Dokumentarfilm "Speer Goes To Hollywood" im Kino:Einmal Epos, bitte!

Lesezeit: 4 min

Speer Goes To Hollywood

Albert Speer in einer Interview-Situation in den Nachkriegsjahren - Szene aus "Speer Goes To Hollywood"

(Foto: Salzgeber Film)

Wie Hitlers Architekt und Rüstungsstratege Albert Speer einst versuchte, Held eines unkritischen US-Spielfilms zu werden, rekonstruiert die Regisseurin Vanessa Lapa.

Von Philipp Stadelmaier

Es solle bloß keine Dokumentation werden, sagt Albert Speer zum Beginn der Unterhaltung: je weiter entfernt davon, desto besser. Der junge Mann, den er gerade empfangen hat, gibt ihm recht. Keine Dokumentation. Ein Spielfilm. Oder eher noch: keine Fotografie, sondern Malerei. Speer ist begeistert. Malerei. Wie auf einem Van-Gogh-Gemälde, schwärmt Speer, wolle er rüberkommen. Das komme dann doch näher an die Wahrheit, als es eine nüchterne Darstellung erlaube.

Es ist das Jahr 1971. Der junge Mann heißt Andrew Birkin. Später wird er die Drehbücher zu "Der Name der Rose" und Tom Tykwers "Parfum" schreiben, doch im Moment ist er noch sechsundzwanzig Jahre alt, Bruder der Schauspielerin und Chanteuse Jane Birkin und Protegé von Stanley Kubrick, dem er gerade bei den Vorbereitungen zu dessen (nie realisierten) "Napoleon"-Projekt assistiert. Gleichzeitig arbeitet Birkin an einem Drehbuch zur Verfilmung von Speers "Erinnerungen", einem internationalen Bestseller, an dem sich die Paramount die Rechte gesichert hat. Hitlers Architekt, der dem "neuen Napoleon" Hitler, wie er ihn einmal nennt, eine germanische Welthauptstadt bauen sollte, will nun sein eigenes Leben in ein großes Kunstwerk bannen lassen. Von einem Van Gogh oder zumindest einem Kubrick. Solange es nur keine Dokumentation wird, die der Wahrheit zu nahe kommt, oder sich zu sehr von seiner eigenen entfernt.

Speer und Birkin treffen sich in Speers Villa in Heidelberg, und gehen durch, was Birkin geschrieben hat, Szene für Szene. Birkin fragt, Speer kommentiert, ein Tonband läuft mit. Vierzig Stunden bislang unveröffentlichte Tonaufnahmen sind auf diese Weise zusammengekommen. Nun hat die israelische Filmemacherin Vanessa Lapa sie ausgegraben und einen Film über sie gemacht, "Speer Goes Hollywood": eine Dokumentation über Speers Versuch, durch einen Hollywood-Film seine Legende vom "guten Nazi" zu zementieren, die er mit seinen "Erinnerungen" begründet hat.

Lapas Film beginnt mit dem Erscheinen von Speers Buch, das während seiner Haftzeit im Kriegsverbrecher-Gefängnis Spandau entstand. Weltweit tourt er durch Talkshows, in denen er mühelos zwischen Deutsch, Englisch und Französisch wechselt. Vor allem gibt er sich reumütig. Ja, das Gewissen. Diese Bürde, die immer auf ihm lasten wird. Und dennoch. Wie Sophokles' Ödipus wusste er nicht, welche Verbrechen er beging.

Die Gespräche zwischen Birkin und Speer bebildert Lapa mit altem Archivmaterial. Es geht einmal quer durch Speers Leben. Speer ist erst Generalbauinspektor für den Umbau Berlins in die "Welthauptstadt" Germania, später Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Besonders konzentriert sich Lapa auf die Nürnberger Prozesse, bei denen das Ausmaß von Speers Verantwortung deutlich wird, aber auch Speers erfolgreiche Verteidigung - statt dem Strang bekommt er nur zwanzig Jahre Haft. Auch Birkin gegenüber bleibt Speer bei seiner Darstellung. Der Holocaust? Die Ausbeutung, Misshandlung und Ermordung von Zwangsarbeitern? Davon konnte er nichts wissen. Oder war gerade nicht zugegen. Oder kann sich nicht erinnern.

