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Spanische Kolonialgeschichte:Schwarze Legenden

Beliebtes Reiseziel: Hauptplatz der Stadt Trujillo mit der Statue des Heerführers Francisco Pizarro.

(Foto: mauritius images / age fotostock)

Spanien streitet: War die Kolonialherrschaft in Lateinamerika ein Verbrechen oder eine Leistung?

Hoch zu Ross und in voller Rüstung blickt Francisco Pizarro über den Hauptplatz von Trujillo in der südwestspanischen Region Extremadura. In dem Städtchen am Fuß einer wuchtigen mittelalterlichen Burg ist man auf den Mann stolz, der vor fast 500 Jahren an der Spitze eines spanischen Expeditionskorps im heutigen Peru das Inkareich zerschlagen hat. Die Pizarros stammen aus Trujillo, in ihrem Geburtshaus nur wenige Schritte unter der Burg ist ein Museum eingerichtet, es ist bescheiden im Vergleich zu den Palästen, deren Bau sie mit dem in Lateinamerika geraubten Gold und Silber finanziert haben. Dutzende Reisebusse fahren täglich vor, die "Wiege der Conquista" ist ein beliebtes Ziel für Touristen vor allem der älteren Generation.

Die Conquista, die Eroberung Lateinamerikas durch die Spanier, ist ein halbes Jahrtausend später zum Streitthema geworden, in der Außen- wie der Innenpolitik. Ausgelöst hatte die Kontroverse im Frühjahr der mexikanische Staatspräsident Andrés Manuel López Obrador. Der Vertreter der Neuen Linken in Lateinamerika forderte von Papst Franziskus und dem spanischen König Felipe VI. eine Bitte um Vergebung für die Verbrechen, die die Eroberer im Namen von Kirche und Krone an den indigenen Völkern seines Landes begangen hatten.

Unter Spaniens Politikern stieß dieses Ansinnen auf Befremden bis Empörung, zumal da der Zerstörer des Aztekenreichs, Hernán Cortés, früher auch in Mexiko verehrt worden war. Die Minderheitsregierung des Sozialisten Pedro Sánchez gab eine gewundene Erklärung ab: "Was damals geschah, kann nicht mit heutigen Maßstäben gemessen werden."

Für Sánchez kam der Vorstoß Obradors zur Unzeit. Denn Spanien befindet sich seit Anfang des Jahres im Wahlkampf - und Debatten, die das untergegangene Imperium betreffen, nützen erfahrungsgemäß der Rechten, weil es, wie die linksliberale Zeitung El País befand, in der Gesellschaft eine unterbewusste Sehnsucht nach der vergangenen Größe der Nation gebe.

Rechte Parteien überboten sich mit Vorschlägen, wie die "Ehre der Nation" zu verteidigen sei

In der Tat griffen die Parteien des rechten Spektrums die Vorlage Obradors dankbar auf und überboten sich mit Vorschlägen, wie die "Ehre der Nation" zu verteidigen sei. Sie verlangten von der Regierung, gegen die "schwarze Legende" vorzugehen, die einen Schatten auf das Ansehen Spaniens in der Welt werfe.

Der Begriff entstand in der Debatte über den Verlust der letzten bedeutenden spanischen Kolonien, der Philippinen und Kubas, in einem dreieinhalb Monate währenden Krieg gegen die USA im Jahr 1898.

Die Niederlage hatte die spanische Elite zutiefst erschüttert, denn sie markierte den Schlusspunkt in der Geschichte des Imperiums, "in dem die Sonne nie untergeht", wie man es zu dessen Glanzzeit unter den spanischen Habsburgern im 16. Jahrhundert besungen hatte. Diese Debatte fasste der Historiker und Soziologe Julián Juderías in einem Buch zusammen, das 1914 unter dem Titel "Die schwarze Legende und die historische Wahrheit" erschien. Juderías war ein polyglotter, "umfassend gebildeter Intellektueller, er publizierte auch zur französischen, deutschen und russischen Literatur. Er warf den Verfassern von ausländischen Büchern vor, das falsche Bild eines "inquisitorischen, ignoranten, fanatischen" Landes zu zeichnen, "das stets zu gewalttätiger Repression bereit sei, ein Feind des Fortschritts und der Innovationen". Diese "Legende", so Juderías, sei im 16. Jahrhundert von den Ländern der Reformation ausgegangen.

Eine Historikerin legte ein gutes Wort für die Imperien ein. Ihr Buch wurde ein Bestseller

Wie virulent das Thema heute noch ist, beweist ein überraschender Bestseller: Die Historikerin Elvira Roca Barea entwickelte die Gedanken Juderías' weiter, ihr 2016 erschienenes Buch "Imperiophobie und Schwarze Legende - Rom, Russland, USA und das spanische Imperium" verkaufte sich mehr als 120 000 Mal. Darin beschreibt sie, dass die großen Imperien dasselbe Schicksal verbinde: Ihre Nachbarn versuchten, die eigene militärische und wirtschaftliche Unterlegenheit durch eine Propaganda zu kompensieren, die den Völkern der Imperien alle schlechten Verhaltensweisen dieser Welt andichte.

Im Falle Spanien sei dies falsch und ungerecht: Die Inquisition habe es schon in anderen Ländern gegeben; andere Mächte hätten ihre Kolonien nur brutal ausgebeutet, während die Spanier zwar in Lateinamerika auch Kriege geführt, aber letztlich eine neue Zivilisation aufgebaut hätten, die auch der eingeborenen Bevölkerung Rechte eingeräumt habe.

Auch für Roca Barea steht fest: Die "schwarze Legende" wurde heuchlerisch von den protestantischen Ländern verbreitet. Sie rechnet besonders mit Martin Luther ab, der Hexenverbrennungen gerechtfertigt habe, während die Inquisition in Spanien den Beschuldigten rechtliches Gehör gegeben und auch viele freigesprochen habe. Als Reaktion auf das Lutherjahr der Deutschen organisierte sie eine Ausstellung, in der sie die Bewertung der Reformation als "Schritt zur Moderne" zu widerlegen versuchte: Das Wirken Luthers habe den Feudalismus und somit die Macht der "lokalen Oligarchen" gestärkt.

Die Conquista sei eine brillante Epoche gewesen, befanden konservative Publizisten, vergleichbar dem Römischen Reich

Kürzlich erschien unter dem Titel "Imperiophilie und der nationalkatholische Populismus" eine Entgegnung auf Roca Barea. Der in Madrid lehrende Philosophieprofessor José Luis Villacañas warf ihr vor, wichtige Fakten ausgelassen und somit unredlich gearbeitet zu haben. Den mythischen Kampf zwischen katholischen und protestantischen Ländern in Europa habe es nie gegeben, bei den Kriegen hätten vielmehr über die Konfessionsgrenzen hinweg Großmachtinteressen den Ausschlag gegeben. Doch seien dies abgeschlossene Kapitel der Geschichte, die heute keine Bedeutung mehr hätten. Von einer "schwarzen Legende" könne keine Rede sein.

Konservative Publizisten befanden daraufhin, dass die Leugnung der "schwarzen Legende" mittlerweile ein Teil eben dieser "schwarzen Legende" geworden sei. So sieht es auch der konservative Oppositionsführer Pablo Casado, er rühmte die Heerführer der Conquista wie Pizarro und Cortés: Sie hätten "Religion und Kultur gleichzeitig an so viele Orte" gebracht, wie es keinem vor und nach ihnen in der Geschichte gelungen sei. Die Conquista sei eine brillante Epoche, vergleichbar den kulturellen Errungenschaften des Römischen Reichs.

In Trujillo fand im April eine Historikerkonferenz zu der Kontroverse statt: "Hernán Cortés, die schwarze Legende und ihr Einfluss". Die Quintessenz: Die Dinge sind verwickelt. Auch Historiker, die sich nicht dem rechten Lager zurechnen, wehren sich nämlich gegen ein Schwarz-Weiß-Bild. Sie bemerkten, dass die Reiche der Azteken und Inkas auch deshalb gefallen seien, weil es den Spaniern gelungen war, andere einheimische Völker als Verbündete zu gewinnen. Auch sei die vorkoloniale Epoche Lateinamerikas von blutigen Konflikten geprägt gewesen, Adel und Priester hätten überall ein grausames Regime geführt, bis hin zu Menschenopfern.

Das Pizarro-Museum berührt diese Debatten nur kurz. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Vorteile, die sowohl Spanien als auch Lateinamerika angeblich von der Conquista hatten. Ein Gemälde mit Obst und Feldfrüchten illustriert diesen Gedanken: Tomaten, Kartoffeln und Kakao für Europa; Gerste, Weizen und Wein für Amerika.