Digitale Kultur Tech-Konzerne formatieren die Wirklichkeit

Digitale Assistenten, wie hier Apples "HomePod", drücken sich zunehmend menschlich aus.

(Foto: picture alliance/AP Photo)
  • Pro Tag verarbeitet Google Translate mithilfe von künstlicher Intelligenz durchschnittlich 143 Milliarden Wörtern.
  • Während Maschinen immer mehr wie Menschen reden, kommuniziert der Mensch zunehmend in Maschinencode.
  • KI-Assistenen und Netzwerklautsprecher wie Google Home oder Amazon Echo verstärken diesen Effekt.
Von Adrian Lobe

Im Jahr 1971 wurde die erste Mail verschickt. Inzwischen ist daraus ein ernstes Problem erwachsen: Jeden Tag werden 270 Milliarden E-Mails auf der ganzen Welt versandt. Das sind ungefähr 72 Mails pro Person. Eine gigantische Informationsflut, mit deren Abarbeitung man kaum noch hinterherkommt.

Google glaubt für dieses Problem eine Lösung zu haben. 2015 hat der Suchmaschinenriese seinen E-Mail-Dienst Inbox um die Funktion "Smart Reply" ("intelligente Antwort") erweitert, die eingehende Nachrichten analysiert und standardisierte Antwortbausteine generiert. Wenn man zum Beispiel per Mail eine Absage für eine Party bekommt, bietet Google Floskeln aus dem Setzkasten an. Zum Beispiel: "Wir werden dich vermissen" oder "Tut mir leid zu hören". Der Nutzer muss keine Antwort mehr formulieren, sondern nur noch einen Knopf drücken. Der Algorithmus wird zur automatischen Schreibmaschine.

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Mittlerweile werden zehn Prozent aller via Googlemail versandten Mails von Google-Robotern verfasst. Wohlgemerkt, Gmail hat über eine Milliarde aktiver Nutzer. Man muss sich vor Augen führen, was diese Zahlen eigentlich bedeuten. Google erlangt dadurch eine Sprach- und Wortgewalt, die es in der Geschichte in dieser Form noch nicht gab. Der Konzern zerlegt nicht nur Worte in ihre Einzelteile (Google Translate verarbeitet pro Tag mithilfe von künstlicher Intelligenz die unvorstellbare Menge von 143 Milliarden Wörtern), sondern er produziert auch Wörter.

Im "linguistischen Kapitalismsus" hat Google enormes Kapital ansammeln können

Der Kulturwissenschaftler Frédéric Kaplan hat dieses Geschäftsmodell als "linguistischen Kapitalismus" bezeichnet. Google sei es gelungen, eine Form von linguistischem Kapital zu akkumulieren und dieses Kapital in Geld zu transformieren, indem es ein algorithmisches Auktionsmodell für Keywords, also für Schlüsselwörter, organisiert habe.

Aus der anfänglichen Idee, das World Wide Web zu indexieren, ist ein kybernetisches Kontrollsystem geworden. Algorithmen scannen Suchanfragen (und damit verbalisierte Gedanken) und legen Nutzern per Autovervollständigung Worte in den Mund.

Google hat in diesem Jahr auch einen KI-Assistenten namens Duplex präsentiert, der selbständig Telefongespräche führen und Termine vereinbaren kann. Der virtuelle Assistent ist so programmiert, dass er Verlegenheitslaute wie "ähm" oder auch "hm" in das Gespräch einstreut und Kunstpausen (besser gesagt: künstliche Pausen) einlegt, um menschlicher zu wirken. Der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung weiß dann nicht, dass er eigentlich mit einem Roboter telefoniert. Während Maschinen wie Menschen reden, kommuniziert der Mensch zunehmend in Maschinencode.

Davon zeugen etwa die Sprachkommandos, mit denen Netzwerklautsprecher wie Google Home oder Amazon Echo bedient werden. "Füge 'Butter' zur Einkaufsliste hinzu." - "Alexa, weck' mich um 6 Uhr morgens mit Musik zum Aufstehen." Dieser Befehlston, das Sprechen in Imperativen, das einen pädagogischen Unterton hat und im erzieherischen Kontext mit Kindern verwendet wird, hat zunächst technische Gründe: Der Duktus muss sich der Maschine anpassen, da der Sprachsoftware eine spezifische Syntax einprogrammiert ist.