Unesco-Weltkulturerbe:Erstmals wird jüdisches Kulturgut in Deutschland ausgezeichnet

Juedischer Friedhof in Worms 09 07 2015 Worms Deutschland PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyrigh

Der jüdische Friedhof in Worms.

(Foto: Ute Grabowsky / photothek.net/imago/photothek)

Die SchUM-Gemeinden Speyer, Worms und Mainz werden Unesco-Kulturerbe. Auch der Niedergermanische Limes wird aufgenommen.

Von Till Briegleb

Die Welt des Judentums drehte sich einmal längs der hundert Kilometer langen Rheinachse zwischen Mainz und Speyer. Ein berühmtes Zitat beschreibt die Bedeutung der so genannten SchUM-Städte, zu denen als drittes Worms gehörte: Die Lehrer dort würden "zu den gelehrtesten der Gelehrten, zu den Heiligen des Höchsten" zählen. Von dort gehe "die Lehre aus für ganz Israel. Seit dem Tage ihrer Gründung richteten sich alle Gemeinden nach ihnen, am Rhein und im ganzen Land Aschkenas." Aschkenas, das hebräische Wort für Deutschland, wurde später zur Unterscheidung von den sephardischen Juden, die in Spanien und Portugal unter Moslems lebten, der Sammelbegriff für jenen Teil des Judentums, der sich in Nord- und Osteuropa ausbreitete - und zu dem sich heute 70 Prozent aller gläubigen Juden zählen.

Die herausragende Bedeutung der drei Rheinstädte für die religiöse und kulturelle Entwicklung des Judentums in der Diaspora, deren Basis an Wissen, Sitten und Weltsicht hier gelegt wurde, ehrte die Unesco am Dienstag mit dem Titel des Weltkulturerbes. Wobei die Auszeichnung in diesem Fall weniger großen und prächtigen Bauzeugnissen gilt, als der geistigen Kraft einer Weltreligion, die in vielen Aspekten in jenen drei Städten ausformuliert wurde, deren hebräische Anfangsbuchstaben das Akronym SchUM bilden, das damals jedem Juden bekannt war. Viele noch heute gültige Gesetze und Vorstellungen des Judentums lassen sich direkt hierher zurückverfolgen: vom Verbot der Polygamie über ein gleichberechtigtes Scheidungsrecht zu vielen der bedeutendsten Talmud-Kommentaren.

Dass die baulichen Zeugnisse so rar sind, dafür haben die Brüder und Schwestern der anderen abrahamitischen Religion in Deutschland gesorgt. Bereits mit dem ersten großen Kreuzzug gen Jerusalem, den Papst Urban II. 1095 ausrief, marodierten plündernde Fanatiker durch die jüdischen Viertel der Städte, in denen diese sich seit Mitte des 10. Jahrhunderts niedergelassen hatten. Sie mordeten, plünderten und brandschatzten in einem Massaker, das nur wenige Menschen überlebten, und die weltlichen wie religiösen Bauwerke gar nicht. Um das Jahr 1350 wurden in den sogenannten Pestpogromen dann erneut die angeblichen "Brunnenvergifter" so vollständig und grausam getötet, dass die goldene Ära der SchUM-Städte endete.

Die im Dritten Reich zerstörte Synagoge ist durch einen spektakulären Neubau ersetzt worden

Deswegen lässt sich außer den Friedhöfen in Speyer und Mainz, die wie durch ein Wunder die wiederkehrenden Gewalttaten der Deutschen gegen die Juden überdauerten, fast keine originale Substanz des frühen deutschen Judentums mehr finden. In Speyer bildet der Judenhof noch ein architektonisches Erbe des Mittelalters, mit dem großen Taufbecken, der Mikwe, das ein echtes Original der frühen Entwicklung der jüdischen Riten am Rhein darstellt. In Worms finden sich nur noch Steinmauerreste, die Synagoge wurde nach den Wellen der Zerstörungswut immer wieder aufgebaut. Und in der Urstadt des aschkenasischen Judentums, in Mainz oder Magenza, wo sich ab 917 Juden aus Lucca ansiedeln durften, befindet sich noch der älteste jüdische Friedhof nördlich der Alpen. Die auch dort im Dritten Reich zerstörte Synagoge ist durch einen spektakulären Neubau von Manuel Herz 2010 ersetzt worden, dessen Gebäude den jüdisch-liturgischen Begriff "Keduscha" für Heiligkeit nachbildet.

Es ist also ein stark ideeller Zusammenhang, der hier ausgezeichnet wird, für den sich Rheinland-Pfalz seit 2004 bemüht, das Weltkulturerbe-Zeichen zu erhalten. Die Würdigung kann deshalb vornehmlich Einfluss auf das heutige Wissen über die Urzeit des europäischen Judentums nehmen, die in diesen drei Städten zu einer Epoche größter Gelehrsamkeit und friedfertiger Debatte über den richtigen Glauben führte. Und im Gegensatz zu den ersten zwei am Wochenende im chinesischen Fuzhou bestätigten deutschen Nominierungen, die Bäderstädte Baden-Baden, Bad Kissingen und Bad Ems sowie die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, ist auch der vierte Titel eher Bestätigungen einer bedeutenden Geschichte, die kaum prägnante Spuren hinterließ.

Die beiden Einreichungen für römische Grenzwälle an der Donau und am Niederrhein, die das volle deutsche Erfolgspaket bei der 44. Konferenz der Unesco zum Weltkulturerbe für die Jahre 2020 und 2021 geschnürt hätte, wurden zwar nur zur Hälfte bestätigt. Da Ungarn wie schon vor zwei Jahren aus der gemeinsamen Nominierung für den sogenannten "nassen Limes" an der Donau wieder ausgestiegen ist, wurde diese Wahl erneut verschoben. Aber auch die Reste der Wälle und Befestigungsanlagen am Niederrhein, die Deutschland und Niederlande gemeinsam vorgeschlagen haben, sind ein guter Anlass, sich mit den großen Umwälzungen zu beschäftigen, die von der ersten europäischen Weltmacht in Germanien verursacht wurden.

© SZ/freu
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