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Spektakel:Melancholie und Euphorie

Planning to rock (c) Goodyn Green)

Schnurrbart und weibliche Kurven: Rostron begreift sich als Person, die keinem bestimmten Geschlechtsbild mehr entsprechen will.

(Foto: Goodyn Green)

Person, die keinem bestimmten Geschlechtsbild mehr entsprechen will: Das große Pop-Performance-Theater von Jam Rostron alias "Planningtorock" im Berliner Berghain.

Immer wieder faszinierend: wie Musik in verschiedenen Kontexten passen und zugleich deren Geschehen konterkarieren kann. Die Musik von Planningtorock lief zum Beispiel im Dezember vergangenen Jahres, als Karl Lagerfeld im New Yorker Metropolitan Museum eine seiner letzten Chanel-Kollektionen präsentierte. Die teuersten Models der Welt schritten in goldschimmernden Pharaoninnen- und Pharaonen-Kleidern um den 2000 Jahre alten ägyptischen Dendur-Tempel herum. Lagerfelds Haus- und Hof-DJ Michel Gaubert hatte zwei Stücke von Jam Rostron alias Planningtorock für die Schau ausgewählt. Deren perlende synthetische Sounds korrespondierten mit der intrikaten Mode und auch dem antiken Setting, aber der Text des Songs "Somethings More Painful Than Others" passte eher nicht. Eingepackt in schillernde Autotune-Effekte, handelt er von Leid und Schmerz.

Ähnlich war es vor einigen Wochen, als Chanel im Pariser Grand Palais dann die erste Kollektion nach dem Tod von Karl Lagerfeld präsentierte und die Models am Ende große Runde machten - begleitet vom Planningtorock-Remix des Whitney-Houston-Hits "How Will I Know". In ihm hat Jam Rostron Houstons Stimme etwas nach unten transponiert, dem akustischen Eindruck nach also maskulinisiert. Die Akkorde scheinen zur Gesangsmelodie gar nicht zu passen, sie passen dann aber doch sehr. Melancholie, Trauer, Irritation und deren Auflösung in Euphorie und Tanz: In dieser Musik steckt alles drin. Das Drama der Mode profitiert davon.

Am Mittwochabend hatte man nun aber auch endlich wieder Gelegenheit, die Musik von Planningtorock zu ihren eigenen Bedingungen zu erleben, außerhalb des Mode-Kontextes - nämlich in der neuen "Powerhouse"-Show, die Jam Rostron im Berliner Berghain als Premiere zeigte. Die Show wird in den kommenden Wochen noch nach Paris und London weitertouren. Selten gab es eine Pop-Show, in der elektronische Musik zum Vehikel einer derart autobiografischen, intimen, fast bekenntnishaften Erzählung wird.

Häufig haben ja elektronische Musiker auf der Bühne die Tendenz zum Anonymen. Sie betonen damit ihre Zögerlichkeit, ihre eigene Person in den Vordergrund zu stellen, oder den Wunsch, die Musik möge für alle da sein, die dann quasi ungestört von einer Star-Persönlichkeit zur beglückten Masse verschmelzen können. Bei Jam Rostron verbinden sich beide Aspekte. Wobei man, bevor es weiter ins Private der Musik geht, noch darauf hinweisen sollte, dass Rostron im Englischen seit einigen Jahren das genderneutrale Pronomen "they" für sich bevorzugt, weswegen man im Deutschen "sie" oder "er" vermeiden möchte. Rostron stammt aus Bolton in Nordengland, lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Berlin und erzählt im hervorragenden aktuellen Album "Powerhouse" davon, wie Musik zur Heimat wurde, weil Mutter und Schwester es zu Hause vorlebten. Der Song "Powerhouse" ist eine ergreifende Hymne an Rostrons Mutter, die ihre Kraft zur Bewältigung des Familienalltags morgens aus ihrer Lieblingsmusik schöpfte, mit einer Tasse Tee in der Hand. Der Song "Beulah Loves Dancing" feiert die ältere Schwester Beulah, die mit dem Asperger-Syndrom zur Welt kam und als Teenagerin in den Achtzigerjahren House für sich entdeckte. Das ganze Haus wackelte abends, wenn Beulah in ihrem Zimmer die Mixtapes hörte, die sie aus dem Piraten-Radio Manchesters aufgenommen hatte.

Es geht also um die befreiende Kraft der House Music. Rostron zelebriert sie in der "Powerhouse"-Show mit einem Bühnenbild, das wirkt, als habe in einem Möbelhaus der Achtziger eine Plüschpolsterlandschaft angefangen zu wuchern. Das weiche, bunte, haarige Monstrum eignet sich zum Sitzen, Rekeln und Gogo-Tanzen. Es unterstreicht die Queerness der Show, in der Rostron sich als "Non Binary Femme" besingt - als Person, die weibliche Kurven mit einem Schnurrbart verbindet, die also keinen Drang mehr verspürt, einem bestimmten Geschlechtsbild zu entsprechen. Dazu passt der Autotune-Effekt, der sich live über den Gesang legt und manchmal einen Halbton abrutscht, was ein irres plastisches Jodeln produziert. Autotune, ursprünglich mal zur Korrektur von Tonhöhen gedacht, erlaubt auch ein interessantes Auffächern der gesanglichen Identität.

Ihre größte Intensität erreicht die Show aber in den Momenten, in denen am Ende der Songs der Gesang schon vorbei ist und die Beats noch weiterlaufen. In anderen Pop-Shows würden solche Momente abgewürgt, weil die Beats alleine vermeintlich nichts vermitteln außer Tempo. Die "Powerhouse"-Show kostet diese Momente aus. Jam Rostron thront auf dieser herrlichen Plüschlandschaft, umrahmt von Tänzer und Tänzerin, und alle posieren - als Mensch, Person, Körper. Es geht um die beleuchteten und beschatteten Profile, um Handhaltungen, um Blicke. Das funktioniert ausgezeichnet als Pop-Performance-Theater. Prätentiös ist es nicht, denn es sind ja die eigenen Beats, aus dem eigenen Studio. Fantastische Beats! Beats, die den Kern der Musik ausmachen und in denen man sich zu Hause fühlen kann. Rostron sonnt sich in ihrer Kraft.