bedeckt München 17°

Spielzeitbeginn in München:Revolution!

König Lear

Hier gibt es noch Superhelden. Manche sind aus Pappe, diese aber sind echt: Lear (Thomas Schmauser) und Edgar (Christian Löber) alias Major Tom in der rasanten und bejubelten Inszenierung von Stefan Pucher.

(Foto: Arno Declair)

"We are unstoppable, another world is possible!": An den Münchner Kammerspielen drängen König Lears Töchter und die "Fridays for Future"-Jugend auf Veränderung.

Von Egbert Tholl

Greta Thunberg sagte einmal: "Ich will, dass ihr in Panik geratet, ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre."

Ein wenig Panik ist nach dem Saisoneröffnungswochenende der Münchner Kammerspiele durchaus angeraten, jenseits der Begeisterung über zwei ziemlich großartige Theaterabende. Am ersten dieser Abende schreien einem 26 Jugendliche, die Verena Regensburger direkt von den Fridays-for-Future-Demos ans Theater geholt hat, ihre Entrüstung ins Gesicht.

Am zweiten räumen Goneril und Regan, König Lears garstige Töchter, radikal auf mit dem patriarchalischen System. Am Ende konstatieren sie: "Jetzt ist endlich alles möglich." Das hat ihnen Thomas Melle so geschrieben, der Shakespeares Tragödie in einen harten, klugen und aufregenden Geschlechter- und Generationenkampf-Thriller verwandelte, den Stefan Pucher inszenierte, als wäre sein fabelhaftes Ensemble ein verschworene Punk-Band.

Regensburger nennt ihren Abend "These Teens Will Safe the Future", woran man sofort glauben will und kann. Zusammen mit den Jugendlichen, zwischen zehn und 20 Jahre alt, hat sie die Texte entwickelt, geformt, rhythmisiert, aufgeteilt in viele Solostellen und Chorexplosionen: "Feuer!" "Brennt in Paris eine Kirche, sind alle hellwach. Brennt die grüne Lunge der Erde, wird erst einmal diskutiert." Es bleibt nicht bei der Wut auf Politiker, die zu wenig für die Umwelt tun, oder Menschen, die mit dicken Autos herumfahren und sich die steuerliche Legitimation dafür locker erkaufen können. Genau so geht es um gendergerechte Sprache, das Recht, auszusehen wie man will, um Bildung und die "167 Menschen, die seit 1990 in Deutschland durch rechte Gewalt getötet wurden".

Diese Jugend ist in ihrer Authentizität völlig entwaffnend, sie ist frei und hat Recht

Die Aufführung holt die Entrüstung von der Straße ins Theater, hier ins Haus der Kunst. In einem Ausstellungsraum gibt es eine Video-Ouvertüre mit (englischen) Aussagen der Jugendlichen, dann wird man nach nebenan geleitet, wo ein kleines Kettenkarussell steht, das in der Mitte des Raums als Plattform der Jugend dient.

Und diese Jugend darf alles, sie ist in ihrer Authentizität völlig entwaffnend, sie ist frei und hat Recht. Regensburger erhält bei aller Form die unmittelbare Wucht dieser jungen Menschen, die die Zuschauer schließlich auch in sehr direkten Begegnungen zu einem ganz persönlichen Nachdenken auffordern. Kurz nur, denn es muss weitergehen: "We are unstoppable, a better world is possible!"

Diesen Abend verlässt man erfüllt von Hoffnung. Nach Stefan Puchers "König Lear"-Inszenierung im Schauspielhaus hat man dann doch eher die leichte Panik, dass sehr schnell mit dem System etwas geschehen muss, sonst wird es übernommen von jungen Frauen in scheußlich-grellen Achtzigerjahre-Klamotten.

Aber wer war je der Meinung, Emanzipation sei nur etwas für liebliche Geschöpfe? Auch Goneril und Regan haben Recht, und sie fordern es radikal ein, überleben als einzige den Abend. Die Energie, die Wucht, mit der Julia Windischbauer und Gro Swantje Kohlhof hier ihre Revolution vorantreiben, ist der der Jugendlichen ebenbürtig. Nur wo jene das System selbst zum Handeln und zur Veränderung auffordern, sind Lears Töchter Anarchistinnen.

Shakespeare erzählt im "Lear" von einer Welt, deren Grausamkeit und annähernde Auflösung der alte König vorantreibt, weil er in Selbstverliebtheit und Verblendung nicht versteht, dass er abzudanken hat. Die Morde, die Gier der Töchter, das alles hat, bei aller Monstrosität, seinen Kern in der, wenn auch irrationalen, Disposition der Figuren. Bei Thomas Melle wird es systemischer. Er bleibt dabei erstaunlich nah am Stück, verleiht ihm eine harte Sprache, in der Shakespeares Poesie sogar noch erspürbar ist, auch wenn die Figuren völlig ungefiltert aufeinander prallen.

