisten der gefragten Leser.

Nicht die Verständlichkeit der Sprache ist offenbar das Problem, sondern ihre Dichte, die die Zuschauer überfordert. "Die Tagesschau liefert zu viele Informationen in der knappen Zeit", sagt der Sprachforscher Ulrich Schmitz von der Universität Duisburg-Essen. Er hat eine Langzeitstudie zur Sprache der Tagesschau gemacht.

Das Ergebnis: In den 15 Minuten bekommen die Zuschauer ungefähr 1800 Wörter in 110 Sätzen zu hören. Das sind etwa dreimal so viele Wörter wie der Artikel, den Sie gerade lesen.

"Die Tagesschau spendet Trost"

Tatsächlich sei aber auch allein die Sprache dafür verantwortlich, dass nur ein Teil der vermittelten Informationen von den Zuschauern behalten werden könne, sagt Schmitz. "Die sprachlichen Formeln der Tagesschau wiederholen sich seit vielen Jahren." In mehreren Untersuchungen hat Schmitz dieses Forschungsergebnis bestätigen können. Über den Nahostkonflikt, einen Flugzeugabsturz oder die Staus zur Ferienzeit berichte die Tagesschau noch immer genau so wie 1978. "Man braucht nur die Namen auszuwechseln und die Nachricht liest sich, als wäre sie aktuell."

Obwohl sich die Formeln der Nachrichtensprache wiederholen, schauen doch rund fünf Millionen Menschen täglich die Tagesschau um 20 Uhr. Zwar nimmt in den letzten Jahren die Zuschauerquote ab, doch die ARD-Sendung ist weiterhin Marktführer.

Schmitz nennt die Tagesschau ein "allabendliches Ritual", das eine wichtige Funktion erfülle: "Sie spendet den Zuschauern durch ihre sprachliche Kontinuität Trost." Sie vermittle das sichere Gefühl, dass alle Ereignisse in der Welt erklärbar sind und dass diese sich über die Zeit wiederholten: politische Entscheidungen, Naturkatastrophen, Geburt und Tod.

"Wie bei einem Kartenspiel sind die Regeln des Spiels stets die gleichen. Die immer neue Kombination ist dabei das eigentlich Interessante", sagt der Sprachforscher. Und diese Kombination würde nur als außergewöhnlich wahrgenommen, wenn sie die Normalität durchbreche, wie etwa das Extrembeispiel vom 11. September.

Dass sich die Menschen hinterher nicht mehr an die Nachrichten erinnerten, erklärt Schmitz mit der jahrelange Gewöhnung an die Tagesschau. Das Herkömmliche, ausgedrückt in der immergleichen Sprache werde ausgeblendet, nur das Außergewöhnliche findet den Weg ins Gedächtnis.