"Sprache im technischen Zeitalter":Mitschriften

"Sprache im technischen Zeitalter": Cover der Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter".

Cover der Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter".

(Foto: Böhlau)

Die Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" wird 60 Jahre alt.

Von Tobias Lehmkuhl

Zeitmitschriften - das kann jener Zettel sein, auf dem Uwe Johnson Anfang der 70er Jahre den Kopfumfang von Günter Grass in Inches umrechnete, um dem Kollegen in New York einen neuen Hut zu kaufen. Das können Hitparaden sein, wie etwa, von Ulf Stolterfoht aufbewahrt, die der westdeutschen Country & Western LP-Charts vom Januar 2000 (auf Platz 1: Duane Domstaedter and His Cologne Cowboys: "Jede Jeck is anders"), das kann auch eine von Jürgen Becker maschinenschriftlich überlieferte Teilnehmerliste eines Berliner Kritiker-Colloquiums aus dem Jahr 1963 sein (von Reinhard Baumgart bis Giorgio Zampa).

Organisiert wurde dieses Colloquium, offenbar einer seiner Lieblingsbegriffe, vom Gründer des Literarischen Colloquiums Berlin, Walter Höllerer. Der umtriebige Wissenschaftlicher und Dichter hob zudem die vom LCB herausgegebene Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" aus der Taufe. Sie feiert heuer ihr 60jähriges Bestehen, und aus diesem Anlass sind ihre beiden aktuellen Ausgaben eben solchen "Zeitmitschriften" gewidmet: Listen, Erinnerungen, Erzählungen, Essays und Gedichten aus, an und über die vergangenen sechs Jahrzehnte.

Neben Becker berichten F.C. Delius und Michael Krüger aus den Sechzigern, Gert Loschütz und László F. Földényi erinnern sich an das Berlin der Siebziger, genau wie Ursula Krechel, deren Friedenau-Memoir zugleich eine schöne Hommage an Uwe Johnson und seine Rechenkünste darstellt. Die Achtziger werden erwartungsgemäß von Mauerfall und Tschernobyl beherrscht, aber auch hier erzählen Autoren von anderen Autoren. Ilma Rakusa berichtet, wie sie 1980 Marguerite Duras entdeckte, ihre Werke übersetzte und dabei Klarheit darüber gewann, was, wie es damals hieß, weibliches Schreiben bedeuten könnte. Ulrich Peltzer wiederum schreibt über zwei Männer mit Doppelnamen, Rainer Werner Faßbinder und Rolf Dieter Brinkmann: "zwei Doppelnamen, die verschwunden sind; wie Rainer und Werner und Rolf und Dieter. Als geniere man sich heute, so zu heißen, so deutsch, so unauffällig, so gewöhnlich."

Überspringen wir die Neunziger und Nuller Jahre und stellen wir fest, dass die Autorinnen der Zehner Jahre ganz anders heißen, zum Beispiel Ann Cotten, Alexandru Bulusz und Shidar Bazyar. Letztere hält in ihrem "Notat" vom 4. Januar 2017 eine geradezu emblematische Szene aus dem Berlin der Gegenwart fest: Treffen sich ein Nazi, ein Ausländer und ein Obdachloser am U-Bahnhof Wedding... Möge es auch in Zukunft solche Zeitschriften und Zeitmitschriften geben!

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