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Spanische Literatur:Das blutige Puzzle

Graffiti der Eta in der baskischen Provinz, aufgenommen im März 2010, im Jahr der Ausrufung des Waffenstillstands durch die Eta. Wie gefährlich es war, zur Zielscheibe von Parolen und Drohungen an Hauswänden zu werden, zeigt in Fernando Aramburus Roman das Schicksal des Unternehmers Txato.

(Foto: Rafa Rivas/AFP)

Zwei Familien, unendliche Verstrickungen: Der baskische Autor Fernando Aramburu erzählt in seinem großen Roman "Patria" von Opfern und Tätern der Eta.

Von Ralph Hammerthaler

Im Jahr 2010 wurde der BBC ein Video zugespielt: Drei Männer mit weißen Kapuzen über dem Kopf, Sehschlitze, Baskenmütze, verkündeten einen Waffenstillstand. Drei linke Fäuste fuhren in die Höhe. Dieses Versprechen hatte die Eta schon öfter gegeben, um es kurz darauf zu brechen. Mehr als achthundert Tote, darunter viele Zivilisten, wurden ihr bis dahin zur Last gelegt. Also war die Skepsis groß. Doch schon im Jahr darauf bekräftigte die Organisation, die nach fünfzig Jahren und vernichtenden Schlägen gegen ihre Führung keine Terrororganisation mehr sein wollte, ihren Willen. Im Januar 2011 stellte sie einen "dauerhaften und allgemeinen Waffenstillstand" in Aussicht, im Oktober 2011 die "definitive Beendigung der bewaffneten Aktivitäten". Ganz Spanien atmete auf; der Staat verlangte, dass die Waffen abgegeben wurden.

Im Gefängnis hört Joxe Mari von der Nachricht. Vor Wut und Verzweiflung schlägt er mit der Faust gegen die Wand, so heftig, dass die Haut an den Knöcheln aufplatzt. "Die Organisation entsagt dem bewaffneten Kampf, und wir Gefangene sind für sie nur noch nutzloser Ballast." Er, der gegen alle Vernunft an seiner Überzeugung festhält, an der Notwendigkeit des mörderischen Konflikts, bricht schluchzend zusammen. Aber erst als ihm seine geliebte Schwester Arantxa ein Foto von sich schickt, im Rollstuhl nach einem Schlaganfall, verzerrtes Lächeln, gelähmte Faust, ist er bereit, von seiner Lebenslüge zu lassen. Ja, es sieht so aus, als erlange er durch den erschütternden Anblick seine beharrlich verleugnete Menschlichkeit zurück.

Es ist sehr riskant, die Revolutionssteuer nicht zu entrichten

"Patria", Vaterland - was für ein umwerfender Roman! Fernando Aramburu, 1959 im baskischen San Sebastián geboren und seit den 1980er-Jahren in Hannover zu Hause, erzählt darin eine doppelte Familiensaga. Die beiden Familien, früher eng befreundet, bleiben auf vertrackte Weise miteinander verstrickt. Die eine bringt einen Eta-Täter hervor, die andere wird für ein Eta-Opfer ausgespäht. Insgesamt zu neunt, wohnen die Protagonisten zunächst alle in einem Dorf in der Provinz Guipúzcoa. Diese neun Figuren entwickelt Fernando Aramburu dermaßen plastisch und facettenreich, dass sie einem wie gute, teils unheimliche Bekannte vorkommen. Der Killer Joxe Mari wird so eindringlich geschildert, dass man seinen Weg, der mit nichts als Sportsgeist und Abenteuerlust beginnt, mit wachsender Sorge und Beklemmung verfolgt.

Das Herzstück des Romans ist die Ermordung des Fuhrunternehmers Txato. Aus verschiedenen Perspektiven wird sie ein ums andere Mal erzählt, ohne dass die Spannung nachlässt. Aber sie beeinflusst auch alles Weitere, die Figuren und ihre Beziehungen untereinander, ihr Verhältnis zur Umgebung. Dadurch erhält man eine Ahnung davon, wie wirksam das Gift war, das die Eta in die baskische Gesellschaft spritzte. Txato ist ein einfacher, rechtschaffener Mann, den jeder zum Freund haben möchte, ehe Parolen und Schmierereien an den Wänden auftauchen, die ihn verhöhnen und als Zielscheibe markieren.

Der Grund dafür liegt in seiner Weigerung, die sogenannte Revolutionssteuer zu entrichten. Er hat auch, und das macht ihn glaubwürdig, einige nicht so gute Charakterzüge, Dickköpfigkeit, Kontrolltick gegenüber seinen Angestellten. Auf dem Weg von seinem Haus zur Garage wird Txato mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Ein feiger Mord, was sonst.

