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Spionage-Ausstellung in der Schirn:Ein Quantum Rost

Eine Ausstellung in Frankfurt will das Verhältnis von Kunst und Spionage ergründen, verliert sich aber in Gewusel.

Von Thomas Steinfeld

Im Januar 2014, ein halbes Jahr, nachdem Edward Snowden, der ehemalige Mitarbeiter des CIA, der Öffentlichkeit verraten hatte, dass und in welchem Maße amerikanische und britische Geheimdienste die Telekommunikation nahezu weltweit überwachen, hielt Barack Obama eine Rede zur Verteidigung der Spionage. Sie beginnt damit, dass er erzählt, wie sich Paul Revere, einer der Helden der amerikanischen Revolution, als Agent wider die Briten betätigt hatte. Sie schlägt einen Bogen über das Dechiffrieren gegnerischer Codes im Zweiten Weltkrieg und sie huldigt der "harten Arbeit", die seit den Anschlägen vom elften September 2001 den auf der ganzen Welt verborgenen Terroristen gilt.

"Lassen Sie mich deutlich werden", sagte der US-Präsident gegen Ende des Vortrags: "Unsere Geheimdienste werden fortfahren, Nachrichten zu Regierungen - im Unterschied zu gewöhnlichen Bürgern - auf der ganzen Welt zu sammeln, in der gleichen Weise, wie es die Geheimdienste aller anderen Staaten tun. Wir werden uns nicht dafür entschuldigen, dass unsere Dienste möglicherweise effizienter sind."

James Bond bekämpft fantastische Bedrohungen mit fantastischen Mitteln

In der "Schirn", der Frankfurter Ausstellungshalle, ist gegenwärtig eine Schau zu sehen, die sich mit dem Verhältnis der zeitgenössischen Kunst zur Spionage beschäftigt. Sie trägt rhapsodische Züge. Zwar müssen Kunstausstellungen nicht systematisch aufgebaut sein, vor allem nicht, wenn sie motivisch angelegt sind. Doch ist die Spionage ein politisches Thema, was bedeutet, dass es nicht nur um Bilder gehen kann, sondern auch um die in ihnen verborgenen Interessen. Immerhin zitiert der Katalog die Rede des ehemaligen Präsidenten. Seine Ansprache besaß, jenseits aller Debatten um Sicherheit versus Freiheit, den Vorzug der Klarheit: Die Spionage gehört zu den wesentlichen Tätigkeiten auch eines demokratischen Staates. Sie stellt weniger eine Antwort auf konkrete Bedrohungen dar. Vielmehr zielt sie auf eine Überwachung, die möglichen Bedrohungen vorausgehen soll. Diese Kontrolle muss in der Hierarchie der politischen Güter deswegen vor den Rechten rangieren, mit denen ein Staat seine Bürger ausstattet: Geheimdienste arbeiten im Bewusstsein eines permanenten Notstands, nach innen wie nach außen, wobei sich die potenziellen Adressaten der Spionage wie von selbst ergeben.

"We Never Sleep", lautet der Titel der Ausstellung. Man versteht, eingedenk auch der Rede des Präsidenten: Die Feinde stehen überall, sie tun es zu jeder Zeit, und die Geheimdienste sind permanent in Bereitschaft. Da sind die feindlichen Staaten, dann aber auch die Bundesgenossen, die prinzipiell unzuverlässig sein müssen, weil sie jeweils eigenen Agenden gehorchen. Da sind politische Bewegungen im In- und Ausland, die an den bestehenden Gewaltverhältnissen zu rütteln trachten. Da sind aber auch Gruppen, ja einzelne Menschen, die mit den Falschen sympathisieren und, auch wenn sie noch kein Risiko darstellen, zu einer Gefahr werden können. Auch hat das Wort "effizienter" in der Rede Barack Obamas einen besonderen Sinn. Die Digitalisierung aller Verhältnisse des Lebens muss sich auf die Arbeit der Geheimdienste als exponentielle Steigerung des Machbaren ausgewirkt haben: So billig, so umfassend und so gründlich wie heute ließ sich nie spionieren.

Der technische Fortschritt birgt für die Belange einer Ausstellung indessen den Nachteil, nur wenig sinnlich Darstellbares an sich zu haben. Was aber hat die zeitgenössische Kunst überhaupt mit Geheimdiensten zu tun, falls es denn tatsächlich um Spionage gehen soll und nicht um einen moralischen Gedanken wie den mehrmals von John Le Carré verbreiteten Einfall, alle Künstler seien Spione, weil ihre Werke vom Leben anderer Menschen zehrten? Oder mit dem Umstand, dass es auch in der Spionage um Zeichen geht, die gedeutet werden müssen. Die erste Antwort auf diese Frage ist historisch, und die Ausstellung widmet den entsprechenden Exponaten großen Raum: Der Spion ist eine der Zentralgestalten der populären Kultur, vor allem in der Literatur und im Film, und in der Reflexion über die volkstümliche Unterhaltung findet die Spionage auch in die höheren Sphären der Kunst: Der Geheimagent wäre, an der üblichen Rechtslage gemessen, ein Krimineller, und doch stehen er oder sie außerhalb der für das zivile Leben geltenden Legalität. Nicht einmal die gegnerische Seite denkt das, weshalb Spione gelegentlich ausgetauscht werden.

Die zweite Antwort auf die Frage ist ästhetischer Art. Spionage lebt von der Überzeugung, die Vertreter der eigenen Seite seien klüger, gründlicher ausgebildet, besser ausgerüstet und jedenfalls loyaler als die Agenten des Gegners. Dieser Glaube zeitigt materielle Folgen, in Gestalt von Regenschirmen mit vergifteten Spitzen, von Kameras, die in Baumstümpfen oder Bauchattrappen verborgen sind, von Verschlüsselungsmaschinen. In der Ausstellung sind etliche von diesen Geräten versammelt, und es lässt sich an ihnen mindestens zweierlei erkennen: zum einen ein Wille zur Übertrumpfung des Feindes, zum anderen ein Moment von pompöser Unbeholfenheit, weil man von heute aus betrachtet so große Anliegen mit so unzureichenden Mitteln zu verwirklichen trachtete. Dass man diesen ästhetischen Überschuss tatsächlich in ein Kunstwerk verwandeln kann, belegt eine Installation mit dem Titel "Tag X" der Berliner Künstlerin Henrike Naumann.

Sie zeigt eine Wohnungseinrichtung, deren Elemente sich als Waffen benutzen lassen: eine Saftpresse von Alessi zum Beispiel. Indessen ließe sich auch von der Schau selbst sagen, sie produziere einen ästhetischen Überschuss: Sie addiert ihre Exponate, anstatt sie zu ordnen. Sie rückt Dokumente aus der Geschichte der populären Kultur neben zeitgenössische Werke, ohne den Zusammenhang zu erläutern.

Aus diesem Verfahren geht manchmal etwas Gutes hervor, wenn die einzelnen Werke gleichsam freigestellt werden. Sie sind für sich zu betrachten, und manche von ihnen haben viel zu erzählen: die Arbeiten der Berliner Künstlerin Cornelia Schleime zum Beispiel, die in zwei Fotoserien auf ihre Vergangenheit als Objekt einer Überwachung durch die Stasi reflektiert. Und doch erhebt sich am Ende die Frage, wodurch das Versprechen Philipp Demandts, des Direktors der Schirn, die Ausstellung werfe "gesellschaftlich relevante Fragestellungen" auf, eingelöst werden soll: dadurch, dass man auf Dinge zeigt, ohne auch nur den Versuch zu machen, sie zu erklären?

Das Additionsverfahren hat den Nachteil, dass es systematische Unterschiede ignoriert: Eines der wenigen heiteren Exponate der Ausstellung ist ein großes, leuchtendes Diapositiv des kanadischen Künstlers Rodney Graham, das einen Mann auf einer Parkbank hinter einer aufgeschlagenen Zeitung zeigt, in die zwei runde Gucklöcher geschnitten sind. Das Bild ist eine Parodie, wie auch die (in der Ausstellung ebenfalls zitierten) Geschichten, die von einem britischen Geheimagenten namens James Bond erzählen, der den politischen Niedergang des Empires dadurch kompensiert, dass er fantastische Bedrohungen mit fantastischen Mitteln bekämpft. Das minzgrüne Labyrinth, das der niederländische Künstler Gabriel Lester an den Anfang der Ausstellung setzt, ist keine Antwort auf diese konzeptionelle Schwäche.

Überhaupt birgt die Spionage, vom Standpunkt der künstlerischen Darstellung betrachtet, ein grundsätzliches Problem: Es ist meist nur unter Schwierigkeiten zu erkennen, worum gekämpft wird. In der Spionage geht es darum, die eigenen Leute in die Gesellschaft des Feindes zu bringen, es geht um Formeln, Pläne, Nachrichten, kurz, um lauter Dinge, die physisch nicht greifbar sind. In der Folge besteht, was es tatsächlich zu sehen gibt, aus einem Gewusel, dessen Zweck man nicht vor Augen hat. John Le Carré vermochte dem in seinem Roman "Dame, König, As, Spion" aus dem Jahr 1974 (im Original: "Tinker Tailor Soldier Spy") eine ästhetische Form abzugewinnen. In der Ausstellung schafft dies der amerikanische Künstler Noam Toran in seinem Video "We Never Meet Again". Die Ausstellung, im Ganzen gesehen, findet nicht dazu. Dass sie dennoch sehenswert ist, liegt an der Kraft einzelner Exponate.

We Never Sleep: Schirn Kunsthalle Frankfurt. Bis 10. Januar. Der Katalog kostet in der Ausstellung 24 Euro.

© SZ vom 09.10.2020

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