Mittlerweile ist der Speer-Mythos, der sich in Deutschland lange gehalten hat, gründlich aufgearbeitet - zuletzt in den Arbeiten von Isabell Trommer, Magnus Brechtken oder Wolfgang Schroeter. Die Nachkriegs-BRD hat fleißig an ihm mitgewirkt, besonders in Gestalt des späteren FAZ-Herausgebers Joachim Fest, durch seine Mitarbeit an Speers Veröffentlichungen und eine eigene, 1999 erschienene Speer-Biografie. Die erste kritische Studie veröffentlichte Matthias Schmidt bereits 1982, Heinrich Breloers Dokudrama "Speer und Er" mit Sebastian Koch und Tobias Moretti sorgte 2005 für eine endgültige Wende in der Speer-Rezeption.

Millionen Zwangsarbeiter? Der Autor imaginiert das Bild als Totale

Lapas Film ist jedoch nicht einfach eine weitere Doku über Speer. Sie ist in einem weiteren Sinne eine Doku über den Versuch, Geschichte filmisch zu fiktionalisieren. So erzählt Speer stolz von den Millionen an Zwangsarbeitern, die er brauchte und bekam. Birkin meint, er sähe das in einer Totale, einer weiten Einstellung. Lapa bebildert das mit irgendeiner Aufnahme, auf der sich Häftlinge vor den Waffen der Deutschen einen Feldweg entlangschleppen. Die schiere Illustration wirkt auf den ersten Blick vulgär, beliebig und problematisch. Doch gerade deshalb erweist sich Lapas Vorgehen als triftige Strategie. Zum einen entlarvt der oberflächliche, illustrative Charakter der Bilder die Substanzlosigkeit des Narrativs, das sich die beiden Männer entlang der Stationen von Speers Leben zusammenbasteln. Zum anderen sind diese Bilder ein reales Archiv der Deportierten, Ermordeten und Opfer des Nationalsozialismus. Damit widerstehen sie - als Bilder - dem auf der Tonspur verhandelten Versuch, die von Speer mitbegangenen Verbrechen durch die vorgeschobene Geschichte eines "wichtigen Mannes" zu überdecken oder schönzufärben.

Speer Goes To Hollywood

Albert Speer mit Adolf Hitler in einer Dokumentaraufnahme aus Vanessa Lapas Film "Speer Goes To Hollywood".

(Foto: Salzgeber Film)

Dies ist auch deswegen wichtig, weil Birkin diesen Widerstand nicht aufbringt. Er schlägt Speer unter anderem vor, im Film die Zahlen gestorbener Zwangsarbeiter nach unten zu korrigieren, und regt sich über die "Paramount und ihre jüdische Brigade" auf, die eine zu "positive" Darstellung Speers im Skript bemängeln. Lapas ironischer Kommentar zum Verhältnis zwischen Speer und Birkin besteht aus kurzen Ausschnitten aus Murnaus "Faust"-Film, die sie einspielt. So gesehen wohnen wir der Verführung von Faust-Birkin durch Speer-Mephisto bei, und, in einem weiteren Sinne, der Verführung des Dokumentarischen durch die Fiktion, der Geschichte durchs Kino. Aus der Filmgeschichte selbst kommt aber auch die skeptische Stimme, die Birkin vor Speer warnt. Regelmäßig telefoniert Birkin mit Carol Reed, dem Regisseur von "Der dritte Mann", der dem jungen Autoren erklärt, sein Drehbuch sei zwar gut, aber leider reines "whitewashing" eines Kriegsverbrechers.

Letztlich wurde der Speer-Film nie gedreht, und mit Lapa schlägt nun endgültig die Speer-Dokumentation die Speer-Fiktion. Dennoch ist es nicht ohne Ironie, dass auch dieser Film über einen versuchten Fake teilweise selbst wie ein, nun ja, Fake klingt. Denn wir hören in "Speer Goes To Hollywood" niemals die (angeblich zu stark beschädigten) Originalaufnahmen, die Stimmen von Speer und Birkin, sondern die hölzernen Stimmen zweier Sprecher, die - im Falle Speers mit starkem deutschem Akzent - die englischen Transkripte der Aufnahmen verlesen.

Neben der Realität der Archivbilder hätte man sich dennoch die Realität der Stimmen gewünscht, wie versehrt auch immer die Bänder gewesen sein mochten. So klingt es, als hätte sich der "wahre" Speer, hinter der Stimme eines Sprechers, erneut verstecken können. In geschriebenen Biografien erfolgt die Wiedergabe und Fälschung von Fakten im Medium der Schrift. Dieses Medium ist im Film, neben dem Bild, die Materialität der Stimme, die nichts ersetzen kann.

Speer Goes To Hollywood, Israel 2021. - Regie: Vanessa Lapa. Buch: Lapa, Joëlle Alexis. Schnitt: Alexis. Mit Albert Speer, Andrew Birkin. Edition Salzgeber, 97 Minuten. Kinostart: 11. November 2021.

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