Melle entschlackt das Personal, zieht es auf die Protagonisten zusammen und schiebt die beiden Handlungsstränge - der König und die Töchter, Gloucester und die beiden Söhne - enger ineinander. Cordelia, die aufrichtige und einzig den Vater liebende Tochter ist nun die älteste; Jelena Kuljić spielt sie mit leuchtender, wenn auch letztlich machtloser Klugheit: "Wer nur die Figuren austauscht, ohne die Regeln zu ändern, spielt das alte Spiel." Doch ihre Schwestern werden weiter gehen.

Die Bühne ist Hollywood. Nina Peller ließ einen wundervollen Rundprospekt mit rosa Wolken malen, davor steht ein effektvoller Wohnglaskasten mit Jalousien, dessen Innenleben per Video sichtbar wird, wobei das allermeiste Geschehen sich direkt auf der Bühne abspielt. Oben auf dem Kasten steht in geschwungener Leuchtschrift "The End", das liest man gleich zu Beginn, und auch die abenteuerlichen Retroklamotten von Annabelle Witt tragen dazu bei, dass man das Gefühl hat, man betrachte den Beginn einer Zukunft, der vor Jahren einmal stattfand. Hier gibt es noch Superheldenfiguren. Aus Pappe.

Alles ist möglich, weil vom Alten nichts mehr da ist

Die Eingangsszene, in der Lear die Worte der Liebe seiner Töchter hören will, wird noch aus dem Kasten übertragen. Thomas Schmauser als Lear ist hier schon ein irrer Geck, aber auch menschlich, lustig. Kent (Samouil Stoyanov), steht als Realpolitiker daneben. Die Liebeslügen der beiden - hier - jüngeren Töchter sind genauso Realpolitik. Es geht ihnen nicht um einen Teil des Reichs. Worum es geht, erklären sie später explizit, etwa wenn Lear meint, er habe ihnen doch eine Kindheit aus "Glitzerstaub" ermöglicht. Goneril: "Das kannst du nicht wissen, das wissen nur wir. ... Dein ganzes Reich ist seit je auf Mord, Härte und Betrug gebaut. Allein dieses Erbe ist traumatisch." Also weg damit.

Stefan Pucher, zuletzt eher mit calvinistischer Textexegese aufgefallen, erschafft einen rasanten, ungeheuer dichten Abend, an dem das gesamte Ensemble mit Lust bis zur Verausgabung spielt. Die Aufführung, deren Anspielungsreichtum man beim einmaligen Sehen kaum ganz auskosten kann, dauert knapp zweieinhalb Stunden, zwölf Minuten davon sind der Applaus.

Gloucester ist hier eine Frau, und Wiebke Puls bemüht sich um Verständnis und Ausgleich, eine Angela Merkel inmitten der Raserei, die sie selbst auch trifft, weil ihr illegitimer Sohn Edmund ihr Gift ins Hirn träufelt, ihre Menschlichkeit korrumpiert und den Bruder verrät. Diesen Edmund spielt Thomas Hauser als metrosexuelle Mordmaschine, er ist das unheimliche Werkzeug der krassen Lear-Töchter, für die er morden und die er begatten soll.

Edgar flieht und kehrt als Major Tom (steht so bei Melle) aus dem Bühnenhimmel zurück, schwebend, singend, Gitarre spielend - Christian Löber klingt und sieht hier aus wie David Bowie. Von da an wird die Aufführung noch musikalischer, als sie schon ist, Stoyanov untermalt die Heide-Szene mit dem Intro von "Riders On The Storm" von den Doors, begleitet mit Löber Thomas Schmauser, wenn der "Such a Night" von Dr. John singt.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich ein großartiges Paar längst gefunden, Schmauser und Stoyanov, König und Narr (Melle legt Narr und Kent zusammen). Gemeinsam sind sie wie eines von Platons Kugelwesen, eine Entität in glücklichster Vereinigung. Beide sind verrückt, beide haben im allergrößten Unverstand Recht, entwerfen Racheszenarien wie bei Tarantino oder ergründen allerschwärzesten Humor, beide spielen im freilaufenden Irrsinn höherer Wahrheit als gälte es das Leben, bis sie sich völlig erschöpft wie zwei Truthähne anstarren. Diese physische Selbstauflösung ist das Spiegelbild des großen Untergangs.

Pucher und Melle räumen, wie schon Shakespeare, das Personal sorgfältig auf. Gloucester wird geblendet und stirbt, Lear stribt, Cordelia, Edmund, Goneril und Regan werden getötet, Kent und Edgar bleiben übrig. Wie bei Shakespeare könnte sich das patriarchalische, dynastische System erneuern. Doch dann erwachen die Mordschwestern zu neuem Leben und töten Kent und Edgar. Nun scheint alles möglich, weil vom Altem nichts mehr da ist. Die Warnung Cordelias, ein Austausch der Figuren bedeute nur das alte Spiel mit neuem Personal, haben sich Goneril und Regan zu Herzen genommen. Und alles ausgelöscht.

Unsere Welt muss eine andere werden, das sagen Verena Regensburger wie auch Stefan Pucher. Und die Kammerspiele starten mit dem konzertiertem Aufruf zur einer Revolution in die neue Saison.

© SZ vom 30.09.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite