bedeckt München
vgwortpixel

Spanische Literatur:Trüffelschweine

Thallium Javier Sebastian

Javier Sebastián: Thallium. Roman. Aus dem Spanischen von Ursula Bachhausen und Anja Lutter. Wagenbach Verlag, Berlin 2015. 208 Seiten, 19,90 Euro. E-Book 17,99 Euro.

(Foto: Wagenbach Verlag)

Javier Sebastiáns neuer Roman "Thallium" erzählt eine düstere Familiengeschichte.

Das Geschäftsjahr 1968/69 läuft hervorragend in Äquatorialguinea, der kleinen, gerade in die Unabhängigkeit entlassenen spanischen Ex-Kolonie zwischen Kamerun und Gabun. Zumindest für diejenigen, die sich das Chaos der Umbruchphase zunutze machen und auf der Seite des gerade gewählten Präsidenten und künftigen Diktators Macías Nguema stehen. Für Oppositionelle und Konkurrenten läuft es nicht ganz so gut. Viele von ihnen sind bald schon tot.

So weit die Fakten, die in Javier Sebastiáns Roman "Thallium" mit wenigen Namen und Orten angedeutet werden - um einer Fiktion Raum zu geben, die den spanischen Geschäftemachern dieser Übergangszeit auf der Spur ist. Und einer nicht minder traurigen Familiengeschichte. Opa war kein Nazi, würde das Stück hierzulande wohl heißen, in der spanischen Variante: Papa war ein ehrenvoller General, und was er in den Kolonien zu tun hatte, weiß keiner so genau. Dass dann auch noch Mama mitspielt, macht es nicht einfacher.

Alles beginnt damit, dass die Windschutzscheibe der Journalistin Fátima Moreo von einem wütenden Rentner zertrümmert wird, der sich falsch dargestellt sieht in ihrer Dokumentation über die Geschichte der spanischen Kolonie. Überhaupt gibt es einige alte Leute, die von hässlichen Guineageschichten nichts mehr hören wollen. Wie auch die Mutter der Journalistin, die zurückgezogen auf einer Finca lebt und sich dem höchst einträglichen Trüffel-Business widmet. Eine Trüffelsucherin war sie auch schon in jenen Jahren um 1969, als ihr Mann, der General, dauernd auf Dienstreisen war.

Gewisse Konstruktionsfehler nehmen dem thrilleresken Plot einiges von seiner Wirkung

Ihre Recherche beginnt Fátima aus privaten Gründen: Ihr Vater wird eines Tages tot am Strand gefunden - und sie wiederum findet eine merkwürdige Email, die sie zu den Veteranen der Kolonialzeit führt. Thallium, lernt sie bald, ist ein Gift, das man im Körper kaum nachweisen kann; im Körper jener Oppositionellen zum Beispiel, die gegen hohe Prämien von spanischen und französischen Militärs beseitigt wurden, um Einflussbereiche und Marktzugänge zu sichern. Als klar wird, dass auch die vermeintlich ahnungslose Mutter in Schändliches verstrickt war, beginnt für die Journalistin eine abgründige, weil identitätsraubende Verfolgungsjagd. Das Kolonialpuzzle ist zugleich auch ein Psychothriller, der ihr die Füße unterm familiären Boden wegzieht.

Javier Sebastián wurde international bekannt mit dem Roman "Der Radfahrer von Tschernobyl", der 2011 in Spanien erschienen ist: eine kunstvoll konstruierte, von Tatsachen ausgehende Geschichte um den Atomphysiker Nesterenko, der ins verseuchte Prypjat flieht, und zwar vor den tödlichen Attacken weißrussischer Behörden, die den Reaktorunfall herunterspielen wollen.

"Thallium" wurde in Spanien bereits 2004 veröffentlicht, und die sieben Jahre, die zwischen den beiden Romanen liegen, müssen entscheidend gewesen sein für den Schriftsteller. Sebastián, geboren 1962 in Saragossa, hat in der Tschernobyl-Geschichte einen verhaltenen, in seiner Reduktion aber auch poetischen Erzählton getroffen, der die Atomgeisterstadt und die politischen Verbrechen gleichermaßen zum Schwingen brachte.

In "Thallium" dagegen weiß man nie genau, wer wem gerade was erzählt; eingebettet ist die Geschichte in einen Rückblick, mit dem Fátima ihre Tochter über die Ereignisse der letzten Wochen aufklärt. Aber die sich ständig überlagernden Erzählperspektiven sind keine gelungenen Kunstgriffe, sondern Konstruktionsfehler des Versuchs, die Ereignisse ans Licht zu bringen. Wenn die Journalistin dem alten Gil zuhört, der von früheren Armeekumpanen berichtet, schieben sich Dinge aus dem Jahr 1969 dazwischen, von denen Gil keine Ahnung haben kann. Leider nimmt das dem thrilleresken Gift-Plot einiges von seiner Wirkung. Auch wäre ein Nachwort von Vorteil gewesen: Anders als bei der Tschernobyl-Geschichte, deren Eckdaten man voraussetzen kann, dürften die Machenschaften spanischer Armeeangehöriger im postkolonialen Äquatorialguinea nicht allzu bekannt sein. Am Ende wüsste man aber doch gern, wie stark die Fiktion von Fakten inspiriert war.

Neben den geheimen Operationen des Militärs ist es die Geschichte Fátimas, die trotz der erzählerischen Holprigkeiten einen gewissen Sog ausübt. Wie in Zeitlupe zerbröselt ihr Leben, weil nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter mit den Giftmorden zu tun hatte. "Sie weinte um ihrer selbst willen, wie sie da auf dem Metrobahnsteig saß und sich vorkam wie mutterseelenallein auf der Welt".

Von Verrat, verlorenen Identitäten - und von Lady Dianas Tod - handelt übrigens Javier Sebastiáns im letzten Jahr veröffentlichte Spionagegeschichte. Man darf sehr gespannt sein, wie die Fakten- und-Fiktionsfrage in diesem verschwörungstheoretisch stark vorbelasteten Fall gelöst wird.

© SZ vom 30.11.2015
Zur SZ-Startseite