Spionage Spitzel im Strickladen

Die Schauspielerin Marika Rökk war der große deutsche Filmstar der Vierziger und Fünfziger. Schon früher wurde sie verdächtigt, für die Nazis spioniert zu haben. Jetzt ist eine neue Akte aufgetaucht, in der es heißt, sie hätte für die Sowjetunion gearbeitet.

Von Anna Fastabend

Die Welt, in der sich Politiker, Künstler und Wirtschaftsbosse tummeln, kann sehr klein sein, und auf Empfängen, wo der Champagner fließt, gerät man schnell ins Plaudern. Auf solchen Veranstaltungen wurde schon vor Jahrzehnten getuschelt, dass die deutsch-österreichische Schauspielerin Marika Rökk eine Spionin sein könnte - ein Verdacht, den die Bild-Zeitung gerade mal wieder aus den Archiven gekramt hat.

Aber dieses Mal geht es nicht um den bereits früher geäußerten Vorwurf, sie habe während des "Dritten Reichs" bei ihren Auslandsreisen für die Nationalsozialisten spioniert. Rökk, der auch eine Affäre mit Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels nachgesagt wurde und die in zahlreichen Propagandafilmen mitspielte, erhielt nach dem Krieg sogar zwei Jahre Berufsverbot. Doch nun heißt es, der 2004 verstorbene Filmstar sei seit den Vierzigerjahren Spionin der Sowjetunion gewesen und habe Moskau mit brisanten Informationen über das militärische Vorgehen der Nazis versorgt. Dies geht aus einer gerade erst veröffentlichten Akte hervor, die von der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, über die Schauspielerin angelegt wurde und bislang nicht öffentlich bekannt war. Den Einträgen zufolge soll Marika Rökk, ebenso wie ihr Manager Heinz Hoffmeister und ihr Ehemann, der Regisseur Georg Jacoby, einem Zusammenschluss von Agenten angehört haben. Dieser lieferte angeblich dem sowjetischen Geheimdienst NKWD, dem Vorgänger des KGB, wichtige Informationen zum Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion.

Auch nach dem Krieg soll Marika Rökk weiter für den NKWD gearbeitet haben. Eine ganz profane Lebensentscheidung der Künstlerin machte den Vorgänger des Bundesnachrichtendienstes besonders misstrauisch. Die Filmdiva hatte 1951 bekannt gegeben, sie wolle sich aus dem Showbusiness zurückziehen und stattdessen ein Strickmodengeschäft in Düsseldorf aufmachen. Doch wie hätte sich dies mit ihrer angeblichen Spionagetätigkeit vertragen? Auf den ersten Blick sicherlich gut. Schließlich hat eine Boutiqueninhaberin viel weniger zu tun als eine auf allen Parketts dieser Welt umtriebige Schauspielerin und damit mehr Zeit zum Spitzeln. Andererseits ist jedoch kaum jemand weiter von den Entscheidungsträgern entfernt als eine Strickwarenverkäuferin. Dass ein kleines Modegeschäft in Düsseldorf, wenn es dieses wirklich gegeben hätte, fast zur Keimzelle des NKWD geworden wäre, ist demnach nur schwer vorstellbar.