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Fernando Aramburu: Patria. Roman. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018. 768 Seiten, 25 Euro. E-Book 19,99 Euro.

Tochter Nerea hat auf Drängen ihres Vaters den Studienort gewechselt, sie ist von San Sebastián nach Saragossa gegangen. Dort sitzt sie mit Kommilitonen in einer Kneipe, als auf dem Fernseher das Foto von Txato erscheint, darunter das Schriftband "Unternehmer in Guipúzcoa ermordet". Sie erstarrt inmitten der lärmenden Unterhaltung. Sie kann den Urin nicht halten und pinkelt sich nass. In der Nacht zieht sie einen Studenten zu sich ins Bett und fleht ihn an, sie zu ficken. Dieses Kapitel über Nerea ist so überwältigend, dass einem die Tränen kommen.

Fernando Aramburus Sprache wirkt nüchtern und durchsichtig, fast gläsern. Schaut hin, scheint er zu sagen, so ist es passiert. Wie Teile eines Puzzles setzt er seine Kapitel zusammen, ein jedes kurz und mit einer unaufdringlichen Pointe ausgestattet. Ohne Rücksicht auf Chronologie und höhere Ordnung hat er Hunderte Seiten geschrieben, denen man atemlos folgt. Am Ende erblickt man verblüfft das fertige Puzzle. Raffiniert schweift er von der Er- zur Ich-Perspektive, oft in ein und demselben Satz. Leider aber pflegt er auch ein paar stilistische Marotten. So fällt er sich mit plumpen Fragen immer wieder selbst ins Wort, um dann darauf zu antworten: "Txato hatte ihr nie verraten, dass er im Büro eine Pistole hatte. Überrascht? Kein bisschen."

Der Sound einer Diktatur wird geschickt durch Gesänge der Freiheit überdeckt

Das stört etwas. Oder er reiht Verben und Adjektive aneinander, zwei oder auch drei, als hätte er sich zum angemessenen mot juste, wie Hemingway sagen würde, nicht durchringen können: "wobei sie Frühstücke, Mittagsmahlzeiten und Abendessen von mittelmäßiger/zweifelhafter Qualität in London aufzählt/zur Sprache bringt." Auch das stört etwas. Warum? Weil es gekünstelt/gespreizt/überflüssig wirkt.

Im Dorf verfügt die Eta über unzählige Sympathisanten; in der Kneipe steht eine Spendenbüchse auf dem Tresen. Wer nicht auf Demos geht, gilt als verdächtig. Sogar der Pfarrer befürwortet den Kampf. Kämpfer Paxto sagt: "Die Leute da unten tanzen und feiern, stehen vor den Eisdielen Schlange, und unsereiner hält den Arsch hin, um sie zu befreien." Und Joxe Mari gibt zur Antwort: "Sei unbesorgt. Wenn wir das Heft in der Hand haben, tanzen sie nach unserer Musik."

Darin klingt der Sound einer Diktatur an, geschickt gedämpft durch Gesänge der Freiheit. Das ganze Dorf fällt darauf herein. Txato und seine Frau Bittori werden samt Kindern aus der Gemeinschaft gestoßen. Als der sterbende Unternehmer im strömenden Regen auf der Straße liegt, stürzt Bittori nach draußen. Niemand anderes eilt zu Hilfe. Wer die Sanitäter gerufen hat, bleibt unklar. Einer der Nachbarn muss es gewesen sein. Sie stehen versteckt hinter Gardinen.

Beide Familien haben ein weibliches Oberhaupt: Miren und Bittori. Einst waren sie unzertrennlich, und es gab eine Zeit, da sie als Nonnen ins Kloster gehen wollten. Von einem Tag auf den anderen aber bricht Miren den Kontakt ab. Sie hat Schmähungen gegen Txato entdeckt. Als hörige Mutter hält sie zu ihrem längst untergetauchten Sohn Joxe Mari. Obwohl im Grunde unpolitisch, geht sie auf jede Demo für ein freies Baskenland oder für die Amnestie der von Folter bedrohten Gefangenen. Verschärfend kommt hinzu, dass Joxe Mari am Tag von Txatos Ermordung im Dorf gesehen worden ist. Die Ungewissheit, was er tat oder nicht, nagt an jedem Einzelnen. Auf der letzten Seite - der Roman ist behutsam auf Versöhnung umgeschwenkt - lässt Aramburu die beiden alt gewordenen Frauen zusammentreffen und einander umarmen. Diese Geste wirkt unvorbereitet und nach allem, was war, zu groß. Ein langer, durchdringender Blick hätte genügt. In diesem Roman sieht der Leser die Welt - in einem kleinen baskischen Dorf.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman Patria stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

© SZ vom 24.01.2018
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