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Spätstarter Benedict Cumberbatch:Altes Bübchen

Actor Benedict Cumberbatch arrives at the 86th Academy Awards in Hollywood

Benedict Cumberbatch bei der Oscar-Verleihung 2014 in Hollywood.

(Foto: REUTERS)

Möge die Arbeit zu ihm kommen: Eine Begegnung mit dem britischen Schauspieler Benedict Cumberbatch, dem neuen Hoffnungsträger des Kinos - und des Fernsehens.

Es geht hier wieder mal um den alten Mythos. Um den Mann, dem man einfach nur in die Augen schauen muss. Um den Filmhelden, der ein so unfassbares Charisma hat, dass es aus seinen Poren oder Pupillen direkt ins Zelluloid hineinstrahlt. Ohne Umwege, und von dort zurück auf die Zuschauer. Der Charaktertyp, der aus dem Telefonbuch nicht mal vorlesen muss. Sondern es nur zugeklappt in der Hand zu halten braucht, um alle irrezumachen.

Aber nein - diesen unbedingten Zauber hat Benedict Cumberbatch gar nicht. Wenn er stumm im Bild herumsteht, dasitzt oder in die Kamera schaut, wirkt er oft bloß wie ein netter Student mit kleinen Augen. Gut aussehend, mit aristokratisch hoher Stirnpartie. Aber das ist unwichtig.

Das müssen wir betonen, weil dem Londoner Schauspieler seit einiger Zeit ja durchaus nachgesagt wird, mit dem magischen Blick gesegnet zu sein, mit dem unheimlichen Kino-Chromosom, für das andere Darsteller ihr Schauspielschul-Seelchen an den Teufel verkaufen würden. Um das einzulösen, muss Cumberbatch jedoch den Mund aufmachen. Nur einen kleinen Spalt weit, er raunt mehr. Einen Satz muss er sagen, maximal, dann passiert es. Dann ist Cumberbatch plötzlich der dämonische Oberlord, der Hypnosemann mit den giftigen Wangenknochen, dem die Kinoregisseure von Spielberg über J. J. Abrams bis Steve McQueen verfallen sind. Der sexy Fürst der Finsternis, der seinen eigenen weiblichen Fanclub hat. Cumberbitches nennen sich die Mitglieder.

Mit 37 Jahren: Cumberbatch einer der heißesten Filmneulinge

Was er sagen muss? Einfache Sachen. "Hören Sie auf, mich zu langweilen, und denken Sie nach", in seiner Paraderolle als neuer Best-Dressed Sherlock Holmes in der BBC-Serie. Oder, als Julian Assange im ansonsten wenig bedeutenden "Inside Wikileaks"-Film: "Wenn du die Wahrheit willst, geh selbst los und such sie. Genau davor haben die Angst. Vor dir." Natürlich darf man Cumberbatch nur im Original hören, gedämpft, geröllig, mit den harten, bildungsbürgerbritischen Konsonanten. Er klingt, als ob er mindestens so viel verschweigt, wie er sagt, die größten Geheimnisse nur beiläufig streift. Vor allem: Man muss ihn gleichzeitig sehen und hören, sonst kommt die Magie nicht, die ihn zu einem der derzeit heißesten Filmneulinge gemacht hat. Mit 37 Jahren.

Als Peter Jackson ihm die Rolle des computeranimierten Drachen Smaug im "Hobbit" gab, ging es nicht nur ums Synchronsprechen. Cumberbatch spielte das Monster. Die Reptilienmimik, die schrecklichen Mundbewegungen, per Motion-Capture-Technik auf die Figur übertragen. Wer den Drachen sieht und hört, sieht und hört ihn.

Seit 2013 entkommt man Benedict Cumberbatch kaum mehr. Gerade war er im Oscar-Siegerfilm "12 Years A Slave" dabei, als zwischen Konformismus und Empathie hin- und hergerissener Sklavenhalter, jetzt kommt John Wells' "Im August in Osage County" in die Kinos, in dem Cumberbatch neben Meryl Streep, Julia Roberts und Sam Shepard den verunglückten Jungspross der Großfamilie spielt. Beides keine allzu glänzenden Rollen. Umso größer war der Tumult, als die BBC im Januar die dritte "Sherlock"-Staffel brachte. Die vorigen Folgen waren in 180 Ländern gelaufen, stehen auf der Videoplattform Netflix, für eine derart regional verwurzelte Serie ein sensationeller Erfolg